Liebe Freunde des OSM,

der Januar eines jeden Jahres ist für mich ein bisschen wie das Rebooten einer Festplatte beim Computer – der Neustart, der Beginn bei 0, ohne dass man wirklich bei 0 anfängt … schwer zu beschreiben. Kreativ gesehen ist das stets eine Art von Neubeginn, und dann schiebe ich üblicherweise die Sorgen des vergangenen Jahres beiseite und konzentriere mich darauf, nach einer Phase der Erholung meine Energie auf aktuelle Projekte zu fokussieren.

Nun, diesen Januar lief das irgendwie nicht so wie geplant. Vielleicht ist das auch eine Frage des biologischen Alters, jedenfalls fiel mir der Neustart dieses Jahr deutlich schwerer als sonst. Der Dezember war unerwartet überschattet worden von einem Todesfall und einem schweren Unfall, und mit etwas Verzö­gerung stand ich dann gegen Mitte Januar völlig neben mir.

Ich zog, nicht nur sinnbildlich, den Stecker, und ging tagelang völlig offline. Kein Telefon, kein Internet, nur gelegentlich aufflackernde Zeitfenster öffneten sich, damit ich meine Verpflichtungen für die Blogartikel und für mein Redaktions­amt als Chefredakteur des Fanzines Baden-Württemberg Aktuell (BWA) des Science Fiction-Clubs Baden-Württemberg (SFCBW) wahrnehmen konnte. An­sonsten versank ich in einer Art Raumzeitblase, die ich mehrheitlich mit Musik und Lesen füllte. Ich hatte absolut kein Interesse daran, irgendwen zu treffen und war selbst für meine Freunde kaum erreichbar.

Nun, Anfang Februar, ebbt dieser massive Abschottungsdrang allmählich ab, und die Dinge normalisieren sich wieder. Gut so.

Dass ich mich vollständig auch kreativ zurückgezogen hätte, kann man dagegen glücklicherweise nicht sagen – ich habe schon einiges geschafft in diesem Mo­nat, auch wenn kaum OSM-Werke darunter waren. Mehrheitlich arbeitete ich Projektideen und Fragmente auf, die ich im Laufe dieses Jahres anderweitig ver­öffentlichen werde. Da sie nicht in die Themenfelder Oki Stanwer Mythos oder Archipel fallen, seien sie hier kurz zumindest genannt:

Ich formatierte die Story „Erster Bericht über Alcengia II“ neu, weil das eine zwingende Voraussetzung für mein zweites Storyprojekt war, „Die Kugel-Invasi­on“, die ich am 15. Januar fertigstellte. Beide Geschichten werden im Magazin PARADISE des Terranischen Clubs Eden (TCE) erscheinen und sind es vermutlich schon, sobald dieser Blogartikel online geht.

Da ich darum gebeten wurde, einen verknüpfenden „Making of“-Beitrag zur zweiten Geschichte zu verfassen, entstand der Beitrag „Alles kann die Kreativi­tät befeuern … – Das Making Of von ‚Die Kugel-Invasion’“. Außerdem kam ich endlich dazu, eine gescheite Abschrift der Story „Edgars Sorgen“ zu leisten, was ich schon seit Jahren tun wollte.

Am 24. Januar stellte ich zudem die nächste Geschichte für das Storysamm­lungsprojekt für Mitte des Jahres 2018 fertig, „Das Portrait einer Lady“, und kurz vor Monatsende folgte dann noch die Abschrift und kommentierte Ab­schrift der 1988er-Story „Sun Circle“.

Also, allein von den solcherart beendeten Werken konnte sich der Monat schon mal durchaus sehen lassen. Aber das war glücklicherweise nicht alles, sondern es gab auch dies noch:

Blogartikel 264: Work in Progress, Part 61

(Glossar der Serie „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“)

(OSM-Wiki)

12Neu 43: Hüterin des Schwarzen Juwels

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“)

18Neu 97: Entdeckung am Rande des Wahnsinns

18Neu 98: Die Allianz des Lichts

(18Neu 99: Vorstoß nach TOTAM)

(Der Heiler – OSM-Story)

(Rilaans Geschichte – OSM-Story)

Blogartikel 262: Legendäre Schauplätze 7: Garos

(18Neu 100: Das Zeitalter der SIEBEN SIEGEL)

(IR 31: Die Sturmfestung)

Blogartikel 274: Legendäre Schauplätze 8: Hun’arc

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“)

(Eine scharf geschliffene Waffe – OSM-Roman)

(Wandlungen – Archipel-Story)

Erst damit war der Monat dann tatsächlich abgelaufen – inklusive Arbeitssuche, Bewerbungen, Arbeitsamtterminen, SF-Stammtisch, