Rezensions-Blog 126: Die Zeitspirale

Posted August 23rd, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ja, es ist schon ein Kreuz mit der Unberechenbarkeit meiner Leseempfehlungen, ich weiß. Manch ein Freund, der den Rezensions-Blog rezipiert und konsultiert hat, machte mich schon darauf aufmerksam, dass gewisse Bücher kaum bis gar nicht mehr erhältlich sind. Dieses hier könnte vielleicht auch ein solcher Fall sein, aktuell kann ich das schwer beurteilen… nun, Online-Antiquariaten nach zu urteilen, ist „Die Zeitspirale“ wohl noch zu erschwinglichen und akzeptablen Preisen erhältlich. Lasst mich also fortfahren.

Es dauerte, wie ich unten darstellte, viele Jahre nach Erwerb, bis ich das vorlie­gende Werk lesen konnte. Aber das hat nichts mit seiner Qualität zu tun, son­dern deutlich mehr mit meiner gering ausgeprägten Fähigkeit, Lesepräferenzen festzulegen. Folglich können mich auch alte Werke in meinen Regalen noch regelmäßig überraschen. Das hier stellt eine schöne und durchaus unerwartete Überraschung dar.

Als ich mich in Vorbereitung auf diese Buchvorstellung ein wenig in den WIKIPE­DIA-Eintrag zu Cowper vertiefte, fand ich seine Vita rührend: 1926 als John Middleton Murry, Jr., geboren, Sohn eines britischen Philosophen, besuchte er eine Reformschule und schlug später selbst den Lehrerberuf ein. 1968 im Ruhe­stand begann er damit, Geschichten zu veröffentlichen, zumeist phantastischer Natur unter dem Pseudonym „Richard Cowper“. Ab 1986 wandte er sich von der Schriftstellerei dann ab und der Malerei und der Restaurierung von Antiqui­täten zu.

Als schließlich 2002 seine geliebte Frau starb, folgte er ihr vier Wochen später ins Grab, nach Aussage seiner Töchter starb er „an gebrochenem Herzen“… ich glaube, ihr solltet euch wirklich seine Geschichten, die in dem unten vorgestell­ten Band zu finden sind, besonders unter diesem Blickwinkel anschauen. Auch ich finde, wie es in seinem Nachruf in ALIEN CONTACT heißt, dass Cowper – bleiben wir bei dem Pseudonymnamen – die Menschen und ihre Schicksale zentral wichtig waren. Ich möchte ebenfalls bekräftigen, dass er interessante, ungewöhnliche Perspektiven in die Phantastik einbrachte. Und sein starkes In­teresse an Geschichte und gewissermaßen archaischen Schauplätzen und abge­schiedenen, klösterlichen Idyllen lässt sich ebenfalls nicht kleinreden, das findet man in der unten stehenden Storysammlung an mehreren Stellen. Wie ich betone: es ist ein sehr interessantes Buch, und auch der Autor selbst lohnt defi­nitiv eine Neuentdeckung.

Also, überzeugt euch selbst und lest weiter.

Die Zeitspirale

(OT: The Custodians)

von Richard Cowper

Goldmann Science Fiction 0244

München ca. 1976

160 Seiten, TB

Keine ISBN, nur noch antiquarisch zu erhalten

Aus dem Englischen von Tony Westermayr

Wenn ich ein rund 40 Jahre altes Buch bespreche, bedarf das selbst in Phantas­tenkreisen wie den unsrigen wohl einer Erklärung. Die kann ich relativ leicht ge­ben: das Buch stand bei mir seit dem 8. September 1991, als ich es auf dem Gif­horner Flohmarkt erstand, im Bücherregal, war aber rund zwanzig Jahre meinen Blicken entzogen, weil es sich in Gifhorn befand, ich selbst hingegen in Braun­schweig lebte. Dann wanderte es ungelesen hier in meine vier Wände und reiz­te mich von da ab tagtäglich dazu, es irgendwann einmal zu lesen.

Der Zeitpunkt war gekommen, als es mich direkt nach dem Tod meiner lieben Mutter am 5. Mai 2015 danach gelüstete, für die Fahrten nach Gifhorn Kurzge­schichtenlesestoff haben zu wollen, der zudem schon lange auf mein neugieri­ges Auge wartete. Diese Storysammlung enttäuschte meine Erwartungen nicht, ließen doch der Titel und der Klappentext auf Zeitreisegeschichten schließen. Durchaus mit Recht.

Der vorliegende Band enthält lediglich vier Geschichten sehr unterschiedlicher Länge. Die Titelstory „Zeitspirale“ (The Hertford Manuscript) ist in der Tat eine Zeitreisestory. Der Erzähler dieser Geschichte erbt von seiner Großtante Victoria ein altes Buch, das nach einem Begleitschreiben der Verstorbenen aus einem Posten von Kirchenregistern stammt, das seit über 130 Jahren unberührt ge­blieben sein soll… dummerweise enthält der Einband ein anderes Manuskript, das auf Papier geschrieben ist, das unleugbar aus dem 19. Jahrhundert stammt. Und es datiert auf das Jahr 1665. Noch verheerender – Großtante Victoria hat den Namen des Verfassers früher schon einmal erwähnt: Dr. Robert Pensley, be­freundet sowohl mit ihr als auch mit einem Schriftsteller namens Herbert Geor­ge Wells. Ein Mann, der eines Tages einfach so „verschwand“.

Wer also Wells´ Roman „Die Zeitmaschine“ gelesen hat und wissen möchte, wie sie weiterging, der sollte sich dieser Story zuwenden…

Endzeit-Propheten“ (The Custodians) ist die ursprüngliche Titelgeschichte der Storysammlung und, meiner Ansicht nach, die würdigere. Es ist in gewisser Wei­se eine biografische Spurensuche: Als im September des Jahres 1272 ein einsa­mer Wanderer an die Pforte eines abgelegenen französischen Klosters im Tale des Ix pocht und sich mit „Meister Sternwärts – Seher“ in das Besucherbuch einträgt, ahnt niemand, dass er damit Geschichte schreibt.

Siebenhundert Jahre später verfolgt ein traumatisierter englischer Geistes­wissenschaftler namens Marcus Spindrift den Fährten, die der rätselhafte Meis­ter Sternwärts hinterlassen hat. Sie enden in diesem Kloster, und Spindrift hat eigentlich im Mai 1923 vor, nur ein Weilchen hier zu bleiben. Aber das ist, ehe er das geheime Manuskript des Sternwärts zu sehen bekommt, die „Praemoni­tiones“. Diese Kenntnis, besonders aber der von Sternwärts geschaffene „Ocu­lus“, verändern seinen  Blick vollständig. Denn dieser Ort zeigt auserwählten Individuen einen Blick in die Zukunft, und wer ihn getan hat, vergisst ihn niemals – dummerweise ist das nur die hal­be Geschichte. Denn dann kündigt sich im Sommer 1981 auch noch ein M. S. Harland an, gleichfalls auf den Spuren des Meisters Sternwärts. Und dieser Be­such besiegelt… aber nein, das muss man selbst lesen.

Die moderne Technik ermöglicht die eigenartigsten Dinge, und weshalb soll das nicht in der Kunst ebenso sein? So ist es, dass in der Story „Anamorphose“ (Paradise Beach) ein genialer Künstler namens Igor Ketskoff eine neue Form von Videoinstallation erschafft, die direkt mit dem Bewusstsein des jeweiligen Betrachters interagiert. Und da Hugo Sherwood Bankier und geldbewusster Mensch ist, der weiß, dass moderne Kunst auch langfristige Geldanlage dar­stellt, ist er einer der ersten, der sich solch ein Anamorphose-Bildnis an die Wand hängt. Seine Frau Zephyr findet dieses Ding zunächst eigenartig, wenn­gleich auch sie sich dem Reiz nicht ganz entziehen kann. Immerhin wirkt es ganz so, als handele es sich um eine Art von Fenster auf einen tropischen Strand.

Ihre Freundin Margot Brierly ist davon nicht minder fasziniert. Aber sehr viel mehr Kopfzerbrechen bereiten ihr Zephs außereheliche Eskapaden, denn sie leistet sich einen Liebhaber nach dem nächsten und stößt damit ihren geschäf­tigen Gatten regelmäßig vor den Kopf. Hugo scheint das nicht zu bekümmern… aber dann geschehen seltsame Dinge: in seinem Bett findet Zeph weißen, tropi­schen Sand. Im Büro trockene Reste von etwas, das fatal nach Seetang aussieht. Und schließlich verriegelt ihr Mann den Raum, in dem das Anamorphose-Bild steht, was er noch nie getan hat. Ganz so, als wenn… ja, als wenn ihn damit ein ganz privates Geheimnis verbinde. Zephyr wird unweigerlich sowohl nervös als auch neugierig. Und dann…

Lange nach dem Untergang der ursprünglichen menschlichen Zivilisation, knapp vor dem Jahr 3000 nach Christus, spielt die letzte Story, „Morgendämmerung“ (Piper at the Gates of Dawn) betitelt. Es ist die Geschichte des jungen Tom und seines Mentors, dem Geschichtenerzähler Peter, der durch die in ein feudales Zeitalter zurückgefallenen Ländereien Englands rings um York reist und damit sein Geld verdient. Tom indes, ausgebildet von dem verstorbenen Morfedd, sei­nes Zeichens angeblich ein Zauberer und Meister esoterischen Wissens, besitzt die wunderliche Gabe, mit seiner Flöte die Geister der Menschen zu verwan­deln, Tiere zu besänftigen und Illusionen zu erschaffen. Und er soll in York eine kirchliche Laufbahn einschlagen.

Als der alte Peter dank Toms Spielkunst von einem Erfolgserlebnis zum nächs­ten reist, möchte er den talentierten Jungen nicht ziehen lassen, auch dann nicht, als er vom „Weißen Vogel“ zu erzählen beginnt. Angeblich habe er dem verstorbenen Morfedd versprochen, zu Weihnachten in York zu sein. Und die Bewegung des „Weißen Vogels“ wächst mehr und mehr zu einer menschlichen Lawine an, auf ein Wunder wartend, selbst wenn es vielleicht – der Legende zu­folge – ein entsetzliches werden wird…

Richard Cowper, heutzutage beinahe vergessen, schrieb diese Geschichten vor rund vierzig Jahren, aber selbst damals prognostizierte er bereits solche Dinge wie Nuklearkriege und Klimakatastrophen. Insofern wäre es durchaus nützlich, sich an seine Geschichten aktuell zu entsinnen. Manche seiner Ideen sind über­raschend frisch, gemessen an ihrem Alter. Ein wenig erinnerte er mich deshalb an den gleichfalls lange verstorbenen Philip K. Dick, dessen Geschichten auch erst lange nach seinem Ableben ihre wahre Wirkung zu zeigen begonnen haben, nicht zuletzt als Basis von Verfilmungen.

Sicherlich – Cowpers Stories eignen sich eher nicht für diese Form der Adapti­on, aber sie sind auf beeindruckende Weise in sich schlüssig und gut lesbar. Be­sonders dort, wo sie sich auf quasi-historische Weise in reale historische Kon­texte einfügen, beweist der Autor außerordentliches Geschick. Ein Leser, der Werke nicht nur nach ihrem Erscheinungsdatum beurteilt, sondern auch mal zu dem einen oder anderen älteren Werk greifen will, um sich von raffiniertem Stil und bittersüßer Melancholie einfangen zu lassen, die hier überall fühlbar ist, der dürfte mit dieser Storysammlung ganz richtig liegen.

Klare Leseempfehlung.

© 2015 by Uwe Lammers

So, und in der kommenden Woche bleiben wir zwar in der Chronologie der Er­scheinungsfolge von Clive Cussler-Romanen, aber zugleich lernt ihr ein Paar von neuen Protagonisten in seiner Welt der NUMA kennen. Und macht eine Stippvi­site auf einem legendären versunkenen Schiff – das lohnt sich, versprochen!

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Wochen-Blog 233: 75 Fragmente… und was die Folge war

Posted August 20th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ihr wisst als langjährige „Follower“ meines Blogs, dass die kreative Welt eines Autors nicht nur aus fertigen Geschichten besteht, ganz besonders nicht die meine. Während viele Schriftsteller aber aus den noch nicht vollendeten Wer­ken gern ein Geheimnis machen und nicht mal die Titel der Fragmente nennen mögen, geschweige denn ihre Zahl, ist das bei mir immer schon anders gewe­sen. Ich kämpfe, wenn man diesen draufgängerischen Terminus verwenden mag, „mit offenem Visier“.

Ihr habt ebenfalls Kenntnis von zahlreichen meiner Fragmente. Jeden Monat tauchen in der Übersichtsrubrik „Work in Progress“ regelmäßig solche einge­klammerten Werke auf, an denen ich mal mehr, mal weniger intensiv weiterge­arbeitet habe. Inzwischen hat die Menge an Fragmenten, das gebe ich ehrlich zu, die Summe von mehr als 300 überschritten. Dazu zähle ich allerdings auch solche OSM-Episoden, die ich abschreibe und kommentiere, wonach sie aus dieser Liste wieder entschwinden.

Ihr merkt daran – die Liste ist nicht endlos, und sie wuchert auch nicht ins Un­begrenzte, es gibt durchaus ein Licht am Ende des Tunnels. Aber in Zeiten wie den gegenwärtigen, wo mir sehr wenig Zeit zum kreativen Arbeiten bleibt, ros­tet allerlei auf üble Weise ein. Das gilt auch für den Bereich der Fragmente. Um das verständlicher zu machen, sei etwas ausgeholt:

Daheim in meiner Schreibklause gibt es für die Fragmente im Wesentlichen drei große „Schubladen“, sag ich mal, auch wenn der Terminus unpassend ist, wie ihr gleich sehen werdet. Ich untergliedere die Fragmente in solche, die dem Ar­chipel zugehörig sind, in solche, die OSM-Ideen ausbrüten und solche, die an­derweitig entstanden sind. Letztere umfassen mehr oder minder phantastische Ideen, aber eben auch Fragmente historischer Aufsätze, von denen viele schlummern.

Die OSM-Fragmente werden in grauen Ordnern untergebracht (wie alle OSM-Werke grundsätzlich in graue Ordner einsortiert sind), die Archipel-Fragmente ruhen in roten Ordnern (der gesamte Archipel-Kosmos ist rot gewandet, er füllt ein ganzes Regal bei mir und wuchert schon etwas darüber hinaus), die sonstigen Fragmente lagern in blauen Ordnern.

Nun kam jüngst der Tag, da ich die Archipel-Fragmentordner wieder einmal durchsah und mit einiger Frustration feststellte, dass die Vorsatzblätter nicht völlig aktuell waren – einige dort verzeichnete Geschichten fanden sich in Wahrheit in anderen Ordnern. Solche „Baustellen“ zu entdecken, das nervt mich immer wieder. Wie soll man mit unvollkommenen Ordnungsunterlagen ar­beiten? Da sind ja Folgefehler unvermeidlich, und am Ende regiert das Chaos. Nee, dachte ich mir also, das muss ich ändern!

Die Verzeichnisse der vorliegenden fünf Archipel-Fragmentordner zu aktualisie­ren, erwies sich als gar nicht mal schwierig. Als ich dann aber daran ging, die Geschichten passend in die Ordner abzuheften, trat das nächste Problem zuta­ge (ist immer so: hat man ein Problem gelöst, findet man das nächste Schlupf­loch des Chaos… muss wohl ein Naturgesetz sein).

Worum ging es?

Um die Aktualität der Ausdrucke.

Ich sah mir einige davon an und entdeckte die handschriftlichen Vermerke „Ak­tualisieren!“, die auf manchen davon standen. Das zeigte mir zumindest, dass mir aufgefallen war, wo Handlungsbedarf bestand. Und eine flüchtige Lektüre zeigte immer deutlicher, wie wichtig das war: Da gab es nicht korrigierte Schreibfehler. Da waren zu breite Ränder (die auf Ausdrucke hinwiesen, die schon über 10 Jahre alt waren). Und dass das „ß“ in vielen Dokumenten noch nicht an die aktuelle Rechtschreibung angepasst war, das schmeckte mir selbstverständlich auch nicht.

Okay, dachte ich finster, dann muss ich wohl in den sauren Apfel beißen. Auf ans Durchsehen, Korrekturlesen, Neuausdrucken. Mir war klar, dass das nicht eine Frage von wenigen Stunden sein würde. Nicht bei fünf Aktenordnern Frag­mente!

Ich zählte anhand der aktualisierten Vorsatzblätter und stöhnte: „75 Fragmente! Das ist doch jetzt nicht mein Ernst! Das glaube ich nicht!“

Nun, aber es waren halt 75 Fragmente… okay, darunter befanden sich auch sol­che Geschichten wie „Die neue Strafe“, „Abenteuer im Archipel“, „Rhondas Aufstieg“, „Verlorene Herzen“ und ähnliche, wo ich eigens vermerkt hatte, dass sie eigenständige Romane waren und eigene Ordner besäßen. Diese Dinge konnte ich also ausklammern, das würde ich mir später vornehmen. Im Fall von „Die neue Strafe“ hatte ich ohnehin schon vor Monaten einen kompletten Neuausdruck gemacht, da gab es also keinen akuten Handlungsbedarf… aber für die Majorität der Fragmente sah das leider anders aus.

Leider oder… nun ja… vielleicht auch zum Glück.

Glück war, dass ich gerade ein paar Tage seltenen Urlaub hatte. Ein langes, ent­spanntes Wochenende lag hinter mir, und ich spürte sowieso den Drang, zu schreiben. Und ihr wisst seit dem Blogartikel 224, dass ich in Richtung des Ar­chipels driftete. Das war also genau die richtige Zielrichtung, ein wenig wie eine abschüssige Straße für einen erschöpften Radfahrer, der Kräfte sparen und sich treiben lassen kann.

Es konnte also nicht wirklich überraschen, was passierte. Es verdutzte mich aber durch seine Intensität dennoch.

Nachdem ich schon das Fragment der Story „Tengoor und Malisia“ binnen ei­nes Tages von 5 auf 19 Seiten erweitert und dann ausgedruckt hatte, ging es mir mit dem Folgefragment „Wandlungen“ noch sehr viel heftiger.

Das Fragment stammt vom 29. Juli 2003, ist mithin also mehr als 14 Jahre alt. Und der Ausdruck war erst alt! Er stammte aus dem Jahre 2004 und umfasste 4 Seiten. Unspektakulär? Auf den ersten Blick: ja. Mein Blick in die digitalen Dateien zeigte mir allerdings, dass das Fragment dort inzwischen 7 Seiten um­fasste, also fast doppelt so lang war. Klarer Aspirant für einen Neuausdruck.

Ich ging die Story also an und wollte an und für sich nur ein wenig nachfeilen… und dann blieb ich daran kleben. Das hatte nichts mit dem Honig zu tun, wirk­lich nicht… also… na ja, vielleicht doch. Denn damit ging eigentlich alles los. Aber damit ihr das versteht, braucht ihr einen kleinen Crashkurs, worum es in der Geschichte geht. Dann könnt ihr wahrscheinlich nachvollziehen, warum ich daran auf einmal so festhing:

Es handelt sich um eine Story, die in der Frühzeit der Archipelmetropole Asmaar-Len spielt, spätestens 835 oder 836 (das ist noch nicht völlig geklärt). Das ist kurz nach der Handlungszeit des Romans „Antaganashs Abenteuer“, von dem, als dieses Fragment entstand, noch nicht mal ein Zipfel zu sehen war. Asmaar-Len ist zu dieser Zeit nicht viel mehr als eine zusammengewürfelte Ansiedlung von Gebäuden in dichtem Urwald an der Küste der Insel Coorin-Yaan, und die Adeligen, die vom fernen Südkontinent hierher geflohen sind und sich eine neue Heimstatt aufbauen, haben jede Menge Probleme.

Problem 1: Das tropische Klima, das den meisten von ihnen auf den Kreislauf schlägt, etwa der Adeligen Carin aus dem Aylaarin-Clan, mit dem die Geschichte anfängt.

Problem 2: Die hier lebenden Archipel-Insulaner huldigen einer Liebesreligion, in der ihre Göttin Neeli und der Sonnengott Laraykos im Zentrum stehen. Und fleischliche Vereinigung zu jeder nur denkbaren Tages- und Nachtzeit ist ihre Vorstellung von Gottesdienst. Weswegen die Majorität der Exilanten sie wenigs­tens als unzüchtige Zeitgenossen einstuft, die zügellosen Mädchen sogar unver­blümt als „natürliche Huren“.

Daraus folgt Problem 3, das direkt in die Geschichte führt: Die kleine Aylaarin-Familie beschäftigt eine Haussklavin namens Solange und seit jüngstem auch einen Gärtner, der Büsche roden und Beete anlegen soll. Als die Hausherrin Carin die beiden in der Vorratskammer dabei ertappt, wie sie pikante erotische Spiele treiben, in die sie ungehörigerweise Honig einbeziehen, reißt ihr der Ge­duldsfaden.

Wenig später ist Solange nackt gefesselt in einer verschlossenen Kammer und soll darauf warten, bis der Hausherr heimkehrt, um sie entsprechend zu be­strafen… dummerweise hat Carins Gatte absolutes Verständnis für Solanges Fri­volität… so etwas läge diesen Mädchen einfach im Blute, er könne sie nicht gu­ten Herzens bestrafen. Auf der einen Seite. Auf der anderen kann er seine Gat­tin aber auch nicht völlig enttäuschen, und man muss ja auch an den eigenen Ruf denken…

Vertrackte Zwickmühle? Natürlich. Aber es gab eine Lösung, die mir während der Überarbeitung des Fragments spontan auffiel. Denn da war auch noch die Haustochter Fiona, die sich nun ihrerseits bereit erklärte, die „unverschämte Sklavin“ zu maßregeln.

Die Eltern nahmen das mit Überraschung, aber auch mit Erleichterung zur Kenntnis… nun, sie hätten sich nicht so früh freuen sollen, dachte ich mir, wäh­rend ich diesen Teil weiter ausarbeitete und aus wenigen Skriptzeilen eine Seite nach der nächsten wucherte. Denn Fiona hatte durchaus ihre eigenen Pläne mit Solange, und da sie sich nun mit ihr im Bestrafungszimmer einschließen konnte und Solange gefesselt war, konnte sie ihre Neugierde nun in jederlei Weise be­friedigen, die ihr durch den Sinn ging.

Rasch musste sie allerdings feststellen, dass die Situation deutlich anders war, als sie sich das gedacht hatte. Statt dass Solange inzwischen vor Furcht und Za­gen verging und um Gnade bettelte, schien sie sich in ihren Fesseln durchaus behaglich zu fühlen, sehr zu Fionas Verständnislosigkeit. Sie versuchte, sich das irgendwie rational zu erklären – und es schien eins auf der Hand zu liegen: ihr Vater Ranshoy hatte Solange in einem Dorf an der Nordküste Coorin-Yaans als Sklavin erworben. Bestimmt war sie in ihrem Heimatdorf schon auf ähnliche Weise gefesselt und dann gezüchtigt worden, und sicherlich war das der Grund, weshalb sie überhaupt in die Sklaverei verkauft worden war.

Nein, völlig falsch, widersprach Solange vergnügt. Ganz verkehrt.

Das mit der Fesselung stimmte schon, aber sie verband damit ganz andere, un­geheuerliche und sehr erregende Erinnerungen. Und sie besaß außerdem eine verwirrende mythologische Erklärung, warum Fesselungen für Sklavinnen kein Grund zum Schrecken seien… jedenfalls nicht für jene, die treue und gläubige Anhängerinnen der Göttin Neeli und ihrer Tochter Shareena seien.

Schlimmer noch: Solange konnte überzeugend nachweisen, dass Fionas Klug­heit ganz nutzlos war, sofern es ihr nicht gelänge, ihren eigenen Körper und sei­ne Reaktionen zu verstehen. Von Orgasmen hatte Fiona jedenfalls noch keine Kenntnis… und so wurde atemberaubend schnell die Situation gründlich verän­dert. Und (der Teil ist noch nicht ausgearbeitet) so erweist sich Solange letzten Endes als Lehrmeisterin der Adelstochter, und sie bewirkt durch die Macht ihrer Worte und ihres Körpers eine fundamentale seelische Wandlung Fionas, die man durchaus als eine Art erotisches Erweckungserlebnis bezeichnen könnte…

Es war schon dunkel, als ich endlich die rauchenden Finger von der Tastatur nehmen konnte. Ich lächelte breit und dachte mir: Ja, da sieht man mal wieder, wie gut es sein kann, Fragmente ein paar Jahre liegen zu lassen und zwischen­zeitlich jede Menge Bücher zu lesen. Nicht zuletzt die Tatsache, dass ich etwa „Shades of Grey“ und zahlreiche andere romantische BDSM-Romane verschlun­gen hatte, wirkte hier deutlich nach. Vieles, was dort über die mentale Wand­lung von Frauen im Dunstkreis sadomasochistischer Gedanken und im Rahmen der dominant-devoten Beziehung geschrieben wurde, half mir deutlich, die oh­nehin im Archipel schon dergestalt angelegten Strukturen weiter auszuarbeiten.

Denn machen wir uns nichts vor – die Legende der Neeli-Tochter und ihrer Mo­nate auf der Archipel-Insel Nor’bu’shonya, wo sie als gedemütigte Sklavin lebt und ihren Ruf als stolze Schutzherrin der Sklavinnen erwirbt (was ich schon 2003 in der Story „Geboren aus der Brandung“ – bisher unveröffentlicht – er­wähnt hatte), das ist ganz zentral eine BDSM-Geschichte. Das ist wohl der zentrale Grund, warum ich sie noch nicht schreiben konnte. Mangelnde Fach­kenntnis… aber wahrscheinlich ändert sich das in der näheren Zukunft.

Als es also Abend wurde, war das Fragment von dem vormals 4seitigen Aus­druck nicht auf 7 Seiten angewachsen, wie ich das ursprünglich intendiert hat­te… jetzt umfasste es vielmehr 25 (!) einzeilige Seiten, und ich hätte durchaus noch weiterschreiben können.

Wow, dachte ich mir – das nennt man mal kreativen Überdruck. Hervorragend! Und ich genoss das wunderbare Gefühl, jedes Gespür für die verflossene Zeit vergessen zu haben. Zwischendrin war – mal wieder – das Teelicht unter der Teekanne erloschen, die CD war an ihr Ende gelangt, das Tageslicht geschwun­den… es kümmerte mich alles nicht. Ich war weg, fortgespült im Schreib-Flow, und das war das verdammt Beste, was mir passieren konnte.

Ihr könnt davon ausgehen, dass das ganz unbezweifelbar noch öfter geschehen wird, wenn ich andere Archipel-Fragmente nachbearbeite. 75 Fragmente klingt also auf den ersten Blick nach einer geradezu erdrückenden Last… aber das sehe ich differenzierter. Es ist mehr eine Art von Kartenblatt, ein Karussell der Möglichkeiten, die sich so aufreizend präsentieren und mich verlocken, den einen oder anderen Pfad favorisiert zu verfolgen.

Gewiss, die Qual der Wahl bleibt bestehen, und es ist absolut wahrscheinlich, dass mich diese Fragmente zu weiteren Werken aufstacheln werden. Doch bin ich zuversichtlich, was die Inspirationskraft dieser Geschichten angeht – sobald ich mehr Schreibzeit besitze, werden einige dieser Werke, und nicht nur die kür­zeren davon, abgeschlossen werden können. Und der Horizont wird sich wieder weiten, sobald die Menge an Fragmenten entsprechend ausgedünnt ist. Ich be­trachte Fragmente nicht nur als Problem, wie es vielleicht eingangs angeklun­gen sein mag, sondern als eine Form von kreativer Reservebank, voll von unbe­kannten Talenten und Handlungslinien… und ja, beizeiten plaudere ich gern wieder wie aus dem heutigen Anlass aus dem kreativen Nähkästchen.

Ach, die verständliche Frage, die sich euch jetzt aufdrängt, wann wohl „Wand­lungen“ fertig sein und, vielleicht noch zentraler, wann ihr sie lesen könnt, die kann ich leider nicht beantworten. Als Prophet tauge ich nicht, schon gar nicht hinsichtlich meiner flatterhaften kreativen Ader. Aber seid versichert, sobald die Geschichte beendet ist, werdet ihr darüber in den „Work in Progress“-Artikeln natürlich informiert. Und zweifelsohne auch, sobald ich mich dazu entschließe, die Story ans Licht der Öffentlichkeit zu hieven.

Ansonsten lasst euch einfach mal überraschen.

In der kommenden Woche erzähle ich euch, was im leider kreativ recht ereig­nisarmen Monat Mai dennoch das Licht der Welt erblicken konnte.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

Doctor Who ist ein Kultphänomen aus Großbritannien, an dem man als ernst­hafter Science Fiction-Fan auf lange Sicht nicht wirklich vorbeikommt… wenn­gleich ich zugebe, dass ich als jemand, der die Phantastik mehrheitlich durch die verschriftlichte Brille betrachtet, mich diesem Phänomen erst sehr spät zu­gewandt habe. Gleichwohl… Berührung mit Doctor Who hatte ich natürlich schon sehr zeitig. Ich entsinne mich der damaligen DW-Buchpublikationen in den frühen 80er Jahren, also während meiner Kindheit. Richtig eingeschlagen hat die Serie damals bei mir nicht, das passierte dann erst anno 2015.

Die Serie startete im Jahre 1963 in Schwarzweiß, mit geringem Budget und eher als Lückenfüller. In gewisser Weise war sie eine Momentlaune, und kaum je­mand machte sich damals Hoffnungen, man könne Filmhistorie schreiben. Und doch kam es ganz genau so, dank ein paar sehr engagierten und überzeugten Machern, die die Serie gegen alle Widerstände durchboxten.

Nun, und pünktlich zum 50. Jubiläum der Ursprungsserie (dass es dazwischen eine lange Sendepause ab 1989 gab, wird geflissentlich unterschlagen, sehen wir mal großzügig darüber hinweg und darüber, dass sich die modernen Abenteuer – inzwischen in neun Staffeln – doch gründlich von den alten unter­scheiden), pünktlich also legt die BBC einen produzierten Fernsehfilm vor, der sich mit just diesen abenteuerlichen Anfängen der Serienproduktion befasst.

Also, Vorhang auf für einen interessanten Film, der uns ins Jahr 1963 zurück­reisen lässt:

Ein Abenteuer in Raum und Zeit

(OT: An Adventure in Space and Time)

Fernsehfilm, BBC 2013

Länge: 83 Minuten

Regie: Terry McDonough

Drehbuch: Mark Gatiss

Musik: Edmund Butt

Wir leben im Zeitalter der so genannten „Biopics“, der verfilmten Biografien wichtiger Persönlichkeiten aus Zeitgeschichte und Kultur. Das ist kein wirklich neues Phänomen, das gab es in Ansätzen für sehr herausragende Personen (etwa Präsidenten) schon in den 90er Jahren. Aber man kann wohl mit Fug und Recht sagen, dass daraus inzwischen eine ganze Filmindustrie entstanden ist, die solche Filme nachfragt. Seien es Monarchen, Premierminister, wichtige In­dustrielle wie etwa Steven Jobs, Geheimdienstchefs usw.

Es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand auch der Hinter­grundgeschichte der britischen Science Fiction-Serie „Doctor Who“ annehmen würde. Der vorliegende Film ist gleichwohl in gewisser Weise ein Ausnahmefall der Biopics. Ein Ausnahmefall insofern, als es hier nicht allein um eine einzelne Person geht, die zentral im Mittelpunkt der Handlung steht, sondern gleich de­ren mehrere – und das Schicksal der frühen Serie gleichermaßen.

Wir machen mit dem Film, der auf dem Streaming-Portal burning.series (www.bs.to) zu finden ist, also eine Zeitreise ins Jahr 1963. Der Kalte Krieg ist nach wie vor weltbeherrschend, auch wenn die Kuba-Krise kürzlich erst ab­gewendet werden konnte. Das tangiert Englands Medienlandschaft nur be­dingt. Sidney Newman (Brian Cox) von der BBC hat das viel nahe liegendere Problem, eine halbe Stunde Sendezeit zu füllen. Er verfällt darauf, ein damals schon prominentes Genre zu bedienen: „Wir machen eine Science Fiction-Serie für Kinder!“

Die Leitung der BBC ist skeptisch, doch er betraut die junge, aus einer jüdischen Familie stammende Verity Lambert (Jessica Raine) damit, diese Serie zu entwi­ckeln und zusammen mit ihrem für das Setdesign verantwortlichen indischen Kollegen Waris Hussein (Sacha Dhawan) umzusetzen.

Die erst 27 Jahre zählende Verity hat sich gegen ihre älteren Kollegen durchzu­setzen. Dabei schlägt ihr latenter Antisemitismus ebenso entgegen wie sexuell-chauvinistische Ressentiments („Ich habe gehört, Sie haben sich hoch­geschlafen, um Ihre jetzige Position zu erreichen“). Und Hussein hat es auf­grund seiner Herkunft ebenso wenig leicht. Hier wird sehr klar deutlich, dass die demokratische Gesellschaft Englands, die sich so gern international gab, da­mals noch stark von Vorurteilen dominiert wurde.

Dabei hat es die Serie schon schwer genug. Denn Science Fiction ist selbst bei Newman nur bedingt angesehen. Er will beispielsweise keine „glubschäugigen Monster“ und keine Roboter sehen. Die Kinder sollen gut unterhalten, aber nicht verschreckt werden. Die Setdesigner beschäftigen sich mit allen mögli­chen anderen Dingen, aber nicht mit Lamberts Wünschen, die TARDIS für die Serie zu gestalten.

Auch die Besetzung der Personen der Serie ist schwierig. Newmans Wunsch nach einem „schrulligen alten Mann“, der in einer Kiste haust, damit aber durch Raum und Zeit reist, hört sich einfach abstrus an. Und entsprechend sagen die angefragten Schauspieler auch ab. Niemand will mit diesem seltsamen Projekt etwas zu tun haben. Schließlich macht Verity den alternden Schauspieler Wil­liam Hartnell (David Bradley) ausfindig, einen schwierigen Mann, Kettenraucher und eifrigen Trinker, der launenhaft und unberechenbar ist. Mehr noch: er kann mit Kindern nicht umgehen, und dieser Film soll doch explizit für Kinder sein, nicht wahr?

Es klingt wie die Quadratur des Kreises, und fast völlig unmöglich wird es dann, als zum Start des Drehs nicht einmal die Setdekoration vorliegt – und nur ein einziges Skript für die ersten Folgen, nämlich für den Zyklus „An Unearthly Child“, mit dem die Serie startet, indem die TARDIS mit Doctor Who, seiner En­kelin Susan und den beiden unfreiwillig mitreisenden Lehrern Ian Chesterton und Barbara Wright in die Steinzeit verschlagen wird.1

Doch auch mit dem Start (nicht zu sprechen von den zahlreichen Pannen, die der Film ebenfalls zeigt) ist die Gefahr nicht vorbei. Der Mord an Präsident Ken­nedy überschattet den Serienstart, die Oberen der BBC wollen die Serie wegen mangelnder Zuschauerzahlen kippen, und als Newman im Skript für den zweiten Zyklus die wiederholten Worte „Eliminieren! Eliminieren!“ liest und merkt, dass es um Roboter (!!) geht, „diese… diese Daleks…“, kommen ihm selbst massive Zweifel.

Was dann passiert, ist allerdings so atemberaubend und süß, dass man es sich selbst ansehen sollte.

Wer bei diesem Film ein Abenteuer im Stil der Doctor Who-Geschichten der modernen Zeit sucht, wird vom Titel ein wenig in die Irre geführt. Wer indes ein wenig genauer wissen möchte, wie der Blick hinter die Kulissen der heute welt­berühmten Serie ausschaut und erfahren will, wie prekär und wackelig das alles gestartet ist, der wird mit diesem Film wunderbar unterhalten, das lässt sich kaum anders ausdrücken.

Der Biopic-Charakter bezieht sich insbesondere auf den „1. Doktor“, William (Bill) Hartnell (1908-1975), dessen schwierige Persönlichkeit von David Bradley ausgezeichnet dargestellt wird. Die mürrische Umgangsart, hinter deren sta­cheliger Schale eine warme Herzlichkeit steckt, die aber erst sehr langsam er­wacht, und das allmähliche Hineinwachsen in die Rolle des Doktors, in der er sich nachher wirklich wohl fühlt, kommt ausgezeichnet zum Vorschein. Der Ge­genpart, ebenfalls Teil des Biopics, ist die Rolle der jungen Verity Lambert (1935-2007), dessen Engagement und Kreativität dieser Film gleichfalls ein sehr passendes Denkmal setzt. Jessica Raine füllt auch diese Rolle schön aus.

Dass der „Sherlock“- und „Doctor Who“-Autor Mark Gatiss das Drehbuch des Films mit unglaublicher Liebe zur Serie geschrieben hat, merkt man an zahlrei­chen Kleinigkeiten und vor allen Dingen an der unglaublichen Akribie und De­tailverliebtheit, die die geschliffenen Dialoge, die schön gezeichneten Personen und komplexen sozialen Abläufe zeigen. Es wird auf krasse Schwarzweiß-Zeich­nung wohltuend verzichtet, stattdessen der prozessuale Charakter der Se­rienentstehung und die Interdependenz mit der medialen Außenwirkung schön eingefangen.

Die Handlungszeit reicht von 1963 bis 1966, d. h. bis zum altersbedingten Aus­scheiden von Hartnell aus der Serie. Gegen Schluss bekommt man noch mit, wie der „2. Doktor“ Patrick Troughton (hier dargestellt von Reece Shearsmith) den Staffelstab übernimmt. Und nein, es sind nicht die Daleks, die „Doctor Who“ übernehmen, wie damals gespöttelt wurde… wiewohl sie aus gutem Grund die beliebtesten Gegner des Doktors waren und immer noch sind. Denn selbst im Jahre 2015 in der neunten Staffel der modernen Serie treiben sie nach wie vor ihr Unwesen. Ihr Schöpfer Terry Nation wäre vermutlich sehr erfreut, das zu erleben.

Für alle Freunde, die die alten Doctor Who-Episoden erleben und in ihren Hin­tergründen verstehen wollen bzw. sowieso für alle diejenigen, die sich als Doc­tor Who-Fans verstehen, ist dieser schöne, bisweilen sehr melancholische Film ein unbedingtes Must-have.

© 2016 by Uwe Lammers

Im kommenden Rezensions-Blog bleiben wir im Bereich der Science Fiction, aber da möchte ich euch nach längerer Zeit mal wieder eine ältere SF-Story­sammlung vorstellen. Auch als Zeichen dafür, dass alte Geschichten durchaus nicht schlecht sein müssen, wie wir ja schon im Falle von Ray Bradbury schlagend feststellen konnten. Manche Verfasser sind wirklich auch heute noch eine Neuentdeckung wert.

Um wen genau es geht? Nun, das werdet ihr sehen, wenn ihr nächste Woche wieder hereinschaut. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Bis dann, meine Freunde, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. dazu die ebenfalls auf bs.to ansehbaren ersten 4 Episoden der alten Doctor Who-Se­rie. Wiewohl in schwarzweiß und mit deutschen Untertiteln, da in Deutschland nie er­schienen, sind sie durchaus sehenswert.

Liebe Freunde des OSM,

die Welt verändert sich für den jungen Farmerssohn William Taylor jr. auf der Kolonialwelt Hamilton, als er seinen neuen „Freund“ Shush mit in die kleine agrarische Enklave „Albert Hook“ mitbringt. Denn Shush ist einer der legen­dären und berüchtigten „Wanderarbeiter“, von denen er schon viel Geheimnisvolles gehört hat. Doch leider ist das nur sein neuer Ruf. Ursprünglich gehörte Shush der LEGION an, TOTAMS monströser Untotenarmee, die für die Dienste des Bösen stritt.

In „Albert Hook“ halten sich Grusel und Faszination angesichts des lebenden Skeletts die Waage… bis dann Großvater Addison Will erzählt, was er über die „Wanderarbeiter“ aus eigener Anschauung weiß. Und bald danach findet Wil­liam im nahen Wald eine von Shush ausgeschachtete Höhle, und seine na­genden Zweifel werden immer stärker.

Ist Shush ein Freund? Will er tatsächlich nur ehrliche Arbeit, oder verfolgt er einen anderen, womöglich mörderischen Plan?

Aufklärung über diese und weitere Fragen und den dramatischen „Tag des Ter­rors“, der William und allen seinen Freunden und Familienangehörigen bevor­steht und ihr aller Leben grundlegend verändert, erhaltet ihr ab sofort im aktu­ellen neuen E-Book, dem zweiten Teil von „Mein Freund, der Totenkopf“, mit dem Band 6 der Reihe „Aus den Annalen der Ewigkeit“ abgeschlossen wird. Vor­kenntnisse aus der Lektüre der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) sind für die Lektüre nicht notwendig.

Das E-Book kostet 2,99 Euro auf Amazon-KDP. Der einmalige Gratisdownload ist am 22. und 23. August 2017 möglich.

Ich wünsche euch viel Vergnügen bei der Lektüre und freue mich über euer Feedback.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

wie vor sechs Wochen an dieser Stelle versprochen mache ich mit der detaillier­ten kreativen Durchleuchtung meiner Schreibarbeit im Dezember des Jahres 2011 weiter. Das gesamte Jahr stand ich gewissermaßen unter Strom, und das habt ihr bei den letzten Teilen dieser Artikelreihe schon gemerkt.

Im Dezember des Jahres 2011 befand ich mich nach wie vor im „Amtsträger“-Projekt und arbeitete vom Staatsarchiv in Wolfenbüttel aus – ein äußerst ange­nehmer Arbeitsplatz mit sehr netten Kollegen… wer weiß, vielleicht verschlägt es mich dorthin arbeitstechnisch mal wieder. Kreativ lebte ich in ganz anderen Welten.

Das begann, während ich noch die Schreibmaschinen-Episoden des KONFLIKTS 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ abschrieb, im gleichen Universum, in dem man das Jahr 2081 irdischer Zeitrechnung schrieb. Hier verfolgte ich die Crew des Schaufelraddampfers MISSOURI, der sich unvermittelt in ein Raumschiff verwandelt und in einer so genannten NISCHE den fliegenden Kontinent Shon­ta-Land angesteuert hatte. Sie ankerten im Hafen der Piratenstadt Gondaur, und in der Episode 62 „Chaos in Gondaur“ hatte ich die traurige Aufgabe, den höchst dramatischen Schlussakkord dieser phantastischen Stadt darzustellen. Tat mir in der Seele weh… aber ich spürte, dass der Folgeband „Gekapert!“ noch deutlich schlimmer werden würde. Mit dem konnte ich allerdings in die­sem Monat nur anfangen. Es sollte geschlagene drei Jahre dauern, bis ich daran die letzten Zeilen schreiben konnte.

Nahezu den ganzen Monat befand ich mich in diesem Universum – schrieb Epi­soden ab, formatierte digitale Episoden neu und druckte sie aus… oder arbeite­te eben an weiteren fragmentarischen Episoden. Und an Werken, die mit der Serie in ursächlichem Zusammenhang stehen.

Was das für Werke waren? Lasst mal schauen… da hatten wir „Auf Space“, eine phantastische, teilweise sehr erotische Geschichte, die auf der Venus spielt (aber bis heute ein Fragment geblieben ist). Ich tauchte ein in den Sonnengar­ten der Galaxis Milchstraße, kam da aber auch leider nicht wirklich voran. Dann war da „Eine scharf geschliffene Waffe“, die inzwischen mehrere hundert Ma­nuskriptseiten besitzt. Und natürlich nicht zu vergessen die im Januar 2011 be­gonnene Story „Ein Alptraum namens Koloron“… na, sagen wir, ich vermute, dass das eine Story werden wird. Sie hat aber unzweifelhaft das Potenzial für einen Roman. Also vielleicht wird das auch was Längeres, sobald ich wieder Muße und Inspiration verspüre, daran weiterzuarbeiten.

Ansonsten machte ich einen halbherzigen Versuch, am Glossar des KONFLIKTS 2 „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) weiterzuschreiben. Ich kam nicht wirklich weit. Der ganze Monat stand definitiv unter dem Bann von KONFLIKT 19. Der Archipel war vollständig abgemeldet. In einer gewissen Weise war das fast angenehm.

Im anschließenden Januar 2012 überschritt ich mit Band 17 der Serie „Oki Stan­wer – Der Kaiser der Okis“ (DKdO), also KONFLIKT 9, den Band 1600 des OSM. Und wie das halt immer so ist: es drängte mich durchaus, zu neuen Ufern aufzu­brechen. Die Abschrift des KONFLIKTS 19 war annähernd vollendet, Band 1600 des OSM, „Vektoren der Vernichtung“ lag hinter mir. Was also setzte ich mir für neue Ziele?

Nun, da gab es auch weiterhin die Abschrift des KONFLIKTS 18 „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ (KGTDUS) wo ich mit Band 14 „Maaraans Geheimnis“ noch sehr am Anfang stand. Ich dachte einfach: Hey, die TI-Serie ist doch vom Ausdruck her ein wenig altbacken… wenn hier derselbe Effekt greift wie bei „Oki Stanwer – Der Missionar“, d. h. KONFLIKT 19, wenn also das Neu­formatieren dazu führt, dass ich an der Serie weiterarbeite, dann gehe ich das doch an.

Gesagt, getan.

Ich unterschätzte allerdings zwei Sachverhalte. Zum einen hatte das tiefe Eintauchen in den KONFLIKT 9 – via OSM-Band 1600 – das Verlangen ausgelöst, hieran weiterzuschreiben. So entwickelte ich das Fragment „Die automatische Stadt“ weiter. Zum anderen sah ich schielend zu KONFLIKT 21 hinüber, also zu der Serie „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ (FvL), wo die Struktur sehr ähn­lich aussah wie bei KONFLIKT 19: Ein erheblicher Teil der Episoden lag noch nicht digital vor. Ehe ich mich also versah, fuhr ich auch hier zweigleisig: begann mit der Abschrift von Episode 1 der Serie, „Tempel der Götter“, während ich auf der anderen Seite mit der Neuformatierung der Episoden (beginnend mit Band 12 „Jagd nach einem Alassor“ fortfuhr.

Dies zog dann die Arbeit am Serienglossar für KONFLIKT 21 nach sich und führte völlig unerwartet dazu, dass ich auch an dem Glossar für KONFLIKT 17 weiter­schrieb… und so kam es, dass ich die meiste Zeit des Monats Januar 2012 mit FvL beschäftigt war.

Und weil das solchen Spaß machte, diese Episoden nachzuformatieren – und leichte Arbeit war es noch dazu – , sprang ich fast automatisch noch eine Serie weiter und behandelte KONFLIKT 28 „Oki Stanwer – Der Siegeljäger“ (DSj) auf die nämliche Weise bzw. begann zumindest damit. Und was es da nicht für auf­regende Episoden gab, die ich euch leider noch ziemlich lange vorenthalten muss: „UFO-Alarm in Nevada“ etwa (Bd. 26), „Tote von den Sternen“ (Bd. 27) und „Die Totenkopf-Mission“ (Bd. 28).

Ja, ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wer die „Toten von den Sternen“ sind. Aber wenn ihr meint, diese Leute hätten irgendetwas mit den Totenköpfen ge­meinsam, die ihr in der Story „Heimweh“ oder „Mein Freund, der Totenkopf“ bzw. der derzeit etappenweise erscheinenden Romanfassung von „Die Toten­köpfe 1: Die Alte Armee“ (in dem Fanzine „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA)), dann seid ihr sehr schief gewickelt.

Faktum ist jedenfalls, dass dieser Monat mit angenehmen 24 mehrheitlich dem OSM entstammenden fertigen Werken abschloss und ich damit durchaus zu­frieden sein konnte.

Auch im Februar 2012 arbeitete ich gewissermaßen zweigleisig – sowohl an der Abschrift und Neuformatierung von KONFLIKT 28 als auch an der Abschrift und Neufassung (!) in KONFLIKT 21. Hier trat tatsächlich der Effekt der induzierten Neukreativität in Aktion. Mit Band 40 „Sinuu, die Rebellin“ trat eine aparte neue Hauptperson in Erscheinung – ein reptiloides Berinnyermädchen namens Sinuu, das in Bytharg versucht, eine Revolution auszulösen… indem es untote Berinnyer, also Totenköpfe, gegen TOTAM aufzuhetzen sucht.

Ein Wahnsinnsplan? Ja.

Ein Wahnsinnsplan ohne Aussicht auf Erfolg? Na ja… würde ich so nicht sagen. Die Situation ist, um es vornehm auszudrücken, einigermaßen verrückt im By­tharg der Handlungsgegenwart. Und es gibt eine Menge rebellische Totenköp­fe… das ist das reinste Pulverfass. Aber Sinuus Irrsinnsplan gibt dem ganzen noch ein ganz besonderes Geschmäckle der Verrücktheit und ist so crazy, dass er schon wieder charmant ist. Beizeiten erzähle ich euch mehr dazu… es machte jedenfalls einen wahnsinnigen Spaß, das zu schildern. Band 41 der Serie heißt ja wohl nicht umsonst „Aufstand der Totenköpfe“.

Glaubt mir – bei dem Aufstand wollt ihr wirklich nicht im Weg stehen. Zumal eine legendäre Gestalt dort die Regie führt: der Totenkopf-Prophet. Wer den Roman „Mein Freund, der Totenkopf“ schon kennt, dem läuft es bei diesen Worten sicherlich schon eisig über den Rücken – und mit Recht!

Ansonsten stand der Februar wieder voll im Zeichen der Neuformatierung und der Abschriften: KONFLIKT 2, KONFLIKT 19, KONFLIKT 21, da blieb echt kein Auge trocken. Und es blühten neue Bilderblenden auf. So etwa für Band 71 der DM-Serie, die den programmatischen Titel „Rückkehr nach Feuer-Terra“ trägt.

Auch hatte ich Ende Februar endlich meinen ersten Quasi-OSM-Roman wieder entdeckt, „Der stählerne Tod“ (1979/80), und ich fing mit einer kommentierten Abschrift an… leider bin ich damit noch nicht mal entfernt so weit gekommen, wie ich wollte.

Kurz blitzte gegen Monatsende dann mit „Shayas Bestimmung“ eine Archipel-Idee durch. Aber wirklich behaupten konnte sich der Archipel gegen den über­mächtigen OSM definitiv nicht.

Wie das dann im März 2012 weiterging, berichte ich im nächsten Abschnitt die­ser Artikelreihe. Wohin wir in der kommenden Woche an dieser Stelle reisen, da lasst euch mal überraschen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 124: Der Janson-Befehl

Posted August 9th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute geht es mal wieder hinüber ins Feld der Thrillerliteratur und zu einem Großmeister der Spannung, der leider auch schon seit längerem von uns ge­gangen ist… was die Verlage und seine Epigonen nicht daran hindert, Jahr für Jahr unter Robert Ludlums Autorennamen munter weitere Geschichten zu pu­blizieren. Wir können also annehmen, dass das dermaleinst sicherlich auch mit Clive Cussler geschehen wird, dessen Werke sich ja mittels Coautoren inzwischen stark von seinen ursprünglichen Wurzeln emanzipiert haben.

Zugleich liegt mit dem Roman, den ich euch heute ans Herz legen möchte, eines von zahlreichen Büchern vor, das zeigt, dass Thrillerautoren durchaus nicht nur rasantes Lesefutter generieren, sondern vielleicht stärker als manch anderer Schriftsteller (etwa auf dem erotischen Feld oder dem der Fantasy-Literatur) den Finger am Puls der Zeit haben. Da wimmelt es dann von Terroristen, Isla­misten und inkompetenten demokratischen Staatslenkern. Mitunter wird nur wenig kaschiert durch leichte Umbenennung von regionalen Bezügen, was in Wirklichkeit gemeint ist. Das hier ist solch ein Beispiel.

Schaut euch einfach mal den folgenden Roman etwas näher an, das lohnt sich, selbst zehn Jahre nach meiner Lektüre und Rezension:

Der Janson-Befehl

(OT: The Jansons Directive)

von Robert Ludlum

Heyne 43105

752 Seiten, TB, 8.95 €

Aus dem Amerikanischen von Heinz Zwack

ISBN 3-453-43105-7

Frieden tut Not auf dieser Welt, die so sehr von Konflikten zerrissen ist. Doch wohin man sich auch wendet, es ist nichts in Sicht, dem man vertrauen kann. Die UNO? Ein zahnloser Tiger, beschnitten von mächtigen Weltstaaten und Or­ganisationen, die sie am ausgestreckten (monetären) Arm verhungern lassen. Die USA? Eine Supermacht, die oft mit brachialer Gewalt ihre Interessen durch­setzt und in der Vergangenheit oftmals genug Verbrechen selbst gegen demo­kratische Staatsführungen beging (denken wir nur an Chile). Die Nichtregie­rungsorganisationen (NGOs)? Schöne Ansätze, aber finanzschwach und selten durchsetzungsfähig.

In diesem Buch, das in gewisser Weise in einer Parallelwelt angesiedelt ist, ist das anders. Hier gibt es solch eine Hoffnung. Ihr Name ist Peter Novak.

Peter Novak ist ein Kind des Zweiten Weltkriegs. Aufgewachsen während des ausgehenden Krieges in der Tschechoslowakei, hat es der charismatische, visio­näre Pazifist zu Milliardenreichtum gebracht und die „Liberty Foundation“ ge­gründet, deren Ziel es ist, Konflikte zu entschärfen und diplomatische Lösungen für verfahrene Krisenherde zu finden. Im Gegensatz zu allen anderen, mehrheit­lich korrumpierten Friedensstiftern, ist er außerordentlich erfolgreich und hat kürzlich den Friedensnobelpreis erhalten.

Sein neuestes Projekt ist ein Friedensstiftungsversuch auf einer Inselgruppe im Indischen Ozean, auf dessen Hauptinsel Anura sich muslimische Rebellen der Zentralregierung gegenüberstehen und mehr und mehr an Boden gewinnen. Anführer dieser Rebellen ist der sinistre, glaubensstarke „Kalif“. Und er ist es, der den Alptraum in Gang setzt.

Peter Novak wird vom „Kalifen“ gefangen genommen und soll öffentlich geköpft werden. Etwas, das Novaks Stellvertreterin Marta Lang von der „Liberty Foun­dation“ auf gar keinen Fall zulassen kann. Da die amerikanische Regierung – der naheliegende Aspirant für Hilfe – offensichtlich keine Hilfe leisten mag, wendet sie sich an einen Mann namens Paul Janson und fleht ihn an, alles zu tun, um Novak freizubekommen.

Janson, ein Vietnam-Veteran und einstmaliger Kampfsoldat des amerikanischen Geheimdienstes „Consular Operations“ (Cons Op), hat sich aus dem „Geschäft“ zurückgezogen und inzwischen in der Wirtschaft tätig. Doch Novak hat ihn durch seine Diplomatie vor mehreren Jahren aus Geiselhaft freibekommen, seither ist er Novak zu Dank verpflichtet. Also nimmt Janson den Auftrag an.

Er trommelt ein Team hochqualifizierter Spezialisten zusammen und fliegt nach Anura, um den Milliardär zu befreien. Dies gelingt sogar, aber Novak scheint regelrecht Angst vor Janson zu haben. „ER schickt Sie!“, sagt er und gibt wirre Worte von sich. Offenbar ist er in der Geiselhaft psychisch gebrochen worden, denn er behauptet schließlich auch, der „ER“ sei „Peter Novak“. Er scheint also klar geistig verwirrt zu sein. So sieht es aus.

Doch die Dinge liegen ganz anders: als Janson von der Insel abreist, muss er schnell feststellen, dass die Medien über Novaks Geiselnahme nicht berichten. Und dann entdeckt er auf sehr dramatische Weise, dass Scharfschützen dabei sind, IHN SELBST zu attackieren, um ihn „auszuschalten“.

Schnell übernehmen seine alten Reflexe die Kontrolle über ihn, und er muss zwangsweise wieder zu dem werden, was er einstmals war, einfach, um am Le­ben zu bleiben. Denn lange Zeit ist völlig rätselhaft, wer hinter den Anschlägen auf sein Leben steckt. Und warum kann er Marta Lang nicht mehr erreichen? Steckt wirklich sein alter Arbeitgeber Cons Op hinter den Attacken? Und was verbirgt sich hinter dem „Moebius-Programm“?

Ein atemberaubender Wettlauf mit der Zeit beginnt, an dessen Ende die ganze Welt in Geiselhaft genommen wird. Und der einzige Mann, der noch zwischen der Apokalypse und der Rettung steht, heißt Paul Janson…

Es bleibt dabei: Ludlum ist der perfekte Thrillerautor. Basta.“ – So sagt es der Klappentext, und das ist nicht völlig verkehrt. Man kommt aus diesem Buch in der Tat nicht wieder raus. Ich habe es binnen von fünf oder sechs Tagen gele­sen, und dabei hielt ich mich schon zurück. Wenn man Ludlum nicht kennt, ist dies eine ausgezeichnete Einstiegslektüre, um nicht zu sagen: Einstiegsdroge.

Der Titel ist natürlich etwas irreführend (und im Buch konsequent falsch ohne Bindestrich geschrieben, wie das inzwischen gern bei Ludlum-Romanen gemacht wird), und wer andere Ludlum-Romane kennt (etwa die Borowski-Ro­mane, die in der Neuauflage, im Gefolge der dazu gänzlich unpassenden Filme, „Bourne“-Romane korrekt betitelt wurden1), dem werden viele Strukturen die­ses Buches bekannt vorkommen: der Einzelkämpfertyp, der gegen ein Intrigen­geflecht seiner vorgesetzten Behörden ankämpfen muss; die paranoiden Zwei­fel an allem… und es kultiviert dann leider auch diesen kultivierten Argwohn, der bei einem versierten Leser rasch zutage tritt und alles, was als „unabänder­liche Fakten“ hingestellt wird, in Zweifel zieht.

Dieser Argwohn ist es dann letztlich, der ein wenig die Lesefreude trübt. Schon nach wenigen hundert Seiten ist der Gegner klar zu erkennen, auch wenn gewisse Mosaiksteine und Brücken noch unscharf sind. Und der Schluss ist ebenfalls relativ bald sichtbar. An vielen Stellen gerät Ludlum darüber hinaus – zwar stets fundiert, aber doch gelegentlich etwas zu stark – ins „Schwafeln“. Wohlverstanden: damit will ich nicht ausdrücken, das Buch sei langweilig oder durchsichtig. Beides ist nicht der Fall. Es ist nur nicht mehr so direkt, nicht mehr so drastisch direkt.2

Dafür hat dieses Werk seinen ganz eigenen Reiz. Er liegt in den leicht zu vollzie­henden Transferleistungen. Man erkennt in „Anura“ mit dem Berg „Adam’s Hill“ leicht Sri Lanka und den „Adam’s Peak“ wieder, in den Rebellen die Tamil Eelam Tiger, und es ist auch durchaus nicht abwegig, im „Kalifen“ niemand Geringeren als Osama bin Laden zu sehen. Auch auf der Gegenseite ist das der Fall. Wenn es, an die Adresse des Präsidenten der Vereinigten Staaten gerichtet, im Buch sinngemäß heißt: „Ihr Vater war da einsichtiger“, dann wissen wir gut, welcher (etwas unterbelichtete) Präsident hier gemeint ist. Und Ludlum macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen diese Person. Ähnlich schlecht zu sprechen ist er auf die präsidentielle Sicherheitsberaterin (Condoleeza Rice), die hier natür­lich anders heißt. Was mit ihr passiert, muss man selbst lesen.

Entstanden ist mit diesem Buch also ein beeindruckendes Werk, das auch öf­fentliche Manipulationen in großem Stil anprangert, und dies meiner Meinung nach sehr zu Recht. Es ist somit nicht nur ein beeindruckendes schriftstelleri­sches Spätwerk eines der begabtesten Thrillerautoren der Gegenwart, sondern auch ein hochpolitisches Werk, das die Lektüre durchaus lohnt.

Empfehlenswert.

© 2007 by Uwe Lammers

Und weil mein Blog sich ja davon speist, dass es immer gern ein Kontrastpro­gramm vorstellt, lenke ich euch in der kommenden Woche an dieser Stelle im „kleinen Jubiläumsblog“ 125 wieder ins Feld der Phantastik zurück. Diesmal gibt es ein besonderes Schmankerl zu loben, nämlich einen Film, der buchstäblich über die Grenzen von Raum und Zeit hinausweist, auf eine äußerst charmante Weise.

Das solltet ihr euch nicht entgehen lassen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Es war mir nie klar, warum der Heyne-Verlag den Namen „Bourne“ in „Borowski“ umän­derte, und das noch zu Ludlums Lebzeiten. Eine ziemliche Unverschämtheit.

2 Ein dramatisches Gegenbeispiel ist „Der Matarese-Bund“.

Wochen-Blog 231: Versagende Technik

Posted August 6th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist Wochenende… Mußezeit, in gewisser Weise zumindest. Natürlich, da gibt es einen Vortrag zu entwickeln, das ist vordringlich. Doch zunächst gilt es, ein wenig zu entspannen, die Seele baumeln zu lassen, zu relaxen… und wichtige Dinge zu erledigen, die liegengeblieben sind.

Da ist beispielsweise ein Text, an dem ich dringend weiterschreiben will. Länge­re Texte, das ist sicherlich inzwischen bekannt, schreibe ich aus Prinzip an mei­nem stationären Rechner mit der dort größeren Tastatur und dem größeren Bildschirm. Das ist einfach eine Frage der Schreibroutine.

Nun, als ich heute Abend versuche, den stationären Rechner zu starten, tut sich… gar nichts.

Der Bildschirm zeigt Arbeitsbereitschaft, aber sonst geschieht rein gar nichts. Der Tower springt nicht an, da kann ich den Aktivierungsknopf so oft drücken, wie ich möchte.

Versagende Technik legt mich und meine Kreativität lahm.

Was bin ich frustriert, dafür gibt es eigentlich keine Worte mehr.

Nach einer Weile sinnlosen Herumdokterns beschließe ich, kreativer Kopf, der ich eben bin, das Beste aus der Situation zu machen. Seufzend werfe ich mei­nen Laptop an, beschließe, ein paar Mails zu verfassen… und einen Blogartikel zu schreiben, diesen hier. Ich wünschte zwar, es gäbe dafür einen schöneren Anlass, etwa die Fertigstellung des nächsten E-Books, „Die Nomaden von Twennar“, doch der Text befindet sich wo? Auf dem stationären Rechner, der momentan nicht funktioniert.

Toll, nicht wahr? Und so werde nicht nur ich lahmgelegt, sondern ihr nun auch noch, indem sich die Fertigstellung und damit auch die Veröffentlichung von Band 29 der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) weiter hinauszö­gert. Wirklich, Freunde, dafür kann ich rein gar nichts. Ich hätte daran gern weitergeschrieben, aber…

Versagende Technik.

Dies ist, und damit kommen wir jetzt zur historischen Dimension des Ganzen, weil ich für das Problem der Gegenwart so keine Lösung parat habe, das Thema des heutigen Beitrages, und es gibt dazu einiges zu erzählen, wie ihr sehen wer­det. Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass meine Schreibtechnik mich im Stich ließ. Es gab da schon verschiedene Vorfälle in der Vergangenheit. Verzeiht, wenn ich hier ein wenig unpräzise und vielleicht auch unsortiert bin. Das ist ein Blogartikel, der spontan kondensiert, und ich habe wirklich aktuell keine Kon­zentration dafür übrig, die Details nachzuschauen. Später vielleicht einmal.

Also, wie war das damals noch, als mich das Problem der versagenden Technik das erste Mal (und in Folge noch öfter) plagte? Dafür müssen wir eine kleine Zeitreise unternehmen.

Als ich meine erste Schreibmaschine zu Weihnachten geschenkt bekam, schrieb man das Jahr 1981. Ich war 15 Jahre alt, die Maschine gebraucht und rein me­chanisch. Ein ziemlich störrisches Ungetüm von einer Olympia-Maschine, die mir aber, der ich mich mit dem 1-Finger-Suchsystem abplagte und insbesondere den rechten Zeigefinger platthämmerte, gute Dienste leistete. Ja, auch Viel­schreiber wie ich haben wirklich richtig archaisch angefangen, glaubt es mir, und glaubt mir auch das, was folgt.

Im Verlauf des Jahres 1985 zeigte diese erste, sehr beanspruchte Maschine im­mer stärkere Ermüdungserscheinungen. Soweit ich mich erinnere, war ihr Pro­blem der Farbbandtransport. Sie arbeitete mit Nylonbändern, die mit schwarzer bzw. roter und schwarzer Farbe getränkt waren (archaisch, gell, fast nostal­gisch… aber so war das damals vor mehr als 35 Jahren, vertraut meinen Wor­ten). Dennoch wäre sie vermutlich reparabel gewesen… aber die Unterlegschei­ben für die Farbbandrollen waren quasi „versteinert“, und für die gab es defini­tiv keine Ersatzteile mehr.

So musste ich mich 1985 schweren Herzens von meiner ersten Schreibmaschine trennen. Das war schon eine schwere Entscheidung. Ich trenne mich ungern von lieb gewonnenen Dingen, das ist bis heute so.

Man sagt ja, die Dinge werden besser… und das war in der Tat der Fall, in gewisser Weise. Zugleich outete ich mich als Traditionalist. Die nächste Ma­schine war… wieder eine mechanische. Sie arbeitete leiser und geschwinder, es ließ sich damit geschmeidiger schreiben, und im Grunde genommen hätte ich zufrieden sein können. Außerdem lernte ich gerade das 10-Finger-System während meiner Bürokaufmannsausbildung, was eine weitere Chance war, mein Schreibtempo zu steigern. Das geschah dann auch umgehend, und notwendig entstanden mehr Geschichten.

Das schnelle Schreiben erzeugte allerdings das nächste Problem. Ich weiß nicht, ob ihr euch das vorstellen könnt, aber sowohl meine erste als auch die zweite Maschine waren Typenhebelmaschinen, das heißt, die Buchstaben saßen am Ende langer Metallhebel, die aufs das Farbband gehämmert wurden, was dann wiederum die Farbe auf das Papier übertrug (archaisch? May be. Aber so war es). Wenn ich zu schnell schrieb, kam es – wie auch bei der ersten Maschine – vor, dass die Typenhebel übereinander schlugen. Lästig, weil man sie dann wie­der entwirren musste, aber durchaus ein vertrautes Problem, mit dem man klarkommen konnte.

Womit ich nicht klarkam, war, dass sich die Buchstaben verformten. Der Unter­strich beim „g“ verbog sich, bis er kaum mehr zu sehen war. Das „a“ und das „e“ glichen sich an. Die Buchstaben „l“ und „t“ begannen sich immer mehr zu äh­neln, reden wir gar nicht vom Buchstaben „r“. Das Schriftbild fing geradezu an zu tanzen… keine schöne Entwicklung.

Ich fragte bei dem Schreibmaschinenhändler nach, woran das wohl läge, und er hatte die Erklärung recht schnell parat: die Typenhebel seien offenbar nicht aus gehärtetem Metall gefertigt. Deshalb verformte sich alles. Und vielleicht war die Maschine auch deshalb damals im Kauf so vergleichsweise preiswert gewe­sen… aber das ist natürlich nur eine Spekulation.

Wie man das beheben könne?, wollte ich wissen. Ob es möglich wäre, einzelne, gewissermaßen „krummgeschlagene“ Buchstaben-Typenhebel auszuwechseln. Möglich wohl schon, aber unüblich, wurde ich beschieden. Realistischer wäre es, alle Typenhebel auszutauschen, aber dann könne ich mir auch gleich eine neue Maschine kaufen…

Ihr ahnt, was geschah, nicht wahr? Wiewohl diese zweite Maschine neueren Datums war als die erste, hielt sie nicht annähernd so lange, sondern war 1989 bereits wieder Vergangenheit.

Diesmal ging ich mit der Zeit. Die nächste Maschine war elektronisch, und wenn ich es recht erinnere, besaß sie sogar ein 1-Zeilen-Display. Aber vielleicht war das auch erst die darauf folgende Schreibmaschine. Diese hatte jedenfalls einen sensationell leichten Anschlag, was das Schreiben auf der einen Seite unglaub­lich leicht und geschwind machte… auf der anderen Seite jedoch auch dafür sorgte, weil ich jetzt mit 10 Fingern schreiben konnte, eine Fehlerdichte pro Ge­schichte und Brief erzeugte, die jeder Beschreibung spottete. Ich merke das heute immer wieder, wenn ich alte OSM-Texte aus jener Zeit abschreibe (was gegenwärtig nicht geht, weil das auch auf dem stationären Rechner passiert…!!!)… da sind 100 Tippfehler auf 10-15 Seiten wirklich keine Selten­heit, glaubt mir.

Schnelles Schreiben auf dieser Maschine hatte also auch eindeutige Nachteile im Gefolge. Die Tücken des Fortschritts, könnte man sagen. Innovation wurde – und das sollte noch öfter so sein – immer mit negativen Aspekten erkauft. An der Mär, dass also alles immer besser wird, wenn man modernere Technik ver­wendet, sollte man definitiv Zweifel hegen…

Das technische Problem, das mich hier schließlich zur Weißglut trieb und leider ebenfalls den Abschied von diesem Schreibgerät einläutete, war die Tastaturfo­lie. Auch das muss ich vermutlich erklären: die Tastatur war fest mit der Schreibmaschine verbunden, und unter dem Tastenfeld befand sich eine Sen­sorfolie, die, wenn ich es recht erinnere, intakt sein musste, um die Schreibim­pulse des Anschlags zu übertragen. Nun waren Tastaturen immer schon Ver­schleißteile (ist heute immer noch so), und nach einer Weile funktionierten einfach manche viel benutzte Buchstaben nicht mehr.

Man hätte dafür die Folie unter der Tastatur, sinnvoller wohl die ganze Tastatur austauschen müssen. Ihr ahnt, was kam: „Da kann man auch gleich eine neue Maschine kaufen bei den Kosten…“

So kam dann die nächste Schreibmaschine an Land. Diesmal ein ziemlich klobi­ger Kasten, annähernd so groß wie ein kleiner Reisekoffer. Aber auch jetzt ein Fortschritt: Das Ding besaß erstens ein Mehrzeilendisplay, so dass ich eine gan­ze Seite Text schreiben und den Text dann sogar auf einer Diskette speichern konnte (3,5 Zoll-Diskette). Das war dann der Zeitpunkt, wo Mitte der 90er Jahre bei mir quasi das Computerzeitalter anbrach.

Ich war inzwischen nach Braunschweig gezogen und schrieb schon an recht um­fangreichen Romanen. Doch eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass diese Brother-Maschine mit einem recht archaischen Speicherformat arbeitete (WPT, wenn ich mich recht erinnere). Dass das ein Problem werden sollte, ahnte ich zu dem Zeitpunkt nicht… wie auch? Solange Technik funktioniert, ist ja alles in Butter, nicht wahr?

Das blieb aber nicht sehr lange so. Im Laufe weniger Jahre machte der Ausdruck der Texte immer größere Probleme, manchmal klappte auch die Speicherung nicht. Es gab zwar eine Firma in Braunschweig, die die Maschine reparierte, aber es waren langwierige Reparaturen, die mich z. T. wochenlang von der Ma­schine abschnitten und meinen Schreibprozess wirkungsvoll strangulierten.

Nicht witzig.

Aus meinem Freundeskreis hieß es verstärkt: Verdammt, kauf dir doch endlich einen Computer mit einem gescheiten Drucker dazu. Schreibmaschinen, und mögen sie noch so quasi-computerisiert sein, sind doch nun echt „old fashio­ned“, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Nun, ich war und bin eben ein „Gewohnheitstier“, ihr könnt es auch konservativ oder bequem nennen. Strukturell neige ich halt dazu, Gebrauchsgegenstände nicht einfach in den Orkus zu werfen, wenn sie partiell nicht mehr funktionie­ren, sondern zu versuchen, sie vielmehr instandsetzen zu lassen.

Leider gibt es gerade bei Schreibgeräten dann gewisse Grenzen, die eine Rege­neration selbiger nicht mehr zulassen. So musste also auch meine computeri­sierte Brother-Schreibmaschine letztlich in Rente gehen. Ich nutzte sie aber noch geraume Zeit, um meine WPT-Dateien in Rich Text Formate (RTF) zu kon­vertieren, weil mir – als ich den ersten Computer stehen hatte – unmissver­ständlich klar wurde, dass die WPT-Formate von dem dortigen Windows-Pro­gramm nicht gescheit gelesen werden konnte. Das war dann nur noch Sonder­zeichensalat in Endlosschleife… im RTF ließen sie sich halbwegs gescheit nach­bearbeiten.

Gut so.

Ich entdeckte aber bald, dass ich nur ein Übel gegen das andere eingetauscht hatte. Denn nun besaß ich zwar einen Canon-Drucker, was mich von Farbbän­dern endlich unabhängig machte. Zugleich wurde ich zum „Druckerpatronen-Junkie“, und das Ding fraß sie geradezu. Zweihundert Seiten Ausdruck waren damit etwa zu erreichen, manchmal 300. Ganz nett, aber so schnell aufge­braucht… atemberaubend.

Hinzu kam, dass der Ausdruck mit der Zeit unkontrollierbar wurde. Es fehlten Zeilen oder ganze Seitenabschnitte, es wurden schlierige Streifen erzeugt, was das Ausdruckbild ruinierte (Brieffreunde, die damals auf diese Weise ausge­druckte Briefe von mir bekamen, können ein Lied davon singen… und vertraut mir, all diesen ungenügenden Ausdrucken, die ich in die Welt hinausschickte, gingen zahllose misslungene Versuche voraus!). Alle Reinigungsmanöver fruch­teten langfristig nichts.

Neben dem Positivum, die Texte solide speichern zu können, hatte ich mir also ein neues Problem eingehandelt. Und neben der Schwachstelle des Druckers – der schließlich allen Ernstes korrodierte! – suchte mich auch das Problem der außerordentlich geringen Halbwertszeit der Tastaturen der Computer heim. Gut, man konnte sich die Keyboards mühelos neu kaufen und selbst anschrau­ben, das war echt nicht so teuer oder kompliziert.

Aber anstrengend.

Ständig neue Schwierigkeiten, dabei sollte doch die Technik die Probleme meis­tern, den Schreibfluss geschmeidiger und leichter machen, auch den Ausdruck und eigentlich alles… das sah wirklich nicht danach aus. Anstrengend, um das Wenigste zu sagen.

Dann bekam ich ein wunderschönes Arbeitstier von (gebrauchtem) Drucker ge­schenkt, der mich in den kommenden Jahren glücklicherweise fast vollständig mit Marotten in Ruhe ließ. Ein robustes Arbeitstier, das mich viele Jahre und zahlreiche Tausende von Seiten nicht im Stich ließ.

Bis mich erneut technisches Versagen plagte.

Diesmal gab der Papiereinzug den Geist auf und zog einfach keine Seiten mehr ein. Zudem zickte der Ausdruck zunehmend ebenfalls herum. Man kann wirk­lich nicht sagen, dass es irgendwie „langweilig“ wurde mit neuer Technik (und dabei bin ich doch durchaus, was den Arbeitsflow angeht, sehr für „Langeweile“, wenn das bedeutet, dass die Dinge problemlos laufen, versteht ihr?).

Nun, wie dem auch sei – ich war also schon wieder blockiert.

Verdammt, dachte ich, das kann doch alles gar nicht wahr sein! Ist die einzige Konstante in immer kürzeren Produktzyklen, dass die Technik immer weniger haltbar ist? Ich wollte es nicht glauben, auch wenn mich die annähernd jährlich neu zu kaufenden Keyboards – weil die Vorgänger eben nicht mehr funktionier­ten – deutlich in diese Richtung stießen.

Nun, schlussendlich landete ich dann bei dem Drucker und dem Computer plus Laptop, bei dem ich heute bin. Der Tower ist dabei schon einigermaßen ange­jahrt, ich meine, ihn wenigstens seit 2004 zu besitzen, vielleicht schon länger. Auch hier waren technische Fortschritte zu konstatieren: CD-Laufwerk einer­seits und eine USB-Schnittstelle andererseits.

Gerade letzteres ist inzwischen von Vorteil – denn die letzte Volldatensicherung erfolgte im November 2016. Und da ich nur relativ wenige „moderne“ Dateien habe, an denen ich jüngst geschrieben habe, wird sich hoffentlich recht bald ge­rade dieser Teil aus dem Festplattenspeicher des Towers evakuieren lassen. Da ich zum Drucken sowieso – seit der moderne, aktuelle Drucker mit dem Laptop verbunden ist – meine Dateien auf den Laptop zu überspielen habe, sind alle fertigen Texte dort ebenfalls gesichert, auch nach November 2016.

Lästig ist heute also nur, dass ich – mal wieder – einem technischen Versagen erlegen bin und dafür zu sorgen habe, dass alles wieder seinen geordneten Gang geht… na ja, das kann noch ein paar Tage dauern, fürchte ich.

Stellt euch also bloß nicht vor, das Leben eines „Schreiberlings“ sei unkompli­ziert. Und damit ist kein Kokettieren gemeint, das ist vollkommen ernst – es ist anstrengend, wenn die Technik nicht so funktioniert, wie sie soll. Die Geschich­ten fließen, wie sie wollen, das stimmt schon, und ich sagte verschiedentlich bereits, dass ich als intuitiver Schreiber auf den inneren Schreibfluss der Bilder angewiesen bin.

Und wenn die Technik streikt, gerät alles aus dem Lot und ich aus dem Takt. Be­sonders ärgerlich ist das natürlich dann, wenn ich an Werken weiterschreiben möchte, die ich nach November 2016 noch in der Mangel hatte. Denn ihr ver­steht: wenn ich da jetzt auf meinem Laptop daran weiterschreibe, was prinzipi­ell machbar ist, dann erzeuge ich eine abweichende Version dessen, was auf der Festplatte des Towers existiert. Da das schon verschiedentlich vorgekom­men ist – ein weiterer Nachteil, wenn man mit zwei Computern arbeitet, man muss immer darauf achten, auch mit der aktuellsten Version eines Textes weiterzuarbeiten – , lege ich keinen gesteigerten Wert darauf, die Probleme zu potenzieren. Das wäre sonst die unabweisliche Folge.

Was heißt das jetzt für mein E-Book-Programm? Dass es solange im Stillstand­modus verharren wird, bis ich das Problem gelöst und die Dateien aus dem ak­tuell schlummernden Tower auf einen Stick oder ein anderes Medium übertra­gen habe. Und dann werde ich wohl schauen müssen, dass ich die Festplatte in einen anderen Tower umsetze und den Tower selbst austausche. Wird allmäh­lich Zeit, muss ich gestehen…

Soviel also für heute an frustriertem Geseufze, meine Freunde. Ich hoffe, es war für euch wenigstens historisch unterhaltsam, und ihr habt noch ein wenig Ge­duld, bis ihr wieder E-Books von mir zu lesen bekommt. Es kann noch ein Weil­chen dauern.

Nächste Woche schicke ich euch in die nächste Runde meiner kreativen Bio­grafie. Da schauen wir uns den Dezember 2011 an und schauen, wie weit wir kommen werden.

Ich freue mich darauf.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 123: Akte Atlantis

Posted August 2nd, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ihr wisst, ich mag Clive Cussler und seine Bücher. Die meisten von ihnen sind auch wirklich äußerst lesenswert. Zum Nachteil für den Autor bin ich aber auch studierter Historiker mit einem soliden Abschluss in Neuerer Geschichte. Und ein bisschen Allgemeinwissen besitze ich ebenfalls… für die Lektüre des vorlie­genden Bandes war das reines Gift, wie ihr sehen werdet. Vor einigen Jahren, als ich ihn in die Finger bekam und wie gewohnt zu verschlingen begann, hätte ich mir jedenfalls fast eine Magenverstimmung eingehandelt.

Klingt nicht nach einer netten Rezension? Na ja, das kann man sehen, wie man will. Ihr kennt mich inzwischen gut genug, hoffe ich, um zu verstehen, dass ich jemand bin, der sehr ungern etwas Negatives über Bücher schreibt. Und dass ich eine Engelsgeduld besitze, ist ebenfalls bekannt. Beides hat nicht gereicht.

Hier kommt der Grund dafür. Urteilt selbst und lest weiter:

Akte Atlantis

(OT: Atlantis Found)

von Clive Cussler

Blanvalet 35896

576 Seiten, TB, 9.90 Euro

Übersetzt von Oswald Olms

Dieses Buch gehört in die Kategorie der Thriller, und normalerweise könnte man sagen: nichts für Historiker. In diesem Fall wäre das allerdings weit gefehlt, auch wenn der legendäre Name „Atlantis“ im Titel hier – leider – gänzlich falsche Erwartungen weckt. Und das kommt so…

Am 30. September 1858 ist der Walfänger Paloverde im Eis der Antarktis gefan­gen und kommt nicht frei. Die Besatzung macht während ihres Zwangsaufent­haltes die Bekanntschaft mit einem anderen Wrack, das hier eingefroren ist – ein alter Ostindienfahrer namens Madras, der bereits Jahrzehnte zuvor gefan­gen wurde und seither in der ewigen Umklammerung des Eises steckt. An Bord dieses Schiffes finden die Walfänger sehr zu ihrem fassungslosen Staunen einen ganzen Laderaum voll fremdartiger, uralter Skulpturen, darunter auch einen schwarzen Menschenschädel, der vollkommen aus Obsidian gearbeitet wurde und von der Frau des Kapitäns der Paloverde gerettet werden kann, bevor das Eis birst und die beiden Schiffe voneinander getrennt werden. Die Madras ver­schwindet spurlos im Eis.

Am 22. März 2001 entdeckt ein Hobby-Geologe, der in einer verlassenen Mine Colorados schürft, unerwartet eine unglaublich sorgfältig behauene Felskam­mer, die über und über mit rätselhaften Glyphen und Bildern bedeckt ist. Auf einem Vorsprung liegt ein schwarzer Obsidianschädel. Als er Experten zu Rate zieht, namentlich die Linguistin Patricia O’Connell, verschließt auf einmal eine Explosion den Stollen, und sie sind in der Tiefe gefangen. Schlimmer noch: das Grundwasser steigt rapide und wird sie ertränken.

Es ist allein einer zufällig in der Gegend weilenden Expeditionsgruppe der Na­tional Underwater and Marine Agency (NUMA), die unterirdische Wasserläufe untersuchen soll, zu verdanken, dass Pat und ihre beiden Kollegen nicht ertrin­ken. Ein athletischer Mann namens Dirk Pitt rettet die drei in einen trockenen Stollen. Damit ist die Gefahr allerdings nicht gebannt – motorisierte Killer de­monstrieren nachdrücklich, dass die Sprengung des Stollens keineswegs ein Zu­fall war und sie alles daran setzen, das Geheimnis der „Amenes-Kammer“ zu wahren. Jeder, der die Kammer gesehen hat, soll sterben. Wieder ist es Dirk Pitt, Cusslers mariner James Bond, der die Bedrängten rettet.

Dabei erfahren die Bedrängten, dass die Killer von einer Organisation auf sie an­gesetzt worden sind, die das „Vierte Reich“ erwarten, und wer jetzt hier unbe­hagliche Assoziationen mit dem „Dritten Reich“ spürt, liegt vollkommen richtig.

Die Spuren dieser kriminellen Gruppe führen über eine gottverlassene Insel im Südpazifik, wo sich eine weitere „Amenes-Kammer“ findet, bis nach Argentini­en. Dort, wohin sich in den Endtagen des Zweiten Weltkrieges hohe Nationalso­zialisten via U-Boot geflüchtet haben, hat sich der milliardenschwere Konzern „Destiny Enterprises“ des herrischen Karl Wolf etabliert, der über einen großen Clan gebietet. Und diese Familie, die sich verdächtig aus dem Rampenlicht her­aushält, ist äußerst gespenstisch: nicht nur, dass in der Antarktis ein deutsches Nazi-U-Boot versenkt wird und Dirk Pitt die tote Kommandantin – eine Angehö­rige des Wolf-Clans, wie sich rasch herausstellt – bergen kann, nein, die Ge­schwister gleichen einander auch noch auf derart frappierende Weise, dass man an Klone denken kann. Eiskalte, unnahbare Schönheiten, wie aus den Sport-Propagandafilmen des nationalsozialistischen Regimes entstiegen…

Während die Entzifferung der rätselhaften Amenes-Zeichen (inzwischen weiß man, dass „Amenes“ der Name des untergegangenen Volkes ist, das vor rund 9000 Jahren verschwunden sein muss) voranschreitet, muss sich Dirk Pitt mit seinen Gefährten immer mehr mit den Wolfs herumschlagen. Und mit einer Prophezeiung, die er einfach nicht glauben kann: angeblich ist vor rund 9000 Jahren ein Komet in die Hudson Bay eingeschlagen und hat die Amenes-Kultur zerstört. Und die Amenes haben prophezeit – in etwa 9000 Jahren, also im Jah­re 2001, wird der Zwillingskomet des damaligen Todesboten erneut vorbeikom­men und die Menschheit auslöschen. Und die Wolfs, die inzwischen eine mo­derne Arche Noah geschaffen haben, sind felsenfest davon überzeugt, dass es sich genau so verhält. Aus der Asche einer sterbenden Welt soll das Vierte Reich auferstehen. Dabei kann man den Tod von sieben Milliarden Menschen schon mal in Kauf nehmen.

Für Dirk Pitt und seine Mitstreiter hat ein Wettlauf mit dem Tod begonnen…

Es könnte ein faszinierender Roman sein, in dem das Atlantis-Rätsel mit der kei­menden Gefahr einer neuen nationalsozialistischen Bedrohung und auch den Wundern der Gentechnik und Nanotechnologie gemischt wird. Ja, es könnte. Wenn Cussler es in diesem Roman nicht in jeder nur erdenklichen Weise über­treiben würde und seine Idee der Lächerlichkeit preisgäbe.

Cusslers Held Dirk Pitt ist nicht eben erst seit gestern aktiv. Seine Abenteuer in wenigstens fünfzehn Romanen reichen bis in die 70er Jahre zurück, und er hat schon so einiges Relevantes (und Unmögliches) erreicht. Er hat beispielsweise die TITANIC gehoben1, den gläsernen Sarg von Alexander dem Großen ent­deckt2, das Rätsel um den verschollenen Frachter Cyclop (real existent) gelöst3, verschollenen Atom-U-Booten in einem pazifischen „Bermuda-Dreieck“ nachge­spürt4, ein konföderiertes U-Boot in der Wüste wiedergefunden5 und die Reste des Peking-Menschen von neuem ans Tageslicht befördert.6 Mal ganz zu schweigen davon, dass er die verschwundenen Schätze der Inka in ihrem Ver­steck aufgespürt hat.7

Und nun ist eben Atlantis dran.

Die grundsätzliche These, und Cussler ist so dumm, das in seinem Dank am Schluss auch noch anzugeben, verdankt der Verfasser dem amerikanischen Sachbuchautor Graham Hancock, namentlich seinem Buch „Die Spur der Göt­ter“.8 Nun wäre das grundsätzlich kein Problem, wenn sich das, was er schriebe, auch nur halbwegs mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Paläon­tologie, Geologie oder Archäologie vereinbaren ließe. Aber das ist nicht der Fall. Cussler leistet sich so gravierende Schnitzer jenseits seiner sauberen Thriller­handlung, dass man als jemand, der ein wenig mehr Allgemeinwissen besitzt als der Durchschnittsleser, nur voller Entsetzen die Hände über dem Kopf zu­sammenschlagen kann.

Ein paar Beispiele:

Die Ausgangshypothese ist der im Jahre 7120 vor Christus in der Hudson Bay einschlagende Komet. Zweifellos ist die Hudson Bay durch einen meteorischen Einschlag entstanden, doch der liegt ebenso zweifellos schon Millionen von Jah­ren zurück, das ist geologisch inzwischen geklärt. Cussler nimmt diese Aufprall­wucht zum Ausgangspunkt für „bis zu 15 Kilometer hohe Wellen“. Mit dieser Maßlosigkeit – man vergleiche dazu bitte Frank Schätzings Bestseller „Der Schwarm“9 – verurteilt sich der Autor selbst zu Spott und Gelächter. Die Wogen, die Schätzing mit vernichtender Wucht beschreibt, haben rund 30 Meter Höhe. „Nur“ 10 Meter Höhe reichten aus, um im Dezember 2004 in Indonesien grauenhafte Verheerungen anzurichten und Hunderttausende Menschen zu töten. „Fünfzehn Kilometer hohe Wellen“ sind naturwissenschaftlicher Nonsens.

Als Konsequenz, so fabuliert Cussler in äußerst freier Auslegung von Hancocks selbst schon zweifelhafter Vorlage weiter, als Konsequenz dieses Einschlages „verschiebt“ sich die Antarktis einfach so „um dreitausend Kilometer nach Süden“, woraufhin, wieder frei fabuliert, „sofort die Eiszeit endet“ und gewissermaßen als Nebenprodukt die in der Antarktis beheimatete Amenes-Kultur untergeht.

