Liebe Freunde des OSM,

ja, ja, ich weiß, es ist schon eine Ewigkeit her, dass diese Rubrik zu ihrem Recht kam… genau genommen geschah das am 6. Dezember vergangenen Jahres im Blogartikel 144, falls ihr das nachlesen wollt. Damals ging es um das groteske Thema von „Höhepunkten für Kristallplaneten“ und dergleichen. Es hat nun ge­raume Zeit gedauert, bis ich wieder Gelegenheit fand, die Abschrift- und Kom­mentierungsarbeiten des KONFLIKTS 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ (FdC, 1983-1988) fortzusetzen.

Und sofort stieß ich auf das nächste Kuriosum, eine wirklich schlechte OSM-Epi­sode, wo ich mir so überhaupt keine gescheiten Gedanken gemacht habe, was ich da eigentlich für einen Blödsinn daherfasele. Das hört sich jetzt hart an, aber ich versichere euch, in der Episode, um die es jetzt geht, habe ich soviel Schwachsinn verzapft, dass jeder Lektor ein Fass voll Tränen vergießen würde (wenn er das Manuskript nicht sogleich im Papierkorb entsorgte, der „Ablage P“ für unrettbare Dinge).

Nun, ich bin Optimist und als solcher immer der Ansicht, dass man einen Ret­tungsversuch wagen sollte. Zumal es sich um den OSM handelt… da kann man nicht einfach kurzerhand eine Episode entsorgen. Gerade hier wäre das proble­matisch, weil es strukturell ein durchaus wichtiger Band ist.

Kurz zur Einordnung: Der KONFLIKT 14 ist dabei, zu entgleisen. Oki Stanwer ist fern der Zielgalaxis Hun’arc aufgetaucht, doch dort geht schon seit Monaten al­les drunter und drüber. Der Tsoffag-Angriff hat viele Cranyaa-Welten entvölkert, alle militärischen Strukturen zerschlagen, der Planet TOTAM ist materialisiert, und die Dämonen von TOTAM schwärmen aus, um die Reststrukturen der Gala­xis zu übernehmen, die noch da sind.

Im Zentrum der Galaxis bestand bis vor kurzem das Vielvölkerreich unter der Lenkung der Dämonenwaffe Rookax, aber Rookax wurde demobilisiert. Klivies Kleines, der zweite Helfer des Lichts, ist derzeit mit seiner Lichtfestung OREOC hier in Rookax´ altem Reich unterwegs, um mögliche Gefahren auszuschalten. Dabei erreicht er den Planeten Runix, das Zentrum des Calnarer-Imperiums.

Die Calnarer, zweiköpfige Echsenwesen, waren Rookax´ Techniker und Raum­schiffsingenieure, und ihre Gesellschaft ist gründlich durchmilitarisiert… jeden­falls hat es so den Anschein. Der Band 32 der FdC-Serie, „Die Waffenfestung“, stellte meinen zweiten Blick ins Calnarer-Reich dar. Und da ging sogleich alles schief.

Auftritt Zephir-Gort, seines Zeichens eigentlich ein Calnarer aus einem Repara­turtrupp. Aktuell: heimlicher Herrscher der Calnarer. Verrückt? Nur auf den ers­ten Blick. Das sieht nämlich folgendermaßen aus, betrachtet aus Zephir-Gorts Eigenperspektive:

Zephir-Gort war zwar nicht direkt der Herrscher von Runix, aber doch so gut wie. Er, ein Calnarer von Gomal, 12 Lichtjahre von Runix entfernt, hatte sich in­nerhalb einer Reparaturperiode zum Herrscher aufgeschwungen.

Wie hatte er das gemacht?

Es war ganz einfach gewesen.“

So, damit habt ihr schon mal die Begründung für den heutigen Titel. Aber man sollte ja annehmen, dass es jetzt erst interessant wird, nicht wahr? Reparatur­periode… was mag der Kerl damit wohl meinen? Nun, es geht ja noch weiter:

Er war zum Reparaturdienst in der Zentralstelle der Waffenzentrale bestellt worden. Mit hundert anderen Calnarern. Irgendwie hatte Gort eine vergessene Schaltzentrale gefunden, von der aus er die Waffenfestung kontrollieren konnte. Da das ganze Reich der Calnarer auf Umwegen von hier aus gesteuert wurde, hatte Gort zunächst die Daten über sein Hiersein gelöscht. Danach war er syste­matisch vorgegangen und hatte sich im Sinne der Waffenfestung legitimiert.

Inzwischen wurde er anerkannt.

Von den Maschinen. Denn für die Außenwelt existierte er nicht mehr.“

Ich kann euer Kichern verstehen, Freunde, wirklich. Arg blauäugig, meint ihr, ist diese Darstellung? Sehr simplifiziert? Ja, unbestreitbar. Es gibt darin so viele Fehler, dass ihr diese Form der „Machtergreifung“ sicherlich im E-Book-Format nie lesen werdet. So läuft das alles einfach nicht.

Schauen wir uns ein paar der Fehler an, die hier begangen werden:

Erst einmal ist festzuhalten, dass wir rein gar nichts über Zephir-Gort erfahren. Weder, wie er aussieht, noch, was mit seiner Familie ist, ob er eventuell Kinder oder Geschwister hat. „Ist doch alles unwichtig“, mag ich mir 1984 beim Schrei­ben gedacht haben. Aber berücksichtigt bitte, dass ich damals ja auch erst 17 Lenze zählte. Da denkt man noch einigermaßen naiv.

Zum zweiten ist der gute Zephir-Gort ein Mechaniker. Hat so jemand Ambitio­nen, die Macht zu übernehmen? Na schön, kann schon passieren. Auch ge­scheiterte Postkartenmaler hatten bekanntlich große Pläne und sind schließlich zu Diktatoren aufgestiegen. Ist nicht undenkbar.

Zum dritten geht es dann aber wirklich an die Absurditäten: Zusammen mit 100 anderen Calnarern (die sich natürlich an ihn erinnern, sind ja keine Maschinen) hat er den Waffenfestungskomplex computertechnisch zu warten (so hört es sich an). Dabei findet er einfach so eine „vergessene Schaltzentrale“ – so etwas gibt es eigentlich nicht, schon gar nicht in einem solchen Komplex. Das ist schon mal Käse. Wird aber noch besser.

Er findet nicht nur als einziger seiner Kameraden die „vergessene Schaltzentra­le“, sondern er kann sie auch betreten und beherrschen, er kann die dort not­wendigen Computerprogramme und hat wahrscheinlich die geheimen Passwör­ter für den Zugang gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen… also, wer das glaubt… (ich damals, aber inzwischen weiß ich, wie hirnrissig das ist).

Zephir-Gort löscht sich aus den Computern, was vielleicht noch angehen mag. Aber die 100 Kollegen sind völlig vergessen. Dabei wird doch das ganze Reich auf Umwegen von hier gesteuert, man sollte also plausibel annehmen, dass Techniker, die hier werkeln, ganz besonders gut kontrolliert werden… und si­cherlich zählt man auch nach, ob 100 Leute wieder den Komplex verlassen oder nur noch 99. Allein, mir fiel das nicht auf.

Es geht auch noch weiter, denn ich schrieb damals ferner:

Dieser Komplex wurde einmal im Rhythmus von fünf Jahren untersucht. Es blieb noch viel Zeit.“

Stellen wir uns das Rechenzentrum eines Geheimdienstes vor. Wird da tatsäch­lich nur alle 5 Jahre gecheckt, wenn der Staat auf das tägliche Funktionieren dieses Rechenzentrums angewiesen ist? Hört sich für mich wieder nach arger Simplifizierung an. Ich würde doch meinen, wenigstens jährliche Kontrollen sind sehr viel wahrscheinlicher. Und das alles schrieb ich damals nur, um für Zephir-Gort alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Ermüdend, wenn ihr mich heute fragt.

Irgendwie ist das, was mit ihm dann in dieser Episode passiert, ganz folgerich­tig. Er wird nämlich fast von der eigenen Artillerie abgeschossen und überlebt das nur, weil ihn die Lichtfestung OREOC in seinen Hangar transmittiert. Damit wird Zephir-Gort automatisch zum Gefangenen von Klivies Kleines. Und die Ge­genüberstellung ist auch völlig abstrus. Schaut euch das mal an:

Ein aktivierter Lichtroboter führte ein fremdes Wesen herein – eine zweiköpfi­ge, aufrecht gehende Echse – und sofort begriff der Helfer [Klivies Kleines], dass dies ein Calnarer war.“

Interessant – Kleines hat noch nie einen Calnarer gesehen und erkennt ihn trotzdem sofort…

Ich protestiere gegen diese Behandlung! Ich bin der Herrscher von…“

Du Trottel!“, keifte der zweite Kopf. „Das wollen sie ja nur von dir wissen! Du sollst ihnen nicht verraten, dass du der Herrscher von Runix bist!“

Oje, dachte ich… wie hoch war noch mal der IQ des Calnarers? Und der meines jüngeren Ego? Letzterer kann nicht wirklich ausgeprägt gewesen sein, fürchte ich.

Abgesehen davon, dass in dem ganzen Band überhaupt nicht klar wird, was für eine Regierungsform – jenseits dieses grotesken Usurpators, der aber ja nach eigenen Angaben der Öffentlichkeit nicht bekannt ist – auf Runix herrscht, er­fährt man sowieso erbärmlich wenig über Klima, Topografie, Zusammensetzung der Gesellschaft oder auch nur den Status der drei Calnarer, die in dieser Episo­de in Erscheinung treten.

Das ist schon sehr ernüchternd. Ich hoffe wirklich, dass ich noch irgendwas von dieser Geschichte erhalten kann. Ich wünsche es mir sehr, aber offen gestan­den… es sieht nicht optimal aus. Von dieser Episode wird wohl kaum ein Satz in die Endfassung übertragen werden können, und das ist gut so – ich fürchte fer­ner, dass gerade dieser KONFLIKT 14 noch für manche Groteske gut ist.

Soviel für heute. Ich verabschiede mich und lasse euch mal knobeln, wohin es wohl in der nächsten Woche gehen mag. Lasst euch überraschen.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 72: Mythos Ägypten

Posted August 9th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute schwärme ich mal ein wenig, und ihr werdet schnell entdecken – womög­lich noch vor Lektüre des Buches – , dass diese Schwärmerei sowohl unvermeid­lich wie absolut selbstverständlich ist.

Es geht in dem Werk, das ich euch heute als Lektüre ans Herz legen möchte, und ich wähle diesbezüglich meine Worte wirklich mit Bedacht, um ein histori­sches Thema, das sich mit der Wiederentdeckung der ägyptischen Hochkultur be­fasst. Das ist nicht eines jener zahllosen staubtrockenen Bücher, in denen endlo­se Faktenlisten repetiert werden – die gibt es selbstverständlich auch, und die Bibliotheken sind voll von ihnen. Nein, ich möchte behaupten, in diesen Seiten des unten stehenden Sachbuches erwacht gewissermaßen die Vergangenheit zu neuem Leben, mitsamt all den schrulligen, faszinierenden Protagonisten, den wilden Zeitläuften und den ganzen Mysterien, in die dies alles verwoben war.

Es war ein wunderschönes Abenteuer, dieses Buch genüsslich zu lesen… und ich fand es nicht einfach, die Rezension dazu zu verfassen, weswegen ich davon ab­sah, dies – wie sonst üblich – in einem Rutsch zu schreiben. In der Tat hat es mich dann fast vier Jahre gekostet, die Anfang und Ende der Rezension ausein­ander lagen, ehe ich sie fertigstellen konnte.

Vielleicht findet ihr, dass dies den betriebenen Aufwand wert war. Das Buch selbst war es auf jeden Fall, und ich freue mich schon auf den Tag, da ich die Muße finde, wieder einmal danach zu greifen und es von neuem zu lesen… dies oder eines der anderen Tyldesley-Bücher, die ich inzwischen besorgt habe.

Für den Moment folgt mir jedenfalls einfach mal in dieses Buch und schaut, ob ihr euch ebenso elektrisieren lasst wie ich damals:

Mythos Ägypten

Die Geschichte einer Wiederentdeckung

(OT: Egypt. How a Lost Civilization Was Rediscovered)

von Joyce Tyldesley

Reclam/BBC-Books, 2006

338 Seiten, Hardcover

Aus dem Englischen von Ingrid Rein

ISBN 978-3-15-010598-6

Europäische Geschichte wirkt wie eine Art von obskurer Fußnote, betrachtet man sie durch das Brennglas einer Epoche, in der schon hoch stehende Technik und Ärztekunst, Philosophie, Religion und Wissenschaft ihre Triumphe feierte – vor 5000 Jahren stand das Reich der Pharaonen im schmalen, grünenden Niltal in Ägypten in der ersten Blüte, und mit zahlreichen Auf- und Abschwüngen ging diese wechselvolle Hochzeit noch weitere dreitausend Jahre weiter.

Zu dieser frühen Zeit schlichen in Zentraleuropa in Felle gekleidete Wilde durch Urwälder und stellten Tieren nach, sie erbauten mehrheitlich Häuser aus ver­gänglichen Materialien wie Holz, Lehm und Schilf, von denen außer Löchern im Boden kaum etwas blieb. Es sollte noch Jahrtausende dauern, bis die Zivilisation des Mittelmeerraums in direkten Konflikt mit Zentraleuropa kam. Und doch war es just diese sich spät entwickelnde Zivilisation Europas, die lange nach dem Untergang des Pharaonenreichs daran ging, diese Hochkultur aufzuklären. Die von der pharaonischen Blütezeit ausstrahlende Faszination hat heutzutage viel­leicht ihren strahlenden Höhepunkt erreicht, und es vergeht kein Jahr, in dem nicht wieder irgendeine Sensation aus Ägypten oder den zahllosen, über die Welt verstreuten ägyptischen Sammlungen offenbar gemacht werden. Stets sind sie für Schlagzeilen gut.

Die in Liverpool an der Universität lehrende Ägyptologin Joyce Tyldesley, die durch zahlreiche einschlägige Werke zur ägyptischen Geschichte bekannt ist, er­läutert in diesem ungemein flüssig lesbaren Werk, warum das so ist. In ihrem Begleitbuch zur BBC-Reihe schildert sie lebendig in zwölf Kapiteln, wie die pha­raonische Kultur wiederentdeckt wurde… denn machen wir uns nichts vor, sie war weitgehend vergessen.

Die Gründe dafür liegen für denjenigen, der sich generell mit der Geschichte des Mittelmeerraumes ein wenig auskennt, auf der Hand: die pharaonische Epoche endet im Grunde genommen mit Königin Kleopatra, und selbst diese Episode war nur noch ein matter Abglanz um die Wende des Jahres 0 unserer christlichen Zeitrechnung, ein Hauch dessen, was früher war. Die ruhmreichen Zeiten der großen Pharaonenherrscher lagen zu diesem Zeitpunkt schon Jahr­hunderte zurück. Zuvor hatten bereits die Babylonier, die Assyrer, die Perser, die Griechen unter Alexander dem Großen und nachfolgende Diadochenherrscher, die die griechische mit der ägyptischen und mesopotamischen Kultur vermisch­ten, dafür gesorgt, dass die klare Überlieferungsreihe aus uralter Zeit verwäs­sert wurde und schließlich abriss.

Als das römische Imperium die Macht über das Reich am Nil errang, vollzog sich weiterhin ein kultureller Niedergang. Neue Kulte blühten auf, die Kenntnis der Hieroglyphenschrift – der Schlüssel zur ruhmreichen Vergangenheit – schwand dahin. Danach folgte die arabische Eroberung und konsequente Vernachlässi­gung der antiken Baudenkmäler, die mehr und mehr zu pittoresken Sehenswür­digkeiten verkamen, deren konkreten Sinn man nicht mehr begreifen konnte. Hieroglyphenschrift wurde günstigstenfalls als Ornament verstanden, schlimms­tenfalls als heidnische Zauberschrift, und es gibt leider hinreichend Zeugnisse davon, dass Tempel geschleift wurden, um profanes Baumaterial zu stellen, ei­nerseits, oder um als Moscheen oder christliche Kirchen umgewidmet zu wer­den.

Wohl sahen gelegentlich seltene Reisende aus Europa in den folgenden Jahr­hunderten diese Pracht aus uralter Zeit, und viele von ihnen zeichneten auch die verzerrten Legenden auf, die sich um diese Bauwerke rankten. Doch von ei­nem wirklichen Verständnis, ja, selbst von einer wirklichkeitsnahen Abbildung dessen, was sie sahen und vorfanden, konnte keine Rede sein.

Ägypten war ein Land der Legenden und Rätsel geworden, die pharaonische Kultur undurchdringlicher denn je. Manch einer behauptete, die Geheimnisse dieser Epoche werde niemals mehr jemand enträtseln können… und wahrhaf­tig, Jahrhunderte schien es ja auch genau so zu sein. Die Autorin schreibt prä­gnant zu dieser Phase der Geschichte: „Ägypten war zu einem Land geworden, das gleichsam hinter einem Schleier verborgen lag, sein Ruhm und seine Pracht leuchteten nur noch hier und da in der Bibel und den Werken der klassischen Schriftsteller auf. Arabische Kaufleute konnten sich zwar ohne größere Schwie­rigkeiten im ganzen Land bewegen, doch waren ihnen die merkwürdigen Relikte eines schon seit langer Zeit verschwundenen Volkes gleichgültig…“ (S. 45)

Joyce Tyldesley unterteilt ihr Buch sinnvoll in vier große Abschnitte, denen sie die Titel „Die Erforscher“, „Die Sammler“, „Die Archäologen“ und „Die Wissen­schaftler“ gibt. Allein daran sieht man schon, dass die ernsthafte Forschung sehr spät begonnen hat.

Während sie unter Erforscher auch schon die Weltreisenden der griechischen Antike vor Alexander dem Großen rechnet, beginnt eigentlich erst in Kapitel 2 „Ein wiederentdecktes Land“ die ernsthafte Beschäftigung mit der Vergangen­heit des Nillandes, und bahnbrechend ist dann „Die Entzifferung der Steine“ (Kapitel 3), die mit Champollions Entschlüsselung der Hieroglyphenschrift en­det. Erst dann kann man tatsächlich von einer möglichen Forschung sprechen.

Doch, oh weh, zunächst kommen „Die Sammler“ zu Worte. Napoleons Feldzug in Ägypten Anfang des 19. Jahrhunderts, der auch Champollions Entdeckung erst möglich machte, befeuert in Europa und Übersee ein Ägypten-Fieber. Es entstehen Salons im Stil der Nilkultur, und reiche Sammler schicken ihre Emissä­re an den Nil, um dort „spektakuläre Stücke“ einzusammeln und nach Europa zu verschiffen. Zahlreiche Obelisken etwa in London, Paris oder Rom zeugen davon ebenso wie unzählige Mumien, Sarkophage, Statuen, Inschriften und Pretiosen, die aus rücksichtslos aufgebrochenen Gräbern entfernt und verschifft werden. Einer, der sich hier bei scheinbar unmöglichen Aufgaben Meriten erwirbt, die heutzutage ein wenig zwielichtig sind, ist Giovanni Battista Belzoni, später „der Große Belzoni“ genannt (Kap. 4). Spätere frühe Ägyptologen wie Howard Carter zählen den 1778 in Padua geborenen Italiener zu ihren Helden. Dass er unter anderem mit Sprengstoff und Spitzhacke zuwege geht, um an seine Ziele zu ge­langen, lässt ihn heutzutage als einen frühen „Indiana Jones“ erscheinen. Aber in dieser Beziehung ist er ganz Kind seiner Zeit, denn ein Heinrich Schliemann, um einen weiteren „Abenteurer“ jener Epoche zu nennen, ist nicht sehr viel zar­ter besaitet.

Mit Belzoni hält die Phase der „Schatzsucher“ (Kap. 5) Einzug in Ägypten, und natürlich kümmern sie sich besonders um die phantastischsten Bauwerke der Antike, das einzige noch existente Weltwunder der damaligen Zeit: die Pyrami­den. Selbst wenn „die Pyramidenforscher“ (Kap. 6) erst etwas später ernsthaft zu Werke gehen, zwängt sich schon Belzoni in die stickigen, finsteren Gänge der gewaltigen, von Menschen aufgeschichteten Felsquadergebirge und versucht, ihre Geheimnisse zu entschlüsseln, oftmals unter Lebensgefahr. Politische Insta­bilität, Grabräuber und Rivalitäten unter den Schatzsuchern und Sammlern tun ihr Übriges dazu, diesen Teil von Tyldesleys Sachbuch zu einer durchaus span­nenden Thrillerlektüre für den Neuling in ägyptischer Geschichte zu machen.

Erst etwa um das Jahr 1850 herum, mit dem dann der dritte Teil „Die Archäolo­gen“ beginnt, bekümmern sich besorgte Geister um den „Schutz der Denkmä­ler“ (Kap. 7), weil sie merken, dass das Nilland eben nicht unerschöpfliche Reichtümer bietet und bedenkenlos geplündert werden darf, wenn man die Ge­schichte dieser Kultur wirklich verstehen will.1 Man kann also sagen, dass erst Mitte des 19. Jahrhunderts ein Umdenken stattfindet und die kulturellen Schät­ze des Landes zunehmend auch als schützenswerte Kulturgüter wahrgenom­men werden.

Eines dieser Kulturgüter ist eine legendäre Stätte, die die Augen jedes Ägypten­fans automatisch aufleuchten lassen: „Das Tal der Könige“ (Kap. 9), das viel­leicht am intensivsten umgegrabene Areal Ägyptens überhaupt, in dem gleich­wohl bis heute bemerkenswerte Entdeckungen gemacht werden. Einer der schönsten Funde kam im Jahre 1922 ans Tageslicht, worüber im Kapitel 10 „Wunderbare Dinge“ berichtet wird.

Der Titel des Kapitels ist ein Zitat von Howard Carter, und es ist mir immer wie­der ein Vergnügen, das mir wohlige Schauer über den Rücken laufen lässt, wenn ich seine Worte lese, und darum sei hier ein kleines Zitat für den Neugierigen gebracht, das Weltgeschichte geschrieben hat: „Zuerst konnte ich nichts sehen, da die aus der Kammer entweichende Luft das Licht der Kerze flackern ließ, doch sowie sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnten, tauchten aus dem Dunkel der Kammer nach und nach Einzelheiten auf, seltsame Tiere, Statuen und Gold – überall schimmerte Gold! Für den Augenblick – den anderen, die neben mir standen, muss es wie eine Ewigkeit vorgekommen sein – war ich vor Erstaunen sprachlos.

Als Lord Carnarvon die Ungewissheit nicht länger ertragen konnte und gespannt fragte: ‚Können Sie etwas sehen?’, vermochte ich nur zu erwidern: ‚Ja, wunder­bare Dinge!’“

Solche Momente sind magisch, das kann man nicht anders sagen, und wer im­mer von Geschichte fasziniert ist, wird das hier ganz genauso empfinden. Joyce Tyldesley liefert in ihrem Buch nicht nur die allgemeine Hintergrundgeschichte zur Neuentdeckung der pharaonischen Kultur, sondern eben auch die packen­den, abenteuerlichen Kapriolen, die die Forscher und Abenteurer selbst dabei erlebten. Sie verfolgt die Biografien ihrer „Helden“ oder „Finsterlinge“ (wenn man solche Kategorisierungen braucht), und was herauskommt, ist ein Werk, das fast romanhaft einen Spannungsbogen erzählt, der über mehrere tausend Jahre hinweg führt. Sie besucht die alten Pharaonen und die Stätten uralten re­ligiösen und politischen Glanzes im Niltal, wie man einen Besuch bei alten Freunden macht, und es ist einfach eine Freude, ihr in dieses Buch zu folgen. Es hat mich nicht einmal zehn Tage gekostet, es fast in einem Rutsch zu verschlin­gen, so flüssig und begeisternd ist es geschrieben.

Dies ist gute, kenntnisreiche und opulente Unterhaltung im besten Sinne, wie sie viele angloamerikanische Wissenschaftler zu schreiben verstehen. Und ich glaube, ich brauche den Vergleich nicht zu scheuen, wenn ich sage, dass dies vielleicht nach „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C. W. Ceram alias Kurt Marek, den ich in meiner Kindheit mit Wonne mehrmals hintereinander verschlungen habe, das mit Abstand beste und lesbarste Buch über die ägyptische Geschichte ist, das ich kenne.

Joyce Tyldesleys Buch ist jede investierte Minute wert, das versichere ich euch!

© by Uwe Lammers, 2009-2013

In der kommenden Woche reisen wir wieder in die Welten der Science Fiction, und wir finden uns dann buchstäblich bedeckt vom „Schatten dunkler Flügel“. Was das bedeuten soll? Nun, wenn ihr das erfahren wollt, schaut kommenden Mittwoch wieder herein, dann seid ihr schlauer.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Dies ist übrigens ein Phänomen, das beim Menschen immer wieder auftritt und zumeist durch einen sehr eng beschränkten Informationshorizont verschärft wird. Es gibt viele der­artige Beispiele, ich möchte nur ein paar nennen: als die Osterinsel ihre letzten Bäume verlor, geschah das offensichtlich durch ihre Bewohner selbst, die daraufhin einen ökologi­schen Kollaps ihrer beschränkten Ökosphäre herbeiführten und sich damit fast umbrach­ten. Vorausschauendes Denken hätte das verhindern können. Beispiel 2: als im späten 19. Jahrhundert die Nordamerikanische Wandertaube ausgerottet wurde, die in Schwärmen von Milliarden Individuen über den Kontinent zog, konnten sich die Jäger das gar nicht er­klären. Sie hatten diese Vogelschwärme für unerschöpflich gehalten. Dasselbe Phänomen ereignete sich beim exzessiven Walfang im 19. Jahrhundert, es lässt sich fortführen über das Kollabieren von Fischbeständen weltweit, über das Aussterben von Tierarten, das Aus­rotten von lokalen Lachspopulationen, das Überfischen von Haifischbeständen vor der afrikanischen Küste, deren gefangene Tiere immer kleiner werden (ein Alarmzeichen, was gern missachtet wird gemäß dem Glauben, dass „Allah schon immer weitere Haie schi­cken wird“, wie ein leichtgläubiger Fischer einmal bekannte). Der Mensch lernt offensicht­lich nur aus Katastrophen, was ich sehr bedauerlich finde.

Liebe Freunde des OSM,

vor neun Wochen entschwand ich in dieser Subartikelreihe meines Blogs mit dem Ausklang des Monats Dezember 2001 und versprach, euch nun in diesem Artikel in das Jahr 2002 zu geleiten.

Während ich bis zum 27. Februar mit meiner Magisterarbeit „Dunkle Vergan­genheit – Wissenschaftlerkarrieren in der kulturwissenschaftlichen Abtei­lung der Technischen Hochschule Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig“ be­fasst war, entstanden nacheinander in den nächsten Monaten, in denen ich eifrig mit der Neuformatierung des Archipel-Romans „Christinas Schicksal“ und der Schreibarbeit an „Rhondas Reifejahre“ befasst war, erst einmal gar nichts zu den Annalen der Ewigkeit.

Der Grund war derselbe wie in den Jahren 2000 und 2001: Der Archipel hatte mich fest im Griff, und dieser Griff wurde immer stärker. Man merkt das deut­lich an dem zweiten Rhonda-Roman, „Rhondas Reifejahre“, der zwar in die­sem Jahr begann, mich aber – ungelogen – bis zum Jahr 2010 in Atem halten sollte. Ich erzähle davon beizeiten noch mehr.

Im Juli ließ der Klammergriff des Archipels ein wenig nach, und ich driftete prompt in das Universum des „Feuerspürers“ Shorex’uss ab und beendete am 27. Juli 2002 den dritten Roman dieser Reihe, „Der Feuersklave“. Und da diese Geschichte einen wirklich üblen Schluss-Cliffhanger hat, konnte es kaum über­raschen, dass ich mich sehr rasch in der Fortsetzung wieder fand – die ich dann unter dem Titel „Die Feuerjäger“ am 31. August 2002 vollendete. Es sei hierzu nur angedeutet, dass sich Shorex‘ Leben von diesem Moment an auf grässliche Weise fundamental änderte, auf eine für ihn völlig unvorstellbare Weise… zu schade, dass das bis heute noch niemand lesen konnte.

Im September begann ich mich dann endlich wieder ein wenig zu entspannen… wie? Nun, indem ich OSM-Episoden schrieb! Was war das nach all den Mam­mutwerken für eine Erleichterung. Etliche Episoden lang schrieb ich im Septem­ber und Oktober die Handlungsstränge des KONFLIKTS 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ (DM) weiter, suchte einen Ort namens Feuer-Terra auf, beglei­tete einen der legendären Entropie-Ingenieure auf Reisen durch Raum und Zeit, enthüllte das Rätsel der Veils, folgte berinnyischen Invasoren ins solare Sonnen­system und fand mich schließlich auf einem fliegenden Kontinent namens Shon­ta-Land in der NISCHE wieder… und dann auf einer euch schon durch „Ian und der Stein der Götter“ durchaus vertrauten Welt namens Dawson.

Im November driftete ich noch etwas mehr ab, indem ich dort damit begann, meine erste und ursprüngliche OSM-Ebene, KONFLIKT 15, also die Serie „Oki Stanwer“ (OS) (1981-1984), abzuschreiben und zu kommentieren. Das sanierte dann gründlich meine desolaten OSM-Schreibzahlen für dieses Jahr.

Aber auch in Hinblick auf die Annalen ging es durchaus voran. Am 15. Novem­ber entstand mit „Pazifisten“ eine sehr kurze OSM-Geschichte, die in der Gala­xis Feuerrad spielt und die mich in ihrer Form heute nicht mehr wirklich zufrie­denstellen kann. Ich werde sie beizeiten also gründlicher ausarbeiten müssen, ehe ich sie auf euch „loslassen“ kann. Es geht hierin um die Frühzeit des Krie­ges zwischen den Tay’cuur und den Völkern der Galaxis Feuerrad, exemplarisch an den Bioingenieuren der Thaas zu erleben… wer die frühen Shorex-Romane, die nach wie vor auf der Website www.sfcbw-online.de zu finden sind, gelesen hat, dem sind die Thaas namentlich wenigstens schon mal bekannt, ebenso die Bhaktiden, die in dieser Story eine Rolle spielen.

Tja, aber damit war es das dann für die Annalen im Jahr 2002. Auch wenn ich auf 109 abgeschlossene Werke insgesamt kam (zum Vergleich: 2001 waren es nur deren 62), nicht wirklich ein sehr produktives Jahr. Immerhin kam ich über 390 Seiten weit am zweiten Rhonda-Roman. Das jedoch war nur der erste von fünf Teilen dieses Werkes… und mit Abstand der kürzeste. Das konnte ich indes noch nicht ahnen.

Das Jahr 2003 scheuchte mich durch weitere Archipel-Kurzgeschichten, auf die ich vermutlich ein anderes Mal eingehen werde. Erst nach einer ganzen Weile, nämlich am 28. März, schloss ich das nächste Werk der Annalen ab: „Feuer­herz“.

Ja, wie ihr richtig anhand des Titels erratet, ist das der fünfte Roman um den Xin-Feuerspürer Shorex’uss. Und bislang der letzte, denn der Nachfolgeband „Der Feuerhort“ ist bislang noch ein Fragment. Ich denke, ich werde ihn dann weiterschreiben und vollenden, wenn ich die frühen fünf gründlich überarbeitet, glossiert und vielleicht auch publiziert habe. Das wird aber noch ein ganzes Weilchen auf sich warten lassen… andere Annalen-Bände haben in der Veröf­fentlichungsliste Priorität. Ich verrate euch in Bälde, warum das so ist.

Dann steckte ich auch schon wieder in einem neuen historischen Auftrag fest, der meine Zeit gründlich band. Diesmal hatte ich mich für das Stadtarchiv Braunschweig um den „17. Juni 1953 in den Braunschweiger Zeitungen“ zu kümmern. Gewiss, nur ein paar Monate lang, aber in der Zeit kam ich zu relativ wenig anderem. Historische Recherche für biografische Aufsätze über Personen, die in meiner Magisterarbeit „zu kurz gekommen“ waren, fesselten mich weiter an die diesseitige Welt. Und die eine oder andere Idee für Archipel-Kurzge­schichten flog mich auch noch an.

Es dauerte also bis zum September 2003, ehe ich eine neue OSM-Geschichte Aus den Annalen der Ewigkeit vollenden konnte – diesmal „Heimweh“, die ihr als Teil meiner vierten Kurzgeschichtensammlung „Als Tiyaani noch ein Kind war…“ kürzlich als E-Book in Empfang nehmen konntet. Eine Geschichte, die euch erstmals den noch unbekannten KONFLIKT 21 aufschlägt, den ich in der OSM-Serie „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ (FvL) behandle.

Im November schaffte ich es, den zweiten Teil von „Rhondas Reifejahre“ zu vollenden (inzwischen war Seite 647 erreicht, von Ende nicht mal näherungs­weise etwas zu entdecken!)… und dann stolperte ich am 16. November in das neue Universum des KONFLIKTS 2 „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI), das ihr ja wahrscheinlich aus der Lektüre meiner gleichnamigen E-Book-Serie in ausgearbeiteter Form seit dreieinhalb Jahren gut kennen dürftet.

Das lenkte wieder solide ab, dann kam noch ein Vortragstext, den ich auszuar­beiten hatte… und ehe ich mich versah, war das Jahr vorüber.

Summa summarum kann ich auch das Jahr 2003, wiewohl es immerhin 127 ab­geschlossene Werke erbrachte, für die Annalen nicht als sehr produktives Jahr betrachten. Hätte übler ausgehen können, eindeutig. Aber optimal kann man das auch nicht nennen.

Das darauf folgende Jahr sollte mich noch ein wenig mehr zusammenstauchen und mich dem Bodensatz der Gesellschaft näher bringen, da ich mich inzwi­schen auf Sozialhilfeniveau bewegte. Das hatte selbstverständlich auch Auswir­kungen auf meine seelische Verfassung und meine Kreativität. Aber der Zufall sollte mich im Jahr 2004 auch positiv überraschen und aus der Talfahrt eine Bergfahrt machen.

Nein, noch konnte ich das nicht erahnen… wie das alles im Detail kam und was das für positive wie nachteilige Folgen für mich hatte, davon berichte ich euch dann im nächsten Teil dieser Artikelreihe.

Wohin es euch in der kommenden Woche im Wochen-Blog verschlagen wird? Nun, ich würde sagen, da lasst euch mal wieder überraschen. Natürlich, diejeni­gen, die die ESPost (www.espost.de) lesen oder sich regelmäßig meine Autoren­seite auf Amazon AuthorCentral ansehen, wissen schon mehr. Vielleicht solltet ihr das auch mal probieren? Es lohnt sich.

Soviel also für heute. Macht es gut und bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 71: Die Nano-Blume (3/E)

Posted August 2nd, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

tja, und mit diesem voluminösen Roman endet dann die Trilogie um den Psi-De­tektiv Greg Mandel und seine Welt der relativ nahen Zukunft. Dieser Zyklus ist gewissermaßen die professionelle Aufwärmübung gewesen für die Meister­schaft, die Hamilton bald darauf im „Armageddon-Zyklus“ beweisen sollte.

Nein, das bedeutet durchaus nicht, dass dieser Roman und seine beiden Vor­gänger nicht gelesen werden sollten, das sollen sie absolut, und sie sind packen­de, spannende Lektüre. Aufregend komplex und ausgestattet mit genau der richtig austarierten Mischung aus emotionalen Achterbahnen, politischen Intri­gen, falschen Fährten, toten Enden und überrumpelnden Erkenntnissen.

Doch, „Die Nano-Blume“ ist ein Roman, der echt Spaß macht und, das ist viel­leicht das Schönste, anschließend den Leser, der auf den Geschmack gekom­men ist, weiter im breiten Oeuvre des Autors schmökern lässt, das ja inzwi­schen schon beinahe in Regalmetern zu messen ist.

Lust auf einen Scifi-Krimi der Extraklasse? Dann mal auf ins Vergnügen:

MINDSTAR 3: Die Nano-Blume

(OT: The Nano Flower)

von Peter F. Hamilton

Bastei 23215

768 Seiten, damals 16.90 DM

Übersetzt von Thomas Schichtel

Eigentlich könnte alles in bester Ordnung sein: die alte sozialistische SVP, die England nach der ökologischen Katastrophe regierte und deren terroristische Reststadien selbst zehn Jahre nach ihrem Fall noch Probleme bereiteten1, ist entschwunden, und ebenso ist der furchtbare Mord an dem Physiker Edward Kitchener aufgeklärt worden.2 Seither ist die britische Wirtschaft konstant am Aufblühen, was insbesondere dem Konzern Event Horizon zu verdanken ist.

An seiner Spitze steht die inzwischen gereifte Milliardärin Julia Evans, inzwi­schen seit vielen Jahren glücklich verheiratet und Mutter zweier intelligenter Kinder. Ihr guter Freund und Helfer, der Mindstar-Veteran Greg Mandel, hat sei­ne Eleanor ebenfalls geheiratet und einen ganzen Kindergarten von Nachwuchs in die Welt gesetzt. Nichts liegt ihm ferner, als jemals wieder für Event Horizon irgendeinen Auftrag zu übernehmen.

So stehen die Dinge, als die Nano-Blume auftaucht und das Leben vieler Men­schen von Grund auf umkrempelt.

Die Nano-Blume ist in der Tat eine Pflanze, aber eine höchst exotische, und ihre DNS entspricht in keiner Weise der, die im Sonnensystem existiert. Sie wird Julia Evans auf einer öffentlichen Festveranstaltung in der Festung Monaco über­reicht. Die Überbringerin, eine Edelkurtisane namens Charlotte Fielder in den Diensten Dimitri Baronskis, verschwindet in Monaco spurlos, was wegen der perfekten Überwachungsmethoden eigentlich für unmöglich gehalten wird. Dennoch geschieht genau das.

Doch das interessiert Julia Evans in diesem Moment kaum – die Blume ent­puppt sich nämlich als eine Botschaft, ja, eine Warnung ihres seit acht Monaten verschollenen Ehemanns Royan.

Royan aber gehörte genau wie Greg Mandel zur paramilitärischen Guerilla-Gruppe der Trinities, die erbittert die SVP bekämpfte. Royan hatte besonders gute Gründe dafür, war er doch bei den Straßenkämpfen als Jugendlicher so brutal verkrüppelt worden, dass er für ein normales Leben einfach nicht mehr taugte und sich mittels zahlloser Implantate zum Hightech-Genie und geheimen Kommandokopf der Trinities entwickelte. Als der Endkampf der Trinities und der illegalen SVP-Kader (nach dem Ende des 2. Mindstar-Romans) schließlich eskalierte, war es Julia Evans zusammen mit Greg Mandel, die ihn evakuierte. Und Julia war es auch, die Royan in monatelanger Rehabilitation wieder zu ei­nem normalen Körper verhalf.

Wenn jemand Royan finden kann, sagt sie sich plausibel, dann eigentlich nur sein alter, mit einer psionischen Drüse ausgestatteter Freund und Kampfgefähr­te Greg. So gelingt es Julia, ihn und die ehemalige Trinity-Kämpferin und jetzige Hardlinerin Suzy zu motivieren, sich auf Royans und Charlotte Fielders Spur zu setzen.

Bald müssen sie aber feststellen, dass sie nicht die einzigen sind, die Royan und seinen geheimnisvollen Bündnispartner jagen – einen leibhaftigen Außerirdi­schen, der über eine traumhafte Technologie zu gebieten scheint, die imstande ist, die gesamte Weltwirtschaft umzukrempeln. Eine ganze Reihe von Konzer­nen und Gruppierungen scheinen hinter dieser Technologie und dem, der sie in die Welt gesetzt hat, her zu sein. Charlotte Fielder wird entführt, Killer gedun­gen, Hinterhalte gelegt.

Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, beginnt Suzy einen privaten Krieg mit einem psychotischen Hardliner auf der Gegenseite auszufechten, während Greg einen Drüsenpsioniker mit Paranoia- und Hasskomplex auf den Hals gehetzt bekommt. Die Ermittlungen, die laut Julia ganz harmlos und per­fekt kontrolliert ablaufen sollen, so dass Greg, der ja nun auch schon um die 50 ist, auch ja kein Schaden entsteht, eskalieren rasch zu einem blutigen, brutalen und mit härtesten Bandagen geführten Kleinkrieg, in dem rücksichtslos über Leichen gegangen wird…

Der voluminöseste aller drei Mindstar-Romane, der sich schon deutlich dem Format der späteren Armageddon-Bände annähert, läuft wie üblich sehr dezent an, gewinnt aber schnell an Fahrt, während der Leser mühsam versucht, aus den zahllosen Faktenpaketen, Konferenzen und Fraktionen die Dinge herauszu­filtern, die wirklich für die Handlung relevant sind. Erneut gelingt es Hamilton, den Leser manches Mal kurzfristig auf falsche Fährten zu locken, und das ist gut so.

Sehr beeindruckend entwickelt er aber im Hintergrund die Weltgeschichte wei­ter und beweist durch die Vielschichtigkeit seiner Handlungsstränge, dass er das enge Korsett der Mindstar-Ebene zu sprengen imstande und willens ist. Erst im darauffolgend entwickelten Armageddon-Zyklus geht er richtig aus sich heraus und breitet eine weitgefächerte Kulisse vor dem Leser auf. Hier darf er wahr­scheinlich noch nicht.

Eine ganze Reihe von Details werden dem Leser, der den o. g. Zyklus bereits ge­lesen hat, bekannt vorkommen. So beispielsweise „New London“, einen ausge­höhlten Asteroiden im Erdorbit. Die Orbitalfabriken. Der Kampf im Innern von „New London“. Die Gedanken zu einem Atmosphärenlift. Dieses eigentümliche außerirdische Material, das Hamilton hier schon „Polyp“ nennt. Und so weiter.

Die Geschichten, die er später in dem Band „Zweite Chance auf Eden“3 ge­schlossen publiziert und die den Grundstein für „Armageddon“ legen, interfe­rieren hier bereits heftig mit „Mindstar“, aber das macht die Sache meines Er­achtens nur noch reizvoller.

Man merkt aber auch in diesem Buch, ganz besonders zum Schluss, dass der Autor ein harmoniesüchtiger Romantiker ist. Manche Leser werden einige Stel­len wohl „zu süßlich“ finden, andere würden es vielleicht „kitschig“ nennen. Dennoch baut dieser Roman konsequent den Mindstar-Kosmos aus und schließt die Serie damit auch ab. Es ist eine Trilogie, die für einen Erstlingszyklus sehr ordentlich ist und kaum jemals Langeweile aufkommen lässt. Das gilt auch für dieses Buch, das deutlich umfangreicher als die Vorgänger ist. Halt das rich­tige Lesefutter für eingefleischte Hamilton-Fans und solche, die es werden wol­len.

© by Uwe Lammers, 2006

Als ich die Rezension für den Blog aufbereitete, konnte ich gar nicht recht fas­sen, dass es tatsächlich schon zehn Jahre (!) her sein soll, dass ich ihn gelesen habe… hört sich irreal an. Es bewahrheitet sich mal wieder, was ich gern von meinen Rezensionen sage – dass sie die Leseeindrücke konservieren, deutlich besser jedenfalls als mein träges, löchriges Gedächtnis.

Dennoch… ich habe das dumpfe Gefühl, zu dieser Trilogie sollte ich in absehba­rer Zeit mal wieder greifen. Na, wenn ich die mir noch vorliegenden Romane und Kurzgeschichten von Peter F. Hamilton geschmökert habe, dann ist es wie­der soweit. Hamiltons Romane gehören grundsätzlich zu der Sorte von Ge­schichten, die ich mit Vergnügen und Gewinn ein zweites Mal im Abstand von ein paar Jahren lese. Und vertraut meinem Urteil – das ist wirklich ein Qualitätssiegel.

In der nächsten Woche reisen wir zurück in den Sachbuchsektor und zu einer wunderbaren Autorin, die uns die Geschichte des alten Ägypten nahebringen wird. Freut euch drauf!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. Rezi „Mindstar 1: Die Spinne im Netz“, inzwischen Rezensions-Blog 63 vom 8. Juni 2016.

2 Vgl. Rezi „Mindstar 2: Das Mord-Paradigma“, inzwischen Rezensions-Blog 67 vom 6. Juli 2016.

3 Vgl. Rezi „Zweite Chance auf Eden“, inzwischen Rezensions-Blog 36 vom 2. Dezember 2015.

Liebe Freunde des OSM,

allzu glücklich konnte ich über den verstrichenen Monat April nun wirklich nicht sein. Ich meine, ich führe ja immer akribisch Buch darüber, wie kreativ ich bin und wie viele „Kreativseiten“ im Monat entstehen, das tue ich schon seit vielen Jahren. Aber die Tendenz, die ich seit Monaten beobachte, gefällt mir absolut nicht.

Schauen wir uns die absoluten Zahlen an, bezogen auf den Monat April: 584 Seiten (worin Blogartikel, Mails und Listen inbegriffen sind). Wenn man be­denkt, dass ich im vergangenen Jahr eigentlich durchweg im vierstelligen Be­reich lag, oftmals über 2000 Seiten im Monat, dann ist augenfällig, dass die kreative Leistung derzeit massiv abnimmt. Das kann mich natürlich nicht glück­lich stimmen.

Mir ist bewusst, dass ich zur Brotarbeit immer auch einen kreativen Ausgleich brauche… vielleicht liegt das an meinem Sternzeichen Waage, ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass mich das zu einem solide tätigen Menschen macht. Wenn diese Balance grundlegend gestört ist, gerate ich generell aus dem Gleichgewicht, und das wirkt sich auf alle Felder meines Lebens aus. Die aktuel­le Situation ist also alarmierend. Ich hoffe, dass ich im Mai 2016 die Kurve krie­ge und die Verhältnisse sich wieder ins Lot bringen lassen – in einem Monat oder spätestens in zweien seid ihr, hoffe ich, auf dem Laufenden.

Paradox ist an dieser Balancestörung, dass sie sich in gewisser Weise numerisch nicht auswirkt. Aber das ist ein Scheinphänomen. Immerhin erfasse ich ja bei den „fertig gestellten“ Werken auch die Gedichtabschriften, die nun wirklich seitenmäßig nicht ins Gewicht fallen und hier auch gar nicht auftauchen (von Ausnahmen abgesehen, wie ihr unten erkennen werdet), da sie üblicherweise nicht zum Oki Stanwer Mythos (OSM) rechnen.

Das heißt: Ich habe diesen Monat tatsächlich 35 Werke beenden können, was erst mal erstaunlich viel ausschaut, sich aber stark relativiert, wenn man weiß, dass davon 14 auf Gedichte entfallen und weitere 16 auf Rezensionen und Blog­artikel.

Da bleibt nicht viel übrig? Well, das ist leider die Wahrheit. Und das stimmt mich ja so unglücklich. Nicht mal mit den kommentierten Episodenabschriften des OSM komme ich gescheit voran, von den E-Book-Texten mal ganz zu schweigen. Es kann also gut sein, dass hier im Laufe des Jahres eine Produkti­onsstockung eintritt, so unlieb mir das auch wäre.

Folgendes habe ich zumindest bearbeitet:

(OSM-Wiki)

Blogartikel 173: Work in Progress, Part 40

Blogartikel 187: Aus den Annalen der Ewigkeit – alt und neu (XIII)

14Neu 32: Die Waffenfestung

(E-Book 35: Späherin der Cestai)

Blogartikel 180: „Herrscher werden? Das ist ganz einfach!“ Neue Fehlerlese

(Beas Freund – OSM-Story)

(Parasiten aus dem Kosmos – OSM-Story)

E-Book 34: Als Tiyaani noch ein Kind war…

(18Neu 74: Angriff der Höllenritter)

(18Neu 73: Der Horror-Pakt)

(12Neu 33: Vorstoß nach Yorlavoor)

(TI 48: Das graue Ei)

Erläuterung: Das ist eines der wenigen Highlights dieses Monats – ich habe es tatsächlich geschafft, ein Stück an der aktuellen Handlung der Serie „Oki Stan­wer und das Terrorimperium“ (TI) weiterzuarbeiten. Es waren zwar nur wenige Seiten, die aber gleichwohl einiges an Licht in die geheimnisvollen Geschehnisse um die Cestai bringen. Beizeiten werdet ihr mehr dazu erfahren.

TOTAM – Gedicht (Abschrift)

Erläuterung: Wie oben erwähnt, gibt es in der Frühzeit meines Schreibens gele­gentlich Gedichte, in denen ich OSM-Gedanken verdichtet habe. Das hier ist ei­nes aus dem Jahr 1984, das inhaltlich schon arg schief ist. Aber ihr erinnert euch an meine Worte aus der Artikelreihe „Was ist eigentlich der OSM?“, dass die konkrete langfristige Ausgestaltung des OSM-Gedankengebäudes erst etwa 1985 begann. Da kann es nicht überraschen, dass ich im Jahr davor noch etwas unsortiert daherkam. Vielleicht mache ich euch beizeiten mal diese Gedichte zu­gänglich und kommentiere, was daran nach heutiger Anschauung nicht mehr stimmt… irgendwann im nächsten Jahr, möglicherweise.

Blogartikel 181: Tödliche Überraschungen

Erläuterung aus dem Off: Dieser Blogtitel ist inzwischen verschoben worden. UL, 30. Juli 2016

Blogartikel 188: „Was ist eigentlich der OSM?“, Teil 38

Tja, Freunde… und damit war der Monat Vergangenheit. Wie ich einleitend so wortreich sagte – glorreich und erinnerungswürdig war der definitiv nicht. Wichtige Dinge blieben vollkommen auf der Strecke, und wiewohl ich mich über Hilfe im Arbeitsleben definitiv nicht beklagen kann (nichts läge mir ferner!)… ir­gendwie komme ich gegenwärtig auf keinen grünen Zweig. Ich hoffe sehr, dass sich das in Bälde ändert.

In der Hoffnung, dass ich euch am nächsten Monatsersten bessere Kunde zu­kommen lassen kann, entschwinde ich für heute. Und irgendwie ist es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass euch diese Zeilen erst mit einer Verspätung von zwei Monaten erreichen. Dann weiß ich ganz gewiss, wie sich die Situation weiter entwickelt hat.

In der kommenden Woche taucht ihr an dieser Stelle wieder ab in die Historie der „Annalen“. Dann besucht ihr mit mir das Jahr 2002… auch nicht eben ein er­folgreiches.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 70: Kleine Mordgeschichten für Tierfreunde

Posted Juli 26th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ja, ja, wer diesen Titel kennt, dem schwant schon Böses, gar finster-garstig Bö­ses… und wer will auch bei der Krimiautorin Patricia Highsmith anderes anneh­men? Wir wissen ja schon, dass sie ein Herz für Mörder und Verbrecher hat – das wusste ich schon anno 2004 – und in ihren Romanen und Kurzgeschichten die Dinge meist anders laufen, als sie von Justitia vorgesehen sind.

Warum sollte sie also bei Tieren eine Ausnahme machen?

Wie jetzt? Tiere seien doch reine Affektwesen, wie der Philosoph René Descar­tes sogar ernstlich dachte, so etwas wie biologische Maschinen, rein schema­tisch auf Reiz-Reaktions-Muster festgelegt? Jeder ernstzunehmende Neurologe wird das heute anders sehen. Aber dazu braucht man auch keinen Doktorgrad, es reicht völlig, wenn einem eine Katze zuläuft und man sich künftig hinge­bungsvoll um sie kümmert und von ihr entsprechende Achtung und Aufmerk­samkeit zurückerhält. Vertraut mir, so ist es.

Doch genug der Abschweifungen… Patricia Highsmith durchbricht mit dem vor­liegenden Buch ein wenig ihre soziologischen Spannungsstudien der menschli­chen Abgründe und verweilt ein bisschen in bemerkenswerten Fallstudien, die entstehen, wenn Tiere anstelle von Menschen gequält und drangsaliert wer­den. Da wundere sich niemand, wenn sie zurückschlagen.

Wer neugierig geworden ist, der lese weiter:

Kleine Mordgeschichten für Tierfreunde

(OT: The Animal-Lover’s Book of Beastly Murder)

von Patricia Highsmith

Diogenes

Dreizehn schwarze Geschichten

340 Seiten, geb., 1976

Aus dem Amerikanischen von Anne Uhde

Wer Patricia Highsmith kennt, weiß, dass sie ein Faible für Mörder hat.

Nun, sollte man meinen, das gehört sich so, wenn man Kriminalautorin ist. Aber halt, wer so denkt, hat den Sinn meines Satzes nicht verstanden: Patty hat ein Faible für Mörder, und das heißt, sie empfindet Sympathie für sie. Mörder, um den Faden weiterzuspinnen, sind in ihren Geschichten häufig Personen, die sich für erlittenes Unrecht rächen müssen, und manchmal rächen sie sich gar fürch­terlich. Und kommen oft genug ungeschoren davon, ja, werden sogar manch­mal dafür bewundert.

Patricia Highsmith unterminiert mit subtilem Lächeln unsere Moralbasis. So ge­schieht es auch in diesem Storyband, mit einem entscheidenden Unterschied. Diesmal sind die Mörder nicht Menschen, sondern Tiere. Und „beastly murder“ kann man doppeldeutig verstehen. Manchmal ist es wirklich bestialisch. Be­trachten wir ein paar kleine Vignetten als Appetithappen:

Ballerina, die Protagonistin in Ballerinas unwiderruflich letzter Auftritt ist entge­gen ihres Namens eine Elefantendame von einigem Gewicht. Und als ihr Pfleger in den Ruhestand tritt und von einem neuen ersetzt wird, beginnen die Proble­me, die ich mal vorsichtig als Kommunikationsschwierigkeiten bezeichnen möchte. Die Konsequenzen sind für den neuen Pfleger alles andere als erfreu­lich. Aber Ballerina hat natürlich völlig recht…

Djemals Rache ist ebenfalls fürchterlich. Djemal, ein ägyptisches Kamel, wird von seinem wenig sympathischen Besitzer Mahmet nicht sonderlich gut behan­delt, schikaniert und erniedrigt. Dass Mahmet dennoch nicht den Erfolg hat, den er sich eigentlich erhoffte, lässt die Sache nur noch schlimmer werden. Wie gut, dass er Djemal schließlich verkauft. Aber dummerweise hat Djemal ein lan­ges Gedächtnis, und als ihm endlich zufällig der Duft seines einstigen Herrn in die Nüstern steigt…

Samson ist eigentlich mit seinem Dasein recht zufrieden. Es gibt für das weiße, gesunde Schwein nur ein ernsthaftes Problem – dass er nämlich die Trüffeln, die er für seinen Herrn Emile aufstöbert, beim besten Willen nicht fressen darf. Als ein Trüffelsuchwettbewerb mitten in der Trüffelsaison die Schikanen auf die Spitze treibt, entschließt sich Samson dazu, die Richtung zu ändern. Natürlich gegen Emiles Willen…

Die tapferste Ratte von Venedig bekommt bei Patricia Highsmith keinen Namen, aber das ist auch fast unnötig. Diese Geschichte gerät zu einer brutalen Abrech­nung mit der Gedankenlosigkeit und dem barbarischen Sadismus, den Men­schen manchmal Tieren angedeihen lassen. Das Dumme ist nur, dass Ratten sehr zähe Lebewesen sind, und gelegentlich neigen sie dazu, sich auch verstüm­melt durchzusetzen…

Wie, so könnte man sich ferner fragen, rächen sich wohl Hühner in einer Lege­batterie, ein Zugpferd von ruhigem und sanftem Gemüt, ein alter, in die Jahre gekommener Hund namens Baron oder eine große Familie von Hamstern bzw. wie setzen sie sich zur Wehr, wenn Menschen ihnen ans Leben wollen? Das kann man in diesen zum Teil bitterbösen, rabenschwarzen Geschichten beispiel­haft verfolgen.

Manchmal, das gestehe ich, konnte ich je Tag nur eine Geschichte ertragen und war für den Rest des Tages ziemlich geschlagen und brauchte Abwechslung. Patty ist mit ihren präzisen, gnadenlosen Worten ausgesprochen beeindru­ckend, aber es gibt eine Grenze an täglicher Bosheit, die ich aushalten kann, und manchmal überschritt sie sie.