Bei dieser Katastrophe werden natürlich „ganze Kontinente verschoben“, weiterhin werden „Millionen von Quadratkilometern unter einer bis zu dreihundert Meter hohen Schicht aus glutflüssiger Lava“ begraben (im Ernst, so steht es im Roman!), Mammute „werden durch den Kälteschock tiefgefroren“. Fernerhin werden so viel Staub und Asche in die Atmosphäre geblasen, „dass nahezu ein Jahr lang kein Sonnenstrahl hindurchdrang und die Temperaturen auf der in Dunkelheit gehüllten Erde unter den Gefrierpunkt sanken…“

Ignorieren wir mal einfach geflissentlich, dass bei solchen Verhältnissen garan­tiert eine Eiszeit nicht ENDET, sondern ganz sicherlich neu beginnt und sich noch ein paar Jahrzehntausende lang halten würde.

Toll, denkt man sich sonst, schönes Endzeit-Szenario. Kleiner Planungsfehler: für diese Angaben haben Naturwissenschaftler definitiv keine Belege gefunden, je­denfalls nicht in Sedimentschichten vor rund 9000 Jahren. Also: Nonsens. Aber es wird noch schlimmer.

In einem Roman, in dem es um untergegangene Kulturen geht und viel um Physik und Paläontologie, da ist natürlich die Anwesenheit von Wissenschaft­lern unumgänglich. Und hier begeht der Autor wohl die schlimmsten Fehler: er legt einfach seinen Wissenschaftlern sein eigenes Halbwissen in den Mund, und es kommen dann Aussagen heraus wie die folgende (S. 295): „Vor neuntausend Jahren war das heutige Mittelmeer eine fruchtbare Tiefebene…“ Was natürlich falsch ist. Das Mittelmeer ist seit gut vier Millionen Jahren überflutet, das ist in­zwischen schon lange erforscht.

Der Fehler, den Cussler hier begeht, ist einfach eine geografische Verwechslung. Es gibt nämlich die Hypothese, dass der Durchbruch des Marmara-Meeres zum Schwarzen Meer etwa vor neuntausend Jahren erfolgte und dass hier die Vor­lage für die biblische Sintfluttheorie zu finden ist. Auch der renommierte Ozea­nologe Robert D. Ballard, der schon 1985 die TITANIC entdeckte, ist dieser Auf­fassung und forscht derzeit an versunkenen Schwarzmeerkulturen, wie in NA­TIONAL GEOGRAPHIC nachzulesen war. Cussler indes schmeißt das Schwarze Meer und das Mittelmeer völlig durcheinander, dramatisiert die Geschehnisse, beschleunigt sie durch einen fiktiven Kometeneinschlag und gibt sie so der Lä­cherlichkeit preis.

Schlimmer noch: Er spricht von Weichtieren, die „schlagartig versteinert sein müssen“ (S. 296), etwa Quallen (!!!) und Seesterne. Mal ganz davon abgese­hen, dass jeder Paläontologe weiß, wie unrealistisch und unmöglich „schlagarti­ges Versteinern“ ist, ist der Gedanke an versteinerte Quallen doch einigerma­ßen abenteuerlich. Es gibt zwar in chinesischen Schiefern zugegeben Abdrücke von Quallen, aber die Körper der Quallen selbst versteinern definitiv mangels Masse nicht. Wenn ein Wissenschaftler solch einen Blödsinn im Roman von sich gibt, disqualifiziert er sich selbst, und das passiert in diesem Buch ständig.

Auf Seite 418 wird über das Beben, das von dem einschlagenden Kometen ver­ursacht wurde, sehr sachverständig geschrieben, es „folgten gewaltige Erdbe­ben, die sich mit keiner Richter-Skala erfassen lassen…“ Mal ganz davon abgese­hen, dass im Prolog von einem Beben der Stärke 12 gesprochen wurde, ignorie­ren hier sowohl Autor als auch Übersetzer, dass die Richter-Skala nach oben of­fen ist und jede beliebige Stärke erfasst. Es gibt auch nicht mehrere „Richter-S­kalen“, wie hier suggeriert wird, sondern nur eine einzige.

Das sind nur so ein paar Absonderlichkeiten, die diesen Roman zu einem haar­sträubenden, kindischen Leseabenteuer machen, das man sich wohl nur noch als wahrer Clive-Cussler-Fan antun kann. Sehr bedauerlich ist natürlich auch, dass die Entzifferung der Amenes-Schrift im weiteren Verlauf des Romans völlig an Bedeutung verliert, desgleichen die Entdeckung einer im Eis der Antarktis versunkenen Amenes-Stadt, die herrlich viel Stoff zum Beschreiben hergegeben hätte. Aber stattdessen lässt Cussler lieber die Seals und Marines ein Feuerge­fecht mit den ideologisch verbohrten Wolfs und ihren schwarz uniformierten (!) Quasi-SS-Schergen führen.

Danke, dachte ich, das ist dann wirklich das Letzte. Reißerischer Titel, falsches Titelbild (mit griechischem Tempel unter Wasser!), blindwütige Action und hirn­verbrannte „Wissenschaftlichkeit“. Wieso das Ding beim Verlag auch nur zum Druck kam, ist mir völlig schleierhaft. Eignet sich höchstens als Abschreckungs­-Lektüre. Cussler hat bessere Romane geschrieben, und man sollte sich an die halten.

© 2006 by Uwe Lammers

Ach ja… da zieht der wahre Cussler-Fan mit hochrotem Gesicht den Kopf zwi­schen die Schultern, gell? Auch Profiautoren haben mal echt schlechte Tage, und das ist wirklich nicht nur im Heftromanbereich der Fall, wo man das ja als flüchtig lesender Jugendlicher durchaus erwarten kann. Manchmal gibt es auch echte Kracher wie den obigen, im negativen Sinn. Glücklicherweise sind die Ausfallbände bei Cussler nicht häufig. Beim nächsten dieser Art könnt ihr schon wieder aufatmen, versprochen!

In der kommenden Woche geht es dann zu dem bislang eher selten gestreiften Thriller-Metier (wenn wir von Cussler mal absehen), und zu jemandem, von dem ich auch noch zahllose ungelesene Romane in meinen Regalen stehen habe. Ich murmele nur mal einen Namen: Janson.

Nächste Woche mehr dazu.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. Clive Cussler: „Hebt die TITANIC!“ (Rezensions-Blog 87).

2 Vgl. Clive Cussler: „Das Alexandria-Komplott“ (Rezensions-Blog 23).

3 Vgl. Clive Cussler: „Cyclop“ (Rezensions-Blog 34).

4 Vgl. Clive Cussler: „Im Todesnebel“ (Rezensions-Blog 66).

5 Vgl. Clive Cussler: „Operation Sahara“ (Rezensions-Blog 107).

6 Vgl. Clive Cussler: „Höllenflut“ (Rezensions-Blog 119).

7 Vgl. Clive Cussler: „Inka-Gold“ (Rezensions-Blog 111).

8 Vgl. Graham Hancock: „Die Spur der Götter“, Rezension auf www.gibs.info (voraussichtlich für den Rezensions-Blog in Vorbereitung).

9 Vgl. Frank Schätzing: „Der Schwarm“, 2004 (für den Rezensions-Blog in Vorbereitung).

Liebe Freunde des OSM,

der Monat April 2017 war eine arbeitsreiche Zeit… allerdings war ich zumeist neben meiner beruflichen Tätigkeit damit beschäftigt, Nachschub für meinen Rezensions-Blog zu verfassen. Nicht im Sinne von Blogartikeln, wo ich mich zu­rückhielt, sondern es gab einiges an interessanter und anregender Lektüre, die ich rezensierte. Diese Rezensionen werden aber frühestens 2018 den Weg auf meine Webseite finden.

Warum dies? Da muss ich grinsen und euch ein Geständnis machen – die Re­zensions-Blogartikel sind bis Ende Januar 2018 alle schon verplant. Da ich sie in dieser Rubrik generell nicht abbilde, könnt ihr natürlich nicht wissen, wie der dortige Stand ist. Ich erwähne also nur mal kurz, dass ich gestern den Rezensi­ons-Blog 133 geschrieben habe, damit ihr euch ein Bild machen könnt, wie soli­de der Schreibvorsprung dort ist.

Ich wünschte, das wäre auf anderen Feldern auch der Fall, beispielsweise bei meinen E-Books. Aber während Rezensionen und Rezensions-Blogs recht leichte Schreibarbeiten sind, stellen E-Book-Texte halt richtige Arbeit dar, und dafür reicht meist das vorhandene Aufmerksamkeitsfenster nicht aus. Stellt euch vor, dass man einen schnellen Wagen besitzt und immerzu damit gezwungen ist, in­nerhalb einer Ortschaft weit unter den optimalen Beschleunigungswerten blei­ben zu müssen – und zudem viel zu schnell am Ziel anzukommen, ehe man rich­tig loslegen kann. Dann habt ihr eine recht passende Analogie dazu, wie es mir derzeit im E-Book-Business geht. Nicht so toll.

Aber ich wollte nicht klagen, sondern euch darstellen, was ich im Monat April trotzdem noch auf die Reihe bekommen habe, das hier erwähnenswert ist. Also schauen wir uns das mal gemeinsam an:

(Glossar der Serie „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“)

Blogartikel 225: Work in Progress, Part 52

14Neu 41: Mission Todeszone

14Neu 42: Expedition der Tekras

(OSM-Wiki)

(Waldmenschen – Archipel-Novelle)

Erläuterung: Ich bin mit der Kategorisierung dieses Werkes inzwischen unsicher. Es ist schon jetzt über 100 Manuskriptseiten lang und mit Abstand jenes, das im vergangenen Monat am schönsten gewachsen ist. Das sollte ich demnächst tat­sächlich als Roman einordnen, denn ich bezweifle sehr, dass es unter 400 Seiten bleiben wird. Aktuell habe ich hier ja nur die Beziehung zwischen dem Wald­menschen Naran und seiner Gefährtin Joy vertieft, aber wenn sie die Waldmen­schen-Gruppe erreichen, nimmt ja die Gruppendynamik extrem zu und wird jede Menge Raum benötigen… nein, es ist wohl wirklich eher ein Roman.

Das winzige Mysterium – OSM-Story

Erläuterung: Das ist die nämliche Story, die im vergangenen Monat emporge­sprossen ist. Sie brauchte noch etwas Feinschliff und wurde erst am 3. April for­mell fertig gestellt.

12Neu 38: Der Bezwinger erwacht!

(DER CLOGGATH-KONFLIKT – OSM-BUCH, Abschrift)

Erläuterung: Als jüngst mein stationärer Rechner ausfiel, war der CK eines der langen Werke, an dem ich nicht mehr weiterarbeiten konnte und mir einiges an Sorgen bereitete, was die Sicherungsspeicherung anging… diese Klippe ist nun glücklicherweise umschifft. Dennoch liegen hier noch Tausende von Textseiten vor mir, die ich händisch nacherfassen und digitalisieren muss (und nein, OCR-Software wäre mir nur bedingt von Nutzen, da viele dieser Textseiten recht aus­geblichen und zudem fehlergesättigt sind. Da braucht es meinen Detailblick für die Einarbeitung der Texte… und außerdem ist das für mich keine stupide Ab­schreibarbeit, sondern durchaus inspirierende Tätigkeit und Neuentdeckung, ein wenig vergleichbar mit der Neulektüre von Romanen, die ich vor 25 oder mehr Jahren mit Genuss geschmökert habe).

Blogartikel 232: „Was ist eigentlich der OSM?“, Teil 46

(12Neu 41: Das Experiment des Rescaz)

Erläuterung: Beizeiten, wenn die Veröffentlichung des KONFLIKTS 12 „Oki Stan­wer – Bezwinger des Chaos“ (BdC) begonnen hat, werdet ihr euch vermutlich immer stärker fragen, welche Rolle die Dämonenwaffe Rescaz in dieser Serie spielt und… ja… wie viele von ihr es überhaupt gibt. Da es in dieser Serie von temporalen Doppelgängern nur so wimmelt, ist das wirklich knifflig zu sagen. Ich war 1989, im dritten Schreibjahr an dieser Serie, wirklich schon auf einem ziemlich schrägen Roadtrip unterwegs und sprudelte vor bizarren Ideen nur so über. Ihr werdet es beizeiten erleben, und ich freue mich schon darauf, euch die­se Episoden als E-Books umzuarbeiten, um euch zu verblüffen. Dauert leider noch ein paar Jahre, folks. Sorry…

(14Neu 43: Das Synox-Komplott)

Erläuterung: Ihr könnt natürlich vorwerfen, warum ich ständig neue Episoden­abschriften beginne, anstatt E-Books zu verfassen. Denkt bitte an meine obigen Worte und an die folgenden: Diese Episoden sind inzwischen über 30 Jahre alt, und sie vergilben nun mal von Tag zu Tag stärker. Es ist also essenziell, hier mög­lichst rasch digitale Abschriften zu realisieren, um sie zu sichern. Und leider gibt es noch Aberhunderte undigitalisierte Episoden. Sobald also eine beendet ist, lege ich üblicherweise einen Rohling für die nächste Episodenabschrift an, und das drückt die obige Klammer eben aus. Im ersten Anlauf entstehen selten mehr als 3 Textseiten.

(Das Geheimnis des Vungash – Archipel-Story)

Erläuterung: Und schon wieder eine Störung, könnte man sagen… aber das stimmt nur bedingt. Ich stellte schon während des Suchens nach dem „Wald­menschen“-Skript fest, dass es einige Archipel-Fragmente gab, die noch nicht auf dem aktuellen Ausdruckstand waren. Die obige Story gehörte dazu, und ich nahm mir die Zeit, sie zumindest textlich zu aktualisieren. Einen Ausdruck habe ich zeitlich nicht geschafft.

(E-Book 44: Die Kristalltränen und andere phantastische Geschichten)

Erläuterung: Daran habe ich nur ein wenig nachgefeilt und gehofft, ich könnte dieses Skript endlich an die Agentur schicken, damit es für die kommenden Mo­nate formatiert werden kann… der Plan zerschlug sich leider, und das hatte was mit dem Impressum zu tun – ich habe nämlich, wie ich frustriert entdeckte, im­mer noch kein Titelbild dafür. Und ohne Titelbildnachweis kann ich weder das Impressum fertigstellen noch das Rohmanuskript. Dumm gelaufen. Also sage ich an dieser Stelle nur: Textlich ist der Band fertig, aber solange ich das Coverproblem nicht im Griff habe, komme ich damit nicht voran. Seufz. Sollte mir echt mal ein Zeitfenster öffnen, um bei Fotolia Bilder zu suchen. Aber das habe ich auch schon seit Monaten nicht mehr geschafft… ihr seht, überall Baustellen…

Die Totenköpfe 1: Die Alte Armee, Teil 11 – OSM-Roman für BWA-Abdruck

Maiblog 2017

(18Neu 88: Wenn Feinde zu Freunden werden…)

(Kämpfer gegen den Tod – OSM-Roman)

Nun, und obwohl das so viel ausschaut, ist es doch, wenn man es unter dem Strich genauer in Augenschein nimmt, nicht wirklich viel. Zwei fertige OSM-Epi­soden, eine fein geschliffene Kurzgeschichte, und wirklich kaum etwas sonst. Ein recht frustrierender Monat, der mit denen vergangener Jahre in keiner Wei­se mithalten kann. Ich hatte eben echt wenig Zeit zum Schreiben… meine Brief­freunde können davon ebenfalls ein Lied singen, auch hier bin ich nahezu auf al­len Feldern säumig, leider.