Nein, das heißt nicht, dass die Geschichten schlecht sind. Als kleine, aber sehr umfassende Vignetten bergen sie präzis formulierte Mikrokosmen in sich, von deren gut beherrschtem Detailreichtum Autoren wie Stephen Baxter oder Christian Jacq, um nur zwei zu nennen, die das nicht tun, eine Menge lernen könnten. Die knappen Charakterdarstellungen geraten zwar manchmal in die Nähe der Klischees, doch die Personen bewahren sich stets soviel Eigenständig­keit, dass man sie gut auseinanderhalten kann. Sicherlich ist Pattys Funktionali­tät manchmal ärgerlich, manchmal wünscht man sich, sie würde mehr Worte machen, aber dafür ist sie zu nüchtern, zu sparsam.

Wer also nicht viel Zeit zum Lesen besitzt, aber gerne ein bisschen mehr lernen möchte, insbesondere über treffende Charakterisierung von Personen, und sei­en es hier auch tierische Charaktere (da sie stets gegen Menschen agieren, kommen natürlich auch die nicht zu kurz), ist bei diesem Buch bestens aufgeho­ben.

© by Uwe Lammers, 2004

Mehr Werbung braucht dieses Buch dann beim besten Willen nicht. Beizeiten, davon könnt ihr ausgehen, werden hier gewiss noch weitere von Patricia Highsmiths Werken rezensiert werden. Ich habe da noch einen gewissen Vorrat… wie eben auch bei manch anderem Autor. Doch neige ich da grundsätzlich zur Portionierung, um Einseitigkeit zu vermeiden.

Deshalb schwenken wir in der kommenden Woche dann auch wieder in den Mindstar-Kosmos von Peter F. Hamilton zurück. Auch der dritte, letzte und um­fangreichste Roman der Miniserie hat es wieder heftig in sich.

Reinschauen lohnt sich also unbedingt.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

es gibt ja so manchen unter euch, der der Auffassung zuneigt, der Oki Stanwer Mythos sei eine Art von eskapistischem, unrealistischem Wolkenschloss. Ich weiß, ich habe dazu schon einiges vor 20 Wochen in dem Beitrag „Der OSM – ein Wolkenschloss? Nein!“ gesagt. Aber ich erwähnte damals auch, dass ich na­türlich in der Kürze des mir zur Verfügung stehenden Raumes nur zwei Punkte würde herausgreifen können, und das tat ich.

Heute kann ich einen kleinen Schritt weiter gehen, und dies aus gutem Grund. Auch wenn dieser Beitrag mit rund vier Monaten Verzögerung erscheinen wird, gibt es Anlass zu der Vorstellung, dass im Juli 2016 die politische Großwetter­lage sich nicht signifikant entspannt haben wird, was den Punkt angeht, um den es mir heute gehen soll.

Sprechen wir über Flüchtlinge und Flüchtlingsschicksale.

Natürlich, die Zeitungen sind aktuell voll davon, und sehr mit Recht. Die Fern­sehberichte und die Radiofeatures zeigen unablässig entsprechende Bilder und Berichte. Idomeni hier, die Türkei dort, Syrien da, ertrunkene Asylsuchende im Mittelmeer… es gibt jede Menge grässliche Schicksale in unserer Gegenwart und in der nächsten Nähe, und schweigen wir von den scheußlichen Vorfällen, die derzeit von bedauernswert kurzsichtigen Menschen leider auch in Deutschland begangen werden.

Mich hat es in diesen Tagen ebenfalls zu den Flüchtlingen verschlagen, die durchaus auch im Oki Stanwer Mythos ein Thema sind. Falls sich die Bilder in den nächsten Wochen und Monaten so verfestigen, wie ich das hoffe, werdet ihr das, worum es heute gehen wird, spätestens Anfang 2017 zu lesen bekommen. Deshalb möchte ich euch heute gewissermaßen prophylaktisch auf eine kleine Reise in mein aktuelles kreatives Tagewerk mitnehmen.

Ich war diese Tage wieder einmal zu Gast in einem recht unwirtlichen Univer­sum, in einer Galaxis, die ich vor sehr langer Zeit einmal als Hort eines prospe­rierenden galaktischen Imperiums kennen gelernt hatte. Das war der leuchtende, schillernde Ist-Zustand eines phantastischen kosmischen Großreiches.

Nein, wir reden nicht von der INSEL, dem Imperium der Baumeister in der Ga­laxis Mysorstos in KONFLIKT 4. Ich spreche vom okischen Imperium, von KONFLIKT 9.

Lange bevor ich daran ging, den OSM niederzuschreiben – wir sprechen hier also von den späten 70er Jahren – , da spielten mein Bruder Achim und ich die legendären „Gedankenspiele“, und darin übernahm er die Rolle von Oki Stan­wer und ich die seines treuen Freundes Klivies Kleines. Meine designierte Lieb­lingswelt, in der wir uns da aufhielten, war eben die des okischen Imperiums. Eines Sternenreiches, das von dem Freundespaar seit zahllosen Jahrhunderten und durch unzählige von Krisenzuständen am Leben erhalten wurde. Den beiden zur Seite standen einmal der so genannte Okiplanet, ein planetengroßer, selbst­bewusster und fliegender Planet, künstlich erschaffen von den Baumeistern, und von ihm aus wurde eine gigantische, in die Hunderte von Milliarden gehende Spezies intelligenter Roboter geschaffen und dirigiert, die Okis.

Wie das alles einstmals begann, war uns damals gleichgültig, wir sprangen gleich gewissermaßen in die Vollen, und es machte einen unglaublichen Spaß. Und als mein Bruder die Lust am „Gedankenspiel“ verlor, machte ich mich dar­an, diese Abenteuer, soweit sie in meinem flüchtigen Verstand hafteten, nieder­zuschreiben. Das war Teil 1 des Abenteuers, Teil 2 bestand dann darin, darüber hinauszugehen.

Der Versuch, die Serie „Der Kaiser der Okis“ zu schreiben, war allerdings dann zum Scheitern verurteilt. Die Serie kam nicht allzu weit. Das war in den Jahren 1984 bis 1990 der Fall.1 Und natürlich fragte ich mich – woran liegt es, dass ich das nicht auf die Reihe bekomme?

Die Antwort fiel leicht: Ich hatte den Plan gefasst, den Anfang des okischen Im­periums zu beschreiben. Aber außer ein paar vagen Informationen aus der Früh­zeit existierte wirklich nichts davon. Es musste völlig neu kondensiert werden, sich aus sich selbst heraus entwickeln. Und das fiel mir vor rund 30 Jahren doch sehr schwer.

Im Jahre 2011 wagte ich einen neuen Anfang, und es wurde ein sehr viel realisti­scherer Blick in eine Welt, wie ich sie mir wirklich nicht ausgemalt hatte – näm­lich der in eine „Galaxis des Krieges“. Mehrere Sternenvölker waren hier dabei, sich gegenseitig zu belauern und auf geradezu absurde Weise das Leben schwer zu machen. Da gab es einmal die verschiedenen zersplitterten Sternenreiche der humanoiden Kleinis, die sich als bestürzend rassistisch entpuppten und zugleich eine so korrupte Gesellschaft besaßen, dass ich mir dachte, ich bin im falschen Film.

Dann machte ich die Bekanntschaft mit den nicht minder zerstrittenen verschie­denen Volksströmungen der reptiloiden Allis, die ihr auch aus der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) kennt, die seit 2013 im E-Book-Format erscheint. Deren verwirrende interne Streitigkeiten verstand ich anfangs nicht wirklich.

Und schließlich gab es noch als dritte Volksgruppierung die so genannten Schlangenarme. Traditionalisten in diesem Volk nannten ihre Spezies selbst Tas­saier, und auch diese Kerle kennt ihr aus der TI-Serie und werdet sie dort in Bäl­de noch besser kennen lernen, versprochen.

Als Oki Stanwer an Bord eines Schrotti-Tenders aus der Galaxis Andromeda eintraf und sich bei den Kleinis zu integrieren versuchte, ging das reichlich übel schief. Es sah ganz so aus, als würde in dieser Galaxis des Zanks und des Haders und Misstrauens nur eins eine Konstante sein – nämlich der fortwährende Streit untereinander. Intrigen waren an der Tagesordnung, Machtgerangel, Usurpatio­nen und Revolutionen.

So, und alles, was ich aus dieser Frühzeit wusste, war: Oki Stanwer würde ir­gendwie nach Magellan gelangen, dort einen ZYNEEGHAR finden und mit den Baumeistern zusammentreffen. Und bald darauf würde – irgendwie – das Eini­gungswerk der Galaxis beginnen.

Die Magellan-Expedition fand dann tatsächlich statt, unter denkwürdigen Um­ständen, über die ihr beizeiten alles Nähere in den ersten 16 Episoden der Serie „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“ (DKdO) nachlesen könnt. Ich gehe hier aus gutem Grund nicht in die Details, sondern setze mit der Schilderung des Fortgangs ein:

Oki Stanwer kehrte in die Galaxis zurück, und ja, er hatte eine kleine Gruppe von Getreuen um sich geschart und den ZYNEEGHAR 11 mitgebracht, dessen Zentralgehirn BURTSON legendär werden sollte. Aber die Galaxis befand sich immer noch im Aufruhr, und Okis Position war schwach. Er zog sich also an einen sicheren Ort zurück, wo der ZYNEEGHAR in geduldiger Kleinarbeit wie­der regeneriert werden konnte.

Derweil eskalierte das Chaos in der Galaxis weiter. Das galt ganz besonders für jenen Machtbereich, in dem die zahllosen Alli-Splittergruppen ihre eigenen völ­kischen Strömungen geschaffen hatten. Dreißig Jahre zuvor war ein großes, tra­ditionsreiches Imperium in sich zusammengestürzt, das Kaiserreich von Trandin, dessen Zeitrechnung mehr als 15.000 Jahre zurückreichte.

Das Splittervolk der Shronnt-Allis war es gewesen, das gut dreißig Jahre zuvor den Kaiser von Trandin gestürzt, die imperiale Garde zerschlagen und die Kai­serwelt bombardiert hatte. Heute „System des Sieges“ genannt, waren die Shronnt dazu übergegangen, die Trand-Allis kreuz und quer durch die Galaxis zu vertreiben.

Die Trand waren desillusioniert, am Boden zerschmettert, zu den Parias der Ga­laxis geworden. Millionen von ihnen vegetierten in Flüchtlingslagern vor sich hin, wurden von denjenigen Regierungen, auf deren Welten sie Raum gefunden hatten, ausgebeutet, deklassiert und an den Rand gedrängt.

Die Trand-Flüchtlinge waren nicht beliebt. Sie galten als die Underdogs der Milchstraße, ein notwendiges Übel für manche, leichte Beute für andere, die sie als Gladiatoren in Arenen missbrauchten, als Sklaven für Gefahrenbereichsarbeit heranzogen oder, im schlimmsten Fall, für Prostitution oder Organnachschub missbrauchten.

Wundert es, dass in den Herzen vieler neben Verzweiflung auch finsterer Hass zu schwelen begann? Dass sich viele die ruhmreichen Zeiten des Kaiserreichs zurücksehnten? Dass sie sich wünschten, für all die Erniedrigungen Rache neh­men zu können?

Ein solcher Alli war dann Reshtaar vom Mond Nungosh, der sich in der bioche­mischen Maske eines Shronnt-Allis an Bord eines Patrouillenschiffes der Shronnt einschlich. Von ihm ist in der obigen Serie die Rede.

Dann gab es aber auch noch eine Gruppe von Allis, die einen anderen Pfad wählten – unter der Leitung eines charismatischen einstigen kaiserlichen Solda­ten gelang es ihnen, ein altes Schiff der Shronnt zu kaufen, und weit mehr als zweitausend von ihnen gelang der Start zwischen die fremden Sterne.

Sie suchten eigentlich nur eine Welt für einen neuen Start… aber die Shronnt hat­ten sie einmal mehr betrogen – und nach wenigen Hyperraumsprüngen fiel ihr Hauptantrieb aus, und sie drifteten zwischen den Sternen. Mit allerletzter Kraft erreichten sie schließlich ein Sonnensystem, von dem ein rätselhaftes Signal ausging, das zweifelsohne künstlichen Ursprungs war.

Doch die Welt, auf der sie dann landeten – man muss wohl eher sagen: abstürz­ten – , wies zwar gute Lebensbedingungen auf, aber offensichtlich kein intelli­gentes Leben. Abgesehen von diesem rätselhaften Signal, das mitten aus urwald­bedeckten Bergen zu kommen schien.

Ja, und so folgte ich der kleinen Stoßtruppe der Trand-Flüchtlinge, die sich durch den Dschungel schlugen auf der Suche nach der Quelle des Signals. Die einen meinten misstrauisch, dies sei einfach nur eine weitere Gemeinheit der Shronnt… aber andere sagten: Nein, das hätten sie viel einfacher haben können. Das würde keinen Sinn ergeben.

Das aber, was sie vorfanden, machte eigentlich auch keinen Sinn: eine prächtige, hoch technisierte Stadt in bestem Erhaltungszustand, doch ohne jede Bevölke­rung.

Die Trand-Flüchtlinge hatten „die automatische Stadt“ gefunden… so der Titel der Geschichte, an der ich zurzeit arbeite. Die Arbeiten daran begannen schon 2011, also sehr zeitig, aber erst jetzt nehmen sie allmählich Konturen an, die Ar­beiten. Ich möchte heute soviel verraten, dass es hier natürlich um Oki Stanwer geht und um die Baumeister, um den ZYNEEGHAR 11 und BURTSON… aber auf der anderen Seite werdet ihr hier auf sehr neugierige Alli-Kinder treffen und eine Menge gerade über die Folgen der Zerschlagung des Trand-Reiches mitbe­kommen.

Gewiss, die Lösung, die sich in dieser Geschichte anbahnt, wäre für unsere euro­päische Flüchtlingskrise definitiv nicht praktikabel, aber im OSM gibt es Lö­sungsmöglichkeiten für scheinbar unmögliche Probleme, die uns ausweglos er­scheinen. Doch möchte ich hierbei – soweit möglich – vermeiden, eine zu ho­mogene Lösung zu skizzieren. Das Schöne am KONFLIKT 9 ist ja für mich, dass die Protagonisten so widersprüchliche Intentionen verfolgen, was sie sehr menschlich macht.

Ich meine, es ist nicht immer so, dass wir uns der klaren Ratio unterwerfen und die bestmögliche Lösungsmöglichkeit wählen, wenn man uns die Gelegenheit dazu gibt. Das kennt jeder. Es gibt zu viele Wahlpfade, denen man folgen könn­te. Vernunft ist nur einer davon. Ein anderer wird bestimmt durch gewisse Sym­pathien oder Antipathien, die sinnvoll sein mögen oder auch nicht. Andere ge­langen in Reichweite, weil man vielleicht gewisse finanzielle Möglichkeiten be­sitzt oder auch eben nicht. Oder weil politische oder rassistische Grundeinstel­lungen (meistens gründlich irrational) der optimalen Lösung in die Quere kom­men. Gelegentlich gibt es auch haarsträubende Interferenzen von Seiten der Wirtschaft…

Das klingt irgendwie vertraut, nicht wahr? Solche Dinge wie „Überfremdung“, „Zuwanderungsdruck“, mangelnde Finanz, schwache politische Willensträger, kippende politische Mehrheiten, populistische Demagogen… alles das gibt es na­türlich auch in der Galaxis Milchstraße jener Jahre, in denen das okische Imperi­um nur ein leuchtender, visionärer Saumpfad in der Ferne ist, scheinbar unreali­sierbar. Und diese Galaxis Milchstraße, die „Galaxis des Krieges“, sie hat sehr viel mehr mit unserer realen Gegenwart zu tun, als man das auf den ersten Blick vermutet.

Wie schon eingangs erwähnt – mit Wolkenschloss hat das nicht viel zu tun. Der OSM ist speziell in diesem Universum eminent politisch aufgeladen. Doch im Gegensatz zur eher verfahrenen europäischen Politik, die sich zum Zuwande­rungsquoten streitet, sich nicht entscheiden kann, Flüchtlingslager finanziell zu unterstützen oder Despoten politisch zu isolieren und wirtschaftlich auszuhun­gern, die am liebsten verzweifelte Menschen auf der Flucht wie menschliches Stückgut über ganz Europa verstreuen möchte und zumeist an verriegelten Grenzzäunen aufhält, im Gegensatz hierzu gibt es im Oki Stanwer Mythos einen Lichtschein am Horizont.

Der Lichtschein heißt Oki Stanwer selbst.

Er träumt von einem galaktischen Imperium voller gleichberechtigter Lebewe­sen, von vollständiger Freizügigkeit, allumfassender Demokratie und zur Verfü­gung gestellter Technik für jedermann.

Noch ist das ein Traum… aber vielleicht nicht mehr lange.

Soviel an Visionärem von mir für heute. Macht es gut – und bis in einer Woche an gleicher Stelle!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Wir sprechen hier über 14 Episoden, die vom 11. März 1984 bis 7. Juli 1990 geschrieben wurden. Es gibt aktuell noch keine digitalisierte Abschrift davon.

Rezensions-Blog 69: Der Besucher aus dem Dunkel

Posted Juli 19th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

na, eine kleine Warnung vorweg an dieser Stelle einmal – heute wird kritisiert, weniger in wohliger Begeisterung geschwelgt. Es geht um ein recht altes Werk, das man heute allenfalls noch antiquarisch finden kann, mutmaßlich zu einem horrenden Preis. Es ist schmal, doch man sollte die Geschichten darin schön portionieren und auf mehrere Tage verteilen, damit man mehr davon hat und sie gut wirken können.

Wer weiß, vielleicht lösen diese Kurzgeschichten ja die eine oder andere kreati­ve Bilderexplosion im Kopf des Lesenden aus. Ich will das nicht für unmöglich halten.

Und um dieses Werk hier geht es heute:

Der Besucher aus dem Dunkel

von Robert Bloch & Ray Bradbury

Heyne 935

128 Seiten, 1972

Übersetzt von Walter Brumm

Dreißig Jahre alt ist diese Storysammlung nun, in der sich zwei Meister der Phantastik mit ihren Werken treffen. „Zwei Namen – eine Empfehlung!“ heißt es auf dem Umschlag. Nach der Lektüre war ich da anderer Meinung.

Den überwiegenden Teil – sechs Geschichten – bestreitet Robert Bloch. Die vier von Bradbury wirken dagegen seitenmäßig fast schmächtig, doch das tut ihrer Qualität keinen Abbruch. Die beiden zu vergleichen, ist etwas unglücklich, den­noch wird es gemacht, dennoch werden sie einander an die Seite gestellt… doch ich greife vor. Zunächst soll der geneigte potentielle Leser erfahren, wel­che Werke hier eigentlich versammelt sind.

Der Besucher aus dem Dunkel ist die Fortsetzung der Lovecraft-Story „Der leuchtende Trapezoeder“, ohne indes ihren Reiz zu besitzen. Jahre nach dem Verschwinden Robert Harrison Blakes am 8. August 1935 begibt sich sein Freund Edmund Fiske aus Chicago auf die Suche nach ihm und dem Arzt, der seine letzte Spur darstellt. Was er findet, ist in typisch lovecraftscher Manier unmenschlich und absolut tödlich…

In Ray Bradburys Die Beobachter geht es um einen Fabrikanten, der dabei ist, sich mit dem Kauf und der Erfindung von Insektenvertilgungsmitteln zu ruinie­ren. Er hat eine panische Angst vor Insekten, und wie man bald herausbe­kommt, gibt es dafür gute Gründe…

Der grinsende Ghul führt den Protagonisten der nächsten Geschichte von Bloch auf einen alten Friedhof und in die Unterwelt. Der Psychiater kann seinem of­fenbar hochgelehrten, aber etwas seltsam wirkenden Patienten kaum glauben, dass so etwas existiert, was er in seinen Träumen zu sehen vermeint. Aber er muss sich eines Besseren belehren lassen…

Die Männchen des Schreckens sind für den einstigen Chirurgen Dr. Colin eine Obsession. Eingesperrt in einer Anstalt, weil er als psychisch labil eingestuft wurde, beschäftigt er sich mit dem Herstellen winziger Tonfiguren, die immer perfekter werden. Und immer perfekter…

Wie ein Fiebertraum eine beklemmende Realität entwickeln kann, beschreibt Bradbury in der nächsten Erzählung, von der man nichts sagen sollte, um sie nicht zu verraten. Beklemmend ist wirklich das einzig treffende Attribut…

Die Rache der Druiden muss all jene treffen, die versuchen, eine urwüchsige Landschaft ökonomischen Gesichtspunkten unterzuordnen und einen Acker daraus zu machen. Besonders, als der neue Herr des Landhauses beschließt, dass der heidnische Altar weg soll, zeigt sich, dass die alten Götterdiener noch über genug Macht verfügen, sich gegen solchen Sakrileg zu wehren…

Der verrückte Martin in Bradburys Story Der tote Mann ist augenscheinlich nicht normal. Sitzt an der Straße, stiert ins Nichts, und manchmal fällt er um und liegt stundenlang da, ohne etwas zu tun. Nur die etwas geistig zurückge­bliebene Friseuse kümmert sich liebevoll um ihn, die anderen Menschen schlie­ßen Wetten darauf ab, wie lange er wohl liegen bleiben würde. Bis zu dem Tag, an dem… nun, aber das sollte man selbst lesen.

Eine Frage der Etikette bringt uns in das triste Leben eines Volkszählungs-Zäh­lers, der zum x-ten Mal an einer Haustür klingelt und seinen Fragenkatalog her­unterleiert. So auch bei Miss Lisa Lorini. Der Protagonist stutzt erst, als sie auf die Frage nach dem Alter „Vierhundertsieben“ angibt. Aber da ist es natürlich für den Fragenden bereits zu spät…

Die letzte Story von Bradbury nennt sich Ausgleichende Gerechtigkeit, und was der arme Mr. Benedict von seinen Mitmenschen ertragen muss, die ihren Be­statter nun gar nicht lieben, das ist schon sehr unschön. Doch nicht umsonst freut sich der duckmäuserische, kleinlaute, schüchterne Mr. Benedict darauf, SEINE Leichenhalle zu betreten und mit den Toten zu reden…

Was tun, wenn die Ehefrau in die kanadischen Wälder nachkommt und plötzlich glaubt, von einem Werwolf verfolgt zu werden? Mit Der Werwolf schließt die längste Geschichte den Band ab und zeigt zugleich, dass das Thema wirklich so alt ist, dass es niemanden mehr hinter dem Hocker hervorlocken kann. Schade…

Diese zehn Geschichten, zugegeben schon etwas sehr angestaubt, repräsentie­ren den Gruselcharme der 60er Jahre, in denen man von Splatter noch nicht viel wusste und Suspense leichter Nervenkitzel war – wenngleich auch Love­craft schon Jahrzehnte zuvor demonstriert hatte, wie man es ganz anders ma­chen konnte. Wer die Storysammlung deshalb unbedingt lesen möchte, sollte sich als Fan dieser Zeit verstehen, ein Freund alter Peter Cushing-Filme, ein Freund von Bram Stoker und ähnlich gelagerten Literaten.

Wer unvorhergesehene, überraschende und wirklich packende Geschichten sucht, ist hier dezidiert fehl am Platze. Nehmen wir als ein ziemlich stumpfes Beispiel Blochs Ghul-Geschichte. Spätestens am Ende der ersten Seite weiß der Leser, dass der Besucher ein Ghul ist, dass er von sich und seinem Leben erzählt und den Protagonisten in die Falle locken möchte. Ebenso ist klar, dass letzterer entkommen wird, um die Geschichte zu erzählen. Sehr, sehr durchsichtig. Span­nung kommt nicht auf.

So ähnlich ist es mit fast allen Geschichten dieses Bandes, aber bei Bloch fällt es extrem auf. Er arbeitet mit Klischees, mit Stereotypen, die heute so bekannt sind, dass sie ermüden. Stilistisch ist er etwas abwechslungsreicher, aber nicht sehr.

Demgegenüber fällt der Kontrast zu Bradbury fast brutal aus. Hier wirken auf­grund der Kürze (wenn man auch Kritik an der Brummschen Übersetzung hegen kann, durch die diese Geschichten eine Menge an stilistischen Feinheiten verlie­ren: man vergleiche mal Margarete Bormanns Übersetzung der Bradbury-Story­sammlung „Geh nicht zu Fuß durch stille Straßen“, Heyne 3292) diese Worte viel besser. Sie fallen abgezirkelt in den Raum, beschreiben mathematische Bewe­gungen und drücken zugleich doch Gedankengänge aus, die viel tiefer gehen als diejenigen des so genannten Meisters des psychologischen Horrors (Robert Bloch). Ein Beispiel gefällig? Na, nehmen wir zwei.

Nehmen wir Mr. Benedict, den Leichenbestatter aus der Story Ausgleichende Gerechtigkeit. Was sagt Bradbury über ihn? „Das Kind starrte ihn noch immer an, und er kam sich vor wie eine vom Wind ausgeblasene Kerze. Er war so min­derwertig. Alles, was lebte und sich bewegte, machte ihn melancholisch und gab ihm das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen…“ Bringt die Handlung in kei­ner Weise voran, aber das BILD, das im Leser entsteht, das von der Persönlich­keit dieses Menschen entsteht, ist überwältigend.

Oder der kleine Charlie Bellows in der Geschichte um den toten Mann. Er sagt zu dem verrückten Martin: „Du bist wirklich richtig tot… Aber ich bin der einzi­ge, der es weiß. Ich glaube Ihnen, Mr. Martin. Ich habe es selbst mal versucht. Sterben, meine ich. Es ist schwer. Es ist Arbeit. Ich bin eine Stunde lang auf dem Boden gelegen. Aber dann hat mich was am Bauch gejuckt und ich musste mich kratzen. Da habe ich aufgehört.“

Es kommt nicht von ungefähr, dass es in beiden Fällen Kinder sind, die die Emo­tionen in die Geschichte transportieren. In Blochs Geschichten kommen keine Kinder vor. Ich denke deshalb, dass die Emotionalität und die Tiefe einfacher Wörter bei Bradbury viel mit diesem schlichten Faktum zu tun hat.

In jedem Fall kam es mir vor, als ob man hier zwei völlig unterschiedliche Schriftsteller zwischen zwei Buchdeckeln zusammengepresst hat. Einen begna­deten Stilisten, der durch einen eher mittelmäßigen Übersetzer auf Normalmaß zurechtgestutzt wurde, und einen mäßig einfallsreichen Vielschreiber, dessen Stil durch die Übersetzung gewiss auch gelitten hat, dessen Plots aber auch sonst nicht sehr überzeugend sind.

Insgesamt hinterlässt diese Storysammlung daher einen faden Beigeschmack. Doch es ist nicht so, dass man daraus nichts lernen könnte, wie oben gezeigt werden konnte. Insofern lohnt die Lektüre doch.

© by Uwe Lammers, 2002

Wie, das war jetzt nicht wirklich schmeichelhaft? Was macht solch eine Rezensi­on, die ja nun selbst schon mit 14 Jahren etwas angestaubt ist, auf meinem Re­zensions-Blog? Nun, Freunde, ich erwähnte es gelegentlich schon, dass ich nicht immer eitel-Sonnenschein-Rezensionen veröffentlichen möchte. Rezensenten haben stets auch eine eigene Meinung, und die kommt in meinen Augen oben deutlich zum Vorschein.

Die Storysammlung taugt sehr wohl auch heute noch als nette Lektüre, und be­sonders hinsichtlich der Plotstruktur lässt sich daraus vieles lernen. Außerdem verfügen sowohl Ray Bradbury als auch Robert Bloch natürlich über eine welt­weite Fanbase. Es wäre darum schade gewesen, diese Rezension, so kritisch sie letzten Endes auch ausgefallen ist, nicht der Allgemeinheit zugänglich zu ma­chen.

In der nächsten Woche schweifen wir dann wieder ab ins Revier des Krimis. Auch ein älteres Werk, aye, aber von einer stilistischen Meisterin ihres Metiers – und grandios übersetzt. Lasst euch mal überraschen, was ich da präsentiere.

Bis demnächst, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

vor acht Wochen erreichten wir in dieser Subartikelreihe des Wochen-Blogs den Dezember des Jahres 2008, und ich erwähnte, dass ab da meine historische Ar­beit stark mit meiner Kreativität zu interferieren begann – dergestalt, dass ich weniger Zeit für das kreative Arbeiten fand und der Oki Stanwer Mythos darun­ter ganz besonders litt.