Hoffen wir, dass der Monat Mai angenehmer verläuft, ich bin allerdings auch hier skeptisch. Ob das zu Recht der Fall ist, erfahrt ihr dann Anfang Juni in der nächsten Ausgabe dieser Blogrubrik.

In der kommenden Woche erzähle ich euch ein wenig etwas über den Störfall des Monats März, der mich lahmlegte… und zugleich bringe ich dann eine klei­ne Chronik der technischen Ausfälle der vergangenen Jahrzehnte. Ich schätze, das ist für euch bestimmt mal eine interessante, gegebenenfalls gruselige Ab­wechslung zur Alltags-Blogkost.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 122: Ungewöhnliche Menschen

Posted Juli 25th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ungewöhnliche Menschen… das klingt nach einem relativ unspektakulären Titel für ein Buch, nicht wahr? Ungewöhnliche Menschen, die kennt wohl jeder von uns: Arbeitskollegen, die uns durch ihr Verhalten verwirren; Verkäufer, die mehr sich selbst anpreisen als ihre Waren; Schauspieler, die häufiger durch Exzesse auffallen als durch ihren Beruf… natürlich stimmt das. Aber darum geht es hier nicht.

Worum dann? Nun, wenn man einem Altmeister der Historie, Eric Hobsbawm (der leider inzwischen auch, hoch betagt, von uns gegangen ist, ehe diese Re­zension euch zugänglich gemacht werden konnte), bei seinen zahlreichen kenntnisreichen Aufsätzen lauscht respektive sie sich langsam lesend einver­leibt, dann tut man gut daran, sich auf Überraschungen einzustellen. Hobsbawm, Brite durch und durch und Marxist durch und durch, war sich nie zu schade, ernste Kritik an ideologischen Strukturen zu üben, und das schimmert hier überall durch. Deshalb ist das auch ein faszinierendes Spektrum seiner breit angelegten Interessen, das ich euch heute präsentieren möchte. Vielleicht reizen manche seiner Themen dazu, sich mit seinen zahlreichen weiteren Wer­ken zu befassen, die uns erhalten bleiben, während er von uns gegangen ist.

Ich habe diese Rezension schon vor langer Zeit geschrieben, aber immer noch nehme ich den voluminösen schwarzen dtv-Band gern in die Hand und lese dar­in hin und wieder nach. Ganz zu schweigen davon, dass es noch zahlreiche sei­ner Werke gibt, die mir zwar schon zur Verfügung stehen, für deren Lektüre es mir bislang aber noch an Zeit ermangelte.

Wer Hobsbawm kennen lernen möchte – und es lohnt sich wirklich sehr, ver­sprochen! – , der hat hier eine ideale Möglichkeit. Folgt mir in das Abenteuer dieses schönen Sammelbandes und lasst euch mehr und mehr verblüffen:

Ungewöhnliche Menschen

von Eric Hobsbawm

Untertitel: Über Widerstand, Rebellion und Jazz

dtv 30873, 424 Seiten

Februar 2003, 16.00 Euro

Übersetzt von Thorsten Schmidt

– Thomas Paine war ein gemäßigter Revolutionär, eine Gestalt, die eigentlich ein Widerspruch in sich war, weil eine Revolution nun einmal immer etwas Gewalttätiges, Umstürzlerisches ist. Aber ein einziger Blick auf Thomas Paines politisches Programm reicht aus, um Stirnrunzeln hervorzurufen: sein Ziel war nichts Geringeres als „allgemeiner Friede, Zivilisation und Handel“…

– Im frühen 19. Jahrhundert existierte in England eine legendäre Bewegung, die man als Ludditen bezeichnete. Meist agrarisch geprägt, zeichneten sie sich da­durch aus, dass sie etwa mechanische Webstühle zerstörten. Kritiker diffamier­ten sie später gerne als „Maschinenstürmer“.1 Aber manche verbündeten sich auch mit Industriellen, um deren Konkurrenten zu vernichten. Seltsam…

– Der Schuhmacher gilt allgemein den Historikern der Neuzeit als Revolutionär par excellence. In allen Rebellionen und Aufständen marschiert er in vorderster Front, soviel ist sicher. Aber warum? Und wie kann es sein, dass sich jemand später dankbar an seinen Schuhmacher erinnert als an „einen ehrbaren alten Mann, der, als ich Kind war, meine Schuhe und meinen Geist ausbesserte…“?

– Wenn in einem agrarisch beherrschten, meist von Analphabeten bevölkerten Land Lateinamerikas die Bauern einen Aufstand durchführen und Ländereien ausgedehnter Latifundien besetzen, wenn ferner sich eine marxistische Bewe­gung in diesem Land etabliert hat, dann geht man üblicherweise von einem kausalen Zusammenhang aus. Dann ist die Verwirrung groß, wenn der Leser verdattert feststellen muss, dass die Marxisten von bäuerlichen Landbesetzun­gen erstens kaum eine Ahnung und zweitens mit ihnen auch nichts zu tun ha­ben. Und dann greifen diese analphabetischen Bauern auch noch auf gesetzlich verbriefte Rechte aus der Zeit der spanischen Herrschaft zurück und weisen Ur­kunden vor, die bis 1607 zurückdatieren. Irgendetwas, merkt man rasch, ist hier ganz eigentümlich anders als angenommen…

– Der Bandit Turiddu Giuliano und Mario Puzos Roman „Der Sizilianer“ haben ei­niges miteinander gemeinsam. Während Giuliano sich allerdings als eine Art von „Robin Hood“ verstand und Mario Puzo ihn in seinem Roman so darstellt, war der reale Giuliano (1922-1950) hierfür ausgesprochen ungeeignet, schließ­lich richtete er unter Kommunisten auf Sizilien ein Blutbad an. Um es mit den Worten des Autors zu sagen: „So war er (Giuliano) in der Tat ein Robin Hood, wie ein amerikanischer Journalist in einem Interview mit ihm sagte – ein guter Junge, ein wackerer Kerl, der nur einen Fehler hatte (der sich allerdings schlecht mit dem Klischee des „edlen Banditen“ verträgt): Er brachte gern Menschen um. Vierhundertdreißig, um genau zu sein, im Verlauf seiner Karriere.“

Und der Leser runzelt die Stirn.

Es gibt eine Menge in diesem Buch, über das man die Stirn runzeln, ungläubig kichern und staunen kann. Manches ist auch durchweg beängstigend, etwa, wenn Hobsbawm schon 1965 konstatiert, dass der Krieg, den die USA in Viet­nam führen, nicht zu gewinnen ist und er aus rein strukturellen Erwägungen nur bis zu jenem Punkt geführt werden kann, wo Amerika sich ohne starken Ge­sichtsverlust aus dem Land zurückziehen kann (was 1975 dann geschah).

Dem Leser läuft es kalt den Rücken herunter, wenn er über „die Regeln der Gewalt“ (geschrieben 1969!) Dinge zu lesen bekommt, die auch für den Afghanistan- und Irakkrieg der Gegenwart gelten könnten.

Und ferner lernt der neugierige Leser bizarre Gestalten kennen, und eigentümli­che Verknüpfungen, die nicht unbedingt nahe liegend sind. So geht es etwa dar­um, die Verbreitung von Arbeitertraditionen nachzuskizzieren, indem die Ver­breitung von Fish- & Chips-Buden in England betrachtet werden oder auch der Ausbau von Seebädern. Man lernt etwas über viktorianische Werte und über die Frage, weshalb sich ausgerechnet kommunistische Agitatoren gerne auf Plakaten zum 1. Mai und anderen sozialistischen Feiertagen mit antiken Göttin­nen zu schmücken begannen (was nicht so ganz nahe liegend ist, um es behut­sam zu formulieren).

Schließlich beschäftigt sich Eric Hobsbawm auch noch mit der Entwicklung des Jazz, eines Themas, das man bei Historikern eigentlich nicht vermutet. Wer im­mer sich hier ein wenig auskennt – ich gestehe, ich bin Laie – , dem werden die Namen Count Basie, Duke Ellington, Louis Armstrong, Sidney Bechet oder Billie Holiday gewiss einiges sagen. Mit ihnen lässt sich hier ein Wiedersehen feiern, manchmal freilich mit Magengrimmen. Und man lernt zugleich eine Menge über Rassenschranken, die gesellschaftliche Schichtung in England, den USA und Europa seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Ungewöhnliche Menschen“ ist ein Buch, das von der Struktur wie von der Ziel­richtung her ziemlich aus dem Rahmen dessen fällt, was man normalerweise in der Schule als „Geschichte“ beigebracht bekommt. Es handelt von Alltagsge­schichte, von Mentalitätsgeschichte. Oder, wie Hobsbawm selbst einleitend sagt: „Dieses Buch handelt von Menschen, deren Namen gewöhnlich niemand kennt, ausgenommen ihre eigenen Familien und Nachbarn und in modernen Staaten die Melde- und Standesämter… im Zeitalter der modernen Medien ha­ben Musik und Sport einige wenige von ihnen ins Rampenlicht gerückt. Sie wä­ren in früheren Zeiten anonym geblieben. Sie machen den Großteil der Mensch­heit aus.

Und er fährt fort: „Es geht mir also darum zu verdeutlichen, dass diese Frauen und Männer, wenn nicht als einzelne, so doch in ihrer Gesamtheit bedeutende Akteure der Geschichte sind. Wie sie handeln und was sie denken, ist von Be­deutung. Es kann und hat bereits die Kultur und den Gang der Geschichte verän­dert, und dies niemals mehr als im 20. Jahrhundert…“

Eric Hobsbawm, 1917 in Alexandria in Ägypten geboren, in Wien und Berlin auf­gewachsen und 1933 nach London emigriert, lehrte lange an verschiedenen Universitäten, gilt als ausgewiesene Koryphäe im Bereich der Alltagsgeschichte, insbesondere, was Arbeitergeschichte und Sozialismusforschung angeht. Er hat zahlreiche Werke über Arbeiterkultur vorgelegt, über Analysen der sozialis­tischen Bewegung, ohne jedoch, und das ist wichtig, deshalb in den Fehler mancher doktrinärer Sozialisten verfallen zu sein. Er ist wohltuend kritisch ge­blieben, und das merkt man an vielen Aufsätzen dieses Buches.

Die sechsundzwanzig Aufsätze sind in den Jahren zwischen 1950 und der Mitte der 1990er Jahre entstanden, teils handelt es sich um Rezensionen oder Vorstu­dien für seine Bücher (wie etwa „Sozialrebellen“). Die Mischung liest sich infol­gedessen ausgesprochen gut, denn wo immer möglich bemüht Hobsbawm un­konventionelle Blickwinkel, kritisiert „heilige“ Gegenstände oder widerlegt einfach gängige Thesen, indem er sie gleichsam maulwurfartig untergräbt. So gelangt er zu neuen Sichtweisen, die das Verständnis für Geschichte und für die Zusammenhänge herstellen, die vorher durch ideologische Verengung (nicht selten marxistische Ideologisierung!) verbaut blieben.

Wer immer sich ein neues Interesse für Geschichte aufbauen möchte, wer et­was über Jazzidole nachlesen möchte (Hobsbawm ist seit seinem 16. Lebens­jahr Jazzfan, wie er bekennt; dennoch wird er hier nicht glorifizierend) oder einfach nur sonst gesichtslose Menschen aus der Geschichte kennen lernen will, etwa den Schurken Roy Cohn, der hat hier einen guten ersten Zugang gewählt. Hobsbawm schreibt sehr lesbar, manchmal mit spürbarer Ironie2, der Übersetzer ist ausgezeichnet und die Themen der Artikel sind sehr abwechs­lungsreich. Die wenigen Längen, die es dennoch gibt, verzeiht der neugierige Leser rasch.

Kluges, sinnvolles Lesefutter für Menschen, die auch beim Bücherlesen noch et­was lernen möchten. Hier ist es realisierbar.

© 2004 by Uwe Lammers

Neugierig geworden? Das hoffe ich doch sehr – gerade der undogmatische Standpunkt, den Hobsbawm einnimmt, ist ausgesprochen erfrischend und nütz­lich für weitere, vertiefende Eigenrecherchen auf dem historischen Feld. Ich glaube, gerade in heutigen Zeiten, in denen das Schlagwort des „postfaktischen Zeitalters“ umgeht wie ein modernes Gespenst, in der scheinbar mehr das Bauchgefühl über die Tatsachen zu triumphieren scheint (in meinen Augen ein ernstes Problem, das schlimme Folgeprobleme nach sich zieht, und die Wahl von Donald Trump Ende 2016 war nur eins davon), ist es wichtig, solche quasi zeitlosen Werke zu lesen. Um zu wissen, wo die Geschichtswissenschaft vor dem „postfaktischen Zeitalter“ schon angekommen war. Um zu verstehen, dass das, was heutzutage als Fortschritt ausgegeben wird, in Wahrheit ein Rückschritt ist. Hobsbawm kann uns hier als faktenbasierter Leuchtturm dienen, und dieses Hilfsangebot sollten wir nicht ausschlagen.

In der kommenden Woche weiche ich mal ein wenig von meinem Kurs ab, der ja darin besteht, gute Bücher vorzustellen. Da muss ich in den sauren Apfel bei­ßen und der Vollständigkeit halber eins vorstellen, das mir gar nicht gefallen hat. Warum und weshalb das dennoch nötig ist, dazu etwas an dieser Stelle zu sagen, erfahrt ihr in einer Woche.

Bis dann, meine Freunde!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Ich selbst begegnete den Ludditen erstmals in dem SF-Roman „Die DifferenzMaschine“ von William Gibson und Bruce Sterling (Heyne 4860), der in einer Parallelwelt spielt, in der 1855 das von Dampfmaschinen und Lochkartensystemen angetriebene Computerzeitalter beginnt. Der Roman wurde im Jahr 2000 für den SFC UNIVERSUM rezensiert.

2 Unvergesslich ist für mich der kleine Seitenhieb auf Mario Puzo, wenn Hobsbawm über den Roman „Der Sizilianer“ schreibt: „Er (Giuliano) arbeitet in einem Umfeld, das einer Reisekatalog-Idylle gleicht und das von dem Künstler, der die Vorbesprechung des Romans im Playboy bebilderte, angemessen rekonstruiert wurde: Meer, Sonne, Vegetation, Hügel mit den Ruinen griechischer Tempel und Tafeln voller Gerichte, die sizilianische Bauern zweifellos als nicht ethnische Gaumenfreuden würdigen könnten. (Der Stil des Autors wird merklich lebendiger, wenn er Nahrungsmittel beschreibt.)“ Köstlich!