Ich war im Januar 2009 bei vielen Serien an entscheidende Punkte gelangt, wo ich nur bedingt vorwärts kam. Auch bei separaten OSM-Projekten war das viel­fach der Fall. Etwa bei der Geschichte „Ian und der Stein der Götter“, die ihr heute als zweites Annalen-E-Book längst kennen werdet. Daran sollte ich noch bis August 2010 zu laborieren haben.

Ähnlich verhielt es sich mit dem sehr komplizierten Mehrteiler um Band 50 der Serie „Oki Stanwer – Der Missionar“ (DM), wo mich der Band 51 „Wahrheit und Legenden“ geraume Zeit in Anspruch nahm. Er ist allerdings auch mit fast 100 einzeiligen Manuskriptseiten extrem lang und ziemlich kompliziert. Auch er sollte erst im Dezember 2010 beendet werden.

Mit „Das Ayk-Netz“, Band 37 der Serie „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ (FvL) machte ich gewissermaßen das nächste Komplexitätsfass auf, ebenfalls im Januar 2009. Und als wenn das noch nicht genügt hätte, verschlug es mich kurz darauf mit „Yanassicars Zweifel“ (Band 56 der Serie „Oki Stanwer – Der Schattenfürst“) auch noch in das legendäre GRALSREICH, ein transtemporales Alptraumgebilde, von dem das Schicksal ganzer Universen dirigiert wird.

Kann es verblüffen, dass ich es als regelrechte Erleichterung verbuchte, dann zur Abwechslung das Glossar für den ersten Romanordner des Archipelromans „Abenteuer im Archipel“ am 25. Januar fertigzustellen? Ja, ja, ich weiß, auch dieser Roman ist noch eine Baustelle, nach wie vor… es gibt jede Menge solcher gigantischer Baustellen. Und gigantisch heißt immer: mehrere hundert Seiten vorhandenes Manuskript und noch mehrere hundert Seiten (oder tausend) vor­aus, die noch ungeschrieben sind…

Ebenfalls im Januar 2009 begann ich mit der Rückkehr zu einem sagenumwobe­nen fliegenden Kontinent in KONFLIKT 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ – nach Shonta-Land. Aber ich war noch nicht ganz bereit für die Episode 62 dieser Serie, für „Chaos in Gondaur“. Diese Geschichte wurde erst im Dezember 2011 fertig.

Ihr merkt… nur Langzeitprojekte, wohin man auch sieht.

Im Februar rutschte ich dann endgültig in das ab, was ich im letzten Beitrag schon als Wolkenschloss beschrieben hatte: in die Glossierung der ganzen Archi­pel-Stories, die ich in den letzten Jahren geschrieben hatte. Dass ich zwischen­drin dann auch an dem OSM-Werk „In der Hölle“ arbeitete, das ihr als Anna­len-E-Book 1 kennt, kann nicht davon ablenken, dass ich sonst quasi nichts auf die Reihe bekam… bezogen auf den Oki Stanwer Mythos. Das Hessenkopf-Pro­jekt, das mich historisch zunehmend absorbierte, tat sein Übriges dazu.

Genau dieselbe Schiene fuhr ich im März weiter, und es entstanden zwar Rezen­sionen und Archipel-Glossare, auch kam ich durchaus an dem Roman „Rhon­das Reifejahre“ voran, aber sonst…? Nicht in diesem Monat!

Im April arbeitete ich dann an einem weiteren Langzeitprojekt weiter – an einer Geschichte, von der ich noch annahm, es würde sich dabei um eine Story han­deln. Ich sollte bald eines Besseren belehrt werden: „Mein Freund, der Toten­kopf“ wird euch ja bald als Annalen-E-Book 6 im Herbst 2016 vorliegen, dann versteht ihr, warum das unweigerlich ein Roman werden MUSSTE. Im April 2009 war das noch nicht in Sicht.

Und auch an dem Fragment „Die Optimierungsfabrik“ (spielt im KONFLIKT 19 des OSM), kam ich ein kleines Stückchen voran.

Tja, und dann war auch der April 2009 schon wieder Vergangenheit, weiter ver­kürzt durch eine Archivfortbildung in Köln.

Im darauf folgenden Monat arbeitete ich dann dummerweise an zwei Archipel-Langwerken parallel, neben dem zweiten Rhonda-Roman nämlich auch noch an dem Roman „Eine Adelige auf der Flucht“. Gefährlich, so etwas. Weiterhin hagelte es nach wie vor Archipel-Glossare… es hörte echt nicht auf.

OSM? Ziemliche Fehlanzeige.

Der eben erwähnte Archipel-Roman erreichte einen Umfang von mehr als 400 Seiten und brauchte dann ein erstes Ordnerglossar. Das war eine Aufgabe, die ich im Juni 2009 über die Bühne bringen konnte, gefolgt von jeder Menge wei­terer Glossare für Archipel-Geschichten.

Erst am Monatsende rutschte ich zurück in den Oki Stanwer Mythos, nämlich in die unheimliche Ebene 28, also die Serie „Oki Stanwer – Der Siegeljäger“ (DSj), wo ich an Band 49 zu arbeiten begann, „Zu den Sternen“. Und wer jetzt denkt, dass es dazu Raumschiffe brauchte, um zum Sirius zu gelangen, der irrt sich gewaltig. Man braucht vielmehr ein Fluchtportal, das auf der rätselumwit­terten Kykladeninsel Santorin steht…

Im Juli 2009 war ich dann endlich soweit, die erste Version des Archipel-Ge­samtglossars zu entwerfen – immerhin schon 319 Manuskriptseiten lang. Aber das war nur die allererste Version, inzwischen sind zig weitere entstanden, und der letzte Stand sind irgendwie gut 500 Seiten… es steckt verdammt viel Arbeit darin, und das meiste habe ich in den Jahren 2009 und 2010 geleistet, glaubt es mir.

Außerdem hatte ich endlich mit diesem gigantischen Werk wieder den Kopf frei für autonome Werke – beispielsweise für zwei Archipel-Kurzgeschichten. Wäh­rend „Meister Vansiintas Magie“ eine thematische, aber nicht wirkliche Aus­kopplung aus „Rhondas Reifejahre“ darstellt und einen wunderbar süßen Nachmittag beschreibt, wo der Garten der Neeli von einem leibhaftigen Zaube­rer namens Meister Vansiinta Besuch bekommt, ergab es sich, dass „Neelis Trä­nen“ sich aus dem Erzählstrom des Romans „Eine Adelige auf der Flucht“ herauskondensierte. Eine nette, sanfte Geschichte über Elementargeister und die Erklärung der Frage, warum Meerwasser salzig schmeckt.

Besonders erleichternd wirkte sich aber aus, dass am 29. Juli endgültig das Ma­nuskript zum Hessenkopf-Projekt beendet werden konnte, das sehr viel Zeit und Energie gebunden hatte.

Nur vier Tage später, am 3. August 2009, vollendete ich außerdem dann den sechsten Ordner des Manuskripts „Rhondas Reifejahre“, der damit phantasti­sche 2.440 Seiten Umfang erreicht hatte… absoluter Rekord, ohne Zweifel.

Dennoch war ein Ende beim besten Willen nicht in Sicht…

Ebenfalls im Laufe des Augusts entstanden weitere Archipel-Glossare, außer­dem ein erstes Glossar zum KONFLIKT 1 des Oki Stanwer Mythos, dem Ro­man „Der Zathuray-Konflikt“ (1991). Warum sage ich, es sei ein „erstes Glossar“ gewesen? Weil ich damals den Roman noch nicht abschrieb, wie es sinnvoll gewesen wäre. Bei einer Computerabschrift verschiebt sich notwendig die Zeilenlänge und damit die Manuskriptformatierung, so dass alle Seiten-zahlen der ersten Glossierung hinfällig werden.

Die Abschrift dieses Romans bewegt mich übrigens gerade JETZT, also anno 2016. Ihr seht daran, dass ich manchmal unorthodox in meinem Glossierungsei­fer vorauseile. Ob das sinnvoll ist, das zu beurteilen überlasse ich besser ande­ren.

Erst im September 2009 vollzog ich dann einen – sagen wir, halbherzigen – Schwenk zurück zum OSM. Es entstand in KONFLIKT 4 „Oki Stanwer – Der Insel-Regent“ (IR) der Band 14, „ZYNEEGHAR-Psychose“, ich versuchte, weiter an KONFLIKT 2 „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) voranzu­kommen und zappte in KONFLIKT 21 „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“.

Aber ehe ich hier auf einen grünen Zweig kommen konnte, knüppelte mich mit „In Karcavennyos Reich“ eine neue Archipel-Story nieder. Die natürlich auch ein Glossar erforderte und prompt bekam. Und dann stand der SF-Convention des Science Fiction-Clubs Baden-Württemberg (SFCBW) an, auf dem ich nicht fehlen durfte.

Tja, und schwuppdich… schon wieder ein Monat verschwunden. Echt atembe­raubend, wie schnell die Zeit dahinraste…

Apropos dahinrasen: Ich denke, dieser Schnellgalopp durch die ersten neun Mo­nate des Jahres 2009 dürfte für heute genügen. In der nächsten Etappe erzähle ich euch vom Oktober 2009 an weiter, was in meiner kreativen Vita geschah.

Nächste Woche lasse ich euch in der Rubrik „Logbuch des Autors“ wieder an meinen aktuellen Schreibtaten teilhaben. Schön neugierig bleiben! Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 68: Der Gesang des Dodo

Posted Juli 12th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute gibt es mal wieder harten Tobak, meine Freunde. Aber ich würde sagen, dieses Buch, wiewohl es inzwischen schon unfassliche 15 Jahre auf dem Buckel hat (ich spreche von der deutschen Erstveröffentlichung), kann man nach wie vor als leider völlig aktuell begreifen.

David Quammen, Journalist und Wissenschaftler, hat meiner Ansicht nach mit diesem Werk einen Klassiker des Genres geschrieben und dies dank einer phan­tastisch lesbaren Übersetzung von Ulrich Enderwitz auch so beeindruckend ins Deutsche übertragen lassen, dass der Zauber des Originals nebst allen gruseli­gen Schaudern, die einem Leser bei der Lektüre über den Rücken rieseln, ohne signifikante Abstriche erhalten bleibt. Lasst euch weder von den ungewohnten, kompliziert klingenden Begriffen wie „Inselbiogeographie“ oder von einer Fülle von Menschen- und Tiernamen abschrecken. Auch nicht von dem beunruhi­gend scheinenden Umfang des Werkes.

Denkt lieber an mein stetig wiederholtes Diktum: Ein gutes Buch ist immer zu kurz, egal, wie umfangreich es daherkommen mag (Leser, die Diana Gabaldons Schinken schon nonstop durchgeschmökert haben, kennen den Effekt… er tritt auch hier zutage). David Quammen gehört zu den Sachbuchautoren, die dieses Label ebenfalls verdienen.

Schweigen wir vom Thema selbst.

Das Thema selbst, die Zukunft der Welt, ist eines, das niemals aus der Mode kommt, ein Thema, um das wir uns in Zeiten der Überbevölkerung und der Kli­maverwüstung, die maßgeblich durch uns Menschen dramatisch verschärft worden ist – nur Dummköpfe und Ignoranten haben das noch nicht begriffen, und leider haben sie oftmals immer noch politisch das Sagen – , dringender denn je kümmern müssen.

Drum fasst diesen Lesetipp auch als Weckruf auf.

Vorhang auf für ein wichtiges Werk:

Der Gesang des Dodo

(OT: The Song of the Dodo. Island Biogeography in an Age of Extinction)

Von David Quammen

München 2001

976 Seiten, TB

ISBN 3-548-60040-9

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Enderwitz

Eine Reise durch die Evolution der Inselwelten“ lautet der beinahe unspektaku­läre (und, verglichen mit dem Originaltitel, durchaus verharmlosende) Unterti­tel dieses äußerst voluminösen Sachbuches, das dabei aber problemlos den härtesten Thrillern den Rang abzulaufen imstande ist, wenn der Leser sich be­reitwillig auf das Abenteuer dieses Buches einlässt.

Eins sei vorweg gesagt: wer sich NICHT für die Natur interessiert, wen es kalt lässt, wozu Menschen fähig sind, wer lange Sätze nicht mag (egal, wie bedeut­sam sie für JEDEN Leser sein mögen!) und wer womöglich an der Illusion fest­hält, dass Zoos oder Naturschutzgebiete als kleine Ausgaben der „natürlichen Umwelt“ gute Ideen sind… nun, diese Leute sollten das Buch vielleicht besser nicht lesen.

Wer sich hingegen Gedanken über die Zukunft der Welt macht, wer Artenviel­falt für eine erhaltenswerte Größe unseres Planeten hält, wer eventuell ein we­nig von Ökologie, Geografie, Genetik, Wissenschaftsgeschichte oder Biografien versteht oder lesen möchte, alle diese potentiellen Leser sind hier gerne gese­hen. Kenntnisse in diesen Bereichen mitzubringen, schadet nicht, ist aber nicht unbedingt notwendig. Man muss nicht einmal über mehr als allgemeine Infor­mationen bezüglich Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung oder Evolutionswis­senschaft verfügen. Obwohl das natürlich hilfreich ist, keine Frage. Das Buch lässt sich aber auch so verstehen und, ja, streckenweise genießen.

David Quammen ist amerikanischer Sachbuchautor und Schriftsteller, unter an­derem hat er für NATIONAL GEOGRAPHIC geschrieben, und er liefert mit „Der Gesang des Dodo“ ein Werk ab, das seinesgleichen unter all denen sucht, die ich bislang gelesen habe, und so ziemlich einzigartig dasteht. Das will was heißen. Was DIE ZEIT auf dem Umschlagtext konstatiert („Gleichgültig, wo man zu lesen beginnt, DER GESANG DES DODO fesselt“), stimmt ebenfalls. Ich gebe sonst nichts auf Klappentexte, diesmal habe ich glücklicherweise eine Ausnahme gemacht.

Man beginnt zu lesen und findet sich übergangslos in einer Welt wieder, die mit den sechsunddreißig persischen Bettvorlegern beginnt und im vollkommenen Alptraum endet. Wie, das versteht jetzt keiner? Nun gut, dann folgt jetzt eben ein kleines Zitat aus dem Anfang des Buches, Kapitel 1:

Fangen wir in den eigenen vier Wänden an. Stellen wir uns als erstes einen schönen persischen Teppich nebst einem Jagdmesser vor. Sagen wir, der Teppich ist 4.00 mal 5.50 Meter groß. Das bedeutet eine Fläche von 22 Quadratmetern Webstoff. Ist das Messer scharf wie eine Rasierklinge? Falls nicht, wird es ge­schliffen. Wir zerschneiden nun den Teppich in sechsunddreißig gleich große Stücke, lauter Rechtecke von 1.00 mal 0.61 Metern Fläche. Die zerreißende Tex­tur gibt kleine gequälte Geräusche von sich, die wie der unterdrückte Aufschrei entsetzter persischer Weber klingen. Aber was gehen uns die Weber an? Wenn wir mit dem Schneiden fertig sind, messen wir die einzelnen Stücke aus, zählen alles zusammen – und stellen fest, wir haben, bitte schön, nach wie vor rund 22 Quadratmeter erkennbar teppichartigen Stoff. Aber was heißt das? Nennen wir jetzt etwa sechsunddreißig hübsche persische Bettvorleger unser eigen? Nein. Wir haben nichts weiter als drei Dutzend ausgefranste, wertlose Bruchstücke, die dabei sind, sich aufzudröseln…“

Und damit sind wir mitten im Problem, so abstrus und gespenstisch es auch auf den ersten Blick wirken mag. Wir stecken mitten im Abenteuer, und jedes Wort der Übersetzung dieser Stelle ist klug abgezirkelt und auf den Gesamtkontext abgestimmt. Man wird es beim Lesen mehr und mehr merken – und mehr und mehr grausen.

Aus dem eigenen Wohnzimmer, wo wir den Teppich auf so schreckliche Weise misshandelt haben, bricht Quammen mit uns in eine Welt auf, in der wir auf Bali nach Panthera tigris suchen, uns fragen, warum der Rotfuchs aus dem Na­tionalpark Bryce Canyon verschwunden ist und den Spuren des legendären Dodo folgen, eines Vogels, der etwa in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf der Insel Mauritius vom Menschen ausgerottet wurde und dessen „Gesang“ ein für allemal verstummt ist. Wie so vieles andere. Wir erfahren, weshalb an einem Ort namens Barro Colorado Island 45 Vogelarten ausgestorben sind, wie Ökosysteme funktionieren und warum, wie Quammen sagt, immer dann, wenn man „ein Stück ab(schneide), (und es) isoliere… (,) schon… ein Prozess der Auflösung einsetzt.“

David Quammen führt den Leser dabei zunächst zurück zu den Ursprüngen ei­ner Disziplin, die mir selbst auch unbekannt war und der er sich selbst zugehö­rig fühlt: die Insel-Biogeografie als besondere Unterdisziplin der Biogeografie selbst. Die Frage dieser Disziplin ist es, herauszufinden, warum bestimmte Arten von Lebewesen (Pflanzen und Tiere, manchmal sogar bestimmte Menschen­gruppen) auf Inseln oder in bestimmten Regionen der Kontinente vorkommen bzw. gerade nicht oder nicht mehr vorkommen, wie sie mit ihrer Umwelt intera­gieren und was passiert, wenn der Mensch sich dort blicken lässt.

Um es kurz zu machen: es ist jedes Mal eine Katastrophe. Meistens nicht einmal intendiert, sondern durch guten Willen, Neugierde, Leichtsinn, Naivität oder Ignoranz ausgelöst, aber die Folge ist wie die eines gut gezielten Schusses ins Herz: stets tödlich. Nur stirbt die Natur nicht ganz so schnell wie die Menschen, meist nicht einmal so sichtbar, und die Folgen sind in fast jedem Fall weitaus dramatischer, als es sich die Auslöser jemals vorstellen können.

Das Buch versammelt eine schier unbeschreibliche Fülle von Beispielen, und je­des einzelne davon ist eine ausgewachsene Tragödie, viele sind gänzlich unbe­kannt, und… jedes Beispiel ist ANDERS. Zu Beginn scheint es dem Leser, dass es kein passendes Muster gibt, keine Gemeinsamkeiten, nichts, was irgendwie auf ein Schema hindeutet, nach dem sich das Aussterben von Arten ereignet.

Anfangs sind auch die Verursacher überzeugt, dass es sich um „Zufälle“ handelt, dass die entsprechenden Rassen schon „von vornherein schwach“ waren und „aussterben mussten“. Es wimmelt von wohlmeinenden Wissenschaftlern, die Inseln und Regenwälder kahl fangen, um die überlebenden Exemplare liebevoll in ihre Heimatländer oder Zoos zu exportieren (wobei allerdings die meisten Tiere bereits auf der Reise oder kurz danach sterben – was natürlich neue Fangaktionen auslöst und die Spezies an den Rand der Vernichtung treibt oder ganz ausrottet). Es wimmelt von Menschen, die der festen Überzeugung sind, Tiere KÖNNTEN gar nicht aussterben, weil es ja so viele von ihnen gäbe (makab­re Beispiele dafür sind die Riesenschildkröten im Indischen Ozean oder, noch schlimmer, die Nordamerikanische Wandertaube, an der Quammen einen regelrechten Vernichtungskrieg beschreibt – bis diese in die Milliarden gehenden Individuen gehenden Vogelschwärme plötzlich verschwunden sind. Ausgerottet…!).

Wir treffen bei der Lektüre auf alte Bekannte (z. B. auf Charles Darwin und Ja­mes Cook) und auf weniger bekannte Personen (Alfred Russel Wallace wäre hier zu nennen, dessen abenteuerliches Leben allein schon das ganze Buch rettete! Aber er ist nur der Anfang der Geschichte) und auf Leute, die wir niemals ken­nen lernen mögen und gottlob wohl auch nicht mehr kennen lernen werden (ich nenne nur kurz den Missionar George Augustus Williamson auf Tasmanien und die sehr ehrenwerten und völlig skrupellosen Ärzte Stokell und Crowther, die selbst davor nicht zurückscheuen, eine Leiche auszubuddeln und auszu­schlachten – so geschehen im Jahre 1869. Sie wurden dafür übrigens NICHT zur Rechenschaft gezogen).

Wir lernen weiterhin bezaubernde Vögel ohne Füße kennen, Wölfe mit Beuteln, leibhaftige Drachen, die manchmal recht blutrünstige Gelüste entwickeln, wir treffen auf zahme Tauben, die von Menschen zu Tausenden nächtens von ihren Nistästen geschlagen werden und auf gedankenlos eingeführte Malariamücken. Und viele, viele Wesen, von denen wir noch niemals etwas hörten und bei de­nen wir häufig das Gefühl haben werden, wie gerne wir sie doch kennen gelernt hätten… Leider alle ausgestorben. Verursacher: mehr oder weniger immer der Mensch.

So kann man lernen, den Menschen zu schätzen – oder zu hassen. Dass wir zur selben Spezies gehören, nun ja, das ist ein bedauerlicher Fehler. Ich wäre auch lieber ein Baum.

Wir finden bei der Frage, warum auf Guam unzählige heimische Vogelarten aus­sterben, Rätsel ratende Wissenschaftler, die „DDT“ schreien, aber keine Bewei­se finden… und eine Explosion von Schlangen und großen, schwarzen Spinnen. Des Rätsels wirkliche Lösung kräuselte mir ehrlich die Nackenhaare.

Und es ist die Rede von „Isolaten“ und „Stichproben“, von Reservationen und Populationsgrößen und davon, dass das Artensterben von den Inseln im 20. Jahrhundert grassierend auf das Festland übergreift!

Ja, wer das Buch liest, weiß schon recht bald, warum das so ist, warum es gar nicht anders sein KANN. Doch wie Quammen selbst zugibt: er hat kein Patentre­zept anzubieten, er weiß nur, was passiert, beschreibt es und warnt.

Seine Warnung ist, zugegeben, etwas drastisch, aber leider sehr realistisch: „Überall auf der Erde führt die Menschheit Krieg gegen andere Arten, gegen die Wildheit der Wildnis, gegen die Blutröte der Zähne und Klauen der Natur. Der Sieg ist der Menschheit sicher. Die einzige offene Frage ist, wie hart die Frie­densbedingungen sein werden… In dem Maße…, wie das umgebende Land sich verändert, wird Wae Wuul (ein Reservat für Komodo-Warane in Indonesien) aufhören, Teil eines zusammenhängenden Ökosystems zu sein, das größer und reichhaltiger ist als es selbst. Das Gebiet wird keine Stichprobe mehr sein; es wird sich in ein Isolat verwandeln.“

In eine Insel.

Und auf Inseln sind Arten verstärkt dem Artensterben ausgesetzt, verarmen und gehen meist ziemlich jämmerlich zugrunde, insbesondere dann, wenn der Mensch ihnen zusetzt.

Das Buch ist insgesamt ein Credo für Vernunft im Umgang mit der Natur und dafür, Maß zu halten, insbesondere aber den Menschen ein komplexes Netz­werk an Informationen zur Verfügung zu stellen, um ihnen Wirkungszusammen­hänge aufzuzeigen, die leicht über Generationen hinweg gesehen werden müs­sen, um sie überhaupt zu erkennen. Wer das versteht und willens ist, sich dar­auf einzulassen, wird in diesem Buch eine ungeheuerliche Fülle an Informatio­nen und Zusammenhängen vorfinden und lernen, und es wird ihn fraglos im­mer stärker frösteln lassen. Die ausgezeichnete Übersetzung von Ulrich Ender­witz trägt dazu bei, das Buch zu einer höchst faszinierenden literarischen Köst­lichkeit werden zu lassen.

Vom Standpunkt jener Menschen, die der Ansicht sind, der Mensch an sich sei gut und KÖNNE doch der Natur, von der er lebt, gar nichts Böses antun, und der weiterhin denkt, wenn man sich der Natur nur FREUNDLICH nähert, könne auch gar nichts GESCHEHEN, nun, vom Standpunkt dieser beneidenswerten Leute ist Quammens Buch ein unausgesetzter, fortdauernder und sich permanent ver­schärfender Alptraum, der deshalb umso schlimmer ist, weil er die Wahrheit sagt. Und die Wahrheit wird nun einmal nicht dadurch erträglicher, dass man sie ignoriert. Ich fürchte, diese optimistischen Leser werden nach der beendeten Lektüre unter Alpträumen zu leiden haben, ihnen wird das Buch wie Blei im Magen liegen und sehr unbekömmlich sein.

Wahrheit schmeckt meistens ziemlich bitter.

Ich sagte mir schon recht früh, dass jenes geflügelte Wort stimmte, das ich ein­mal gehört hatte: „Je mehr ich vom Menschen erfahre, desto mehr liebe ich die Tiere!“ Wohl wahr. Aber auch das hilft nicht sehr viel weiter. Man muss umden­ken und abstrahieren können. So etwa:

David Quammen deutet es nur an und spricht es nicht explizit aus, aber es schwingt implizit in seinen Sätzen stets mit, mal mehr, mal weniger: Inseln sind nicht NUR Metaphern. Sie sind auf eine schreckliche Weise ein Paradigma für unsere ganze Welt. Denn jenseits einer Insel, beispielsweise jenseits des hawai­ischen Archipels, herrscht über Hunderte, ja, Tausende von Quadratkilometern nur Salzwasser, ein Element, das für die meisten Lebewesen tödlich ist.

Jenseits der irdischen Atmosphäre gibt es auf LICHTJAHRESDISTANZEN nichts als leblose Steinwüsten und eisige, kosmische Vakuumkälte. Die Erde, kommt dem Science Fiction kennenden Leser grausig zu Bewusstsein, ist eine INSEL. Und was passiert, wenn auf einer Insel, die völlig isoliert ist, eine Raubtierpopulation (nichts anderes, bitte schön, sind wir Menschen letzten Endes!) absolut die Oberhand gewinnt, das stellt David Quammen an verschiedenen Beispielen höchst drastisch dar: Erst rotten diese Tiere ihre Beutetiere aus. Dann erleiden sie einen Populationseinbruch. Und wenn weiterhin noch ökologische Katastro­phen hinzukommen, haben wir einen hausgemachten Genozid, einen Selbst-Genozid sozusagen. Das Ende vom Lied ist die totale Verwüstung und das Aus­sterben der „Raubtierrasse“.

Sagte irgendwer, dieses Buch ginge uns nichts an? Es wäre nicht interessant? Oder zu dick, um lesbar zu sein? Gut. Ganz, wie ihr meint.

Aber dann soll keiner behaupten, dass uns niemand gewarnt hat…

© by Uwe Lammers

Braunschweig, den 21. August 2001

Abschrift und leichte Überarbeitung: Braunschweig, den 16. September 2015

Tja, Freunde… harte Kost? Wohl wahr, das will ich nicht in Abrede stellen. Aber gute Bücher soll man empfehlen, so bitter die Kost dann auch schmecken mag. Denn nur, wenn man wohl informiert ist und weiß, was da draußen vor sich geht, wenn man nicht den Kopf in den Sand steckt und die Augen verschließt, ist man fähig, etwas daran zu ändern, so gering vielleicht auch der Eigenbeitrag sein mag.

Ich für meinen Teil kann nicht behaupten, allzu viel Einkommen mein eigen zu nennen – dennoch zweige ich Monat für Monat Spendengelder für den Um­weltschutz von meinem Konto ab. Weil mir die Welt wichtig ist. Weil ich meinen Teil dazu beitragen möchte, die Schäden, die unsere Spezies unserer Welt zu­fügt, zu begrenzen. Ich kann an dieser Stelle nur jeden meiner Leser dazu aus­drücklich ermuntern, dies ebenfalls zu tun.

In der kommenden Woche reise ich in eine wirklich uralte Kurzgeschichten­sammlung zurück und besuche zwei Großmeister der Phantastik. Es seien nur kurz die Namen genannt, um die Wissenden aufhorchen zu lassen: Ray Bradbu­ry und Robert Bloch.

Wer neugierig geworden sein sollte, mag nächsten Mittwoch wieder reinschau­en. Bis dann, meine Freunde.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.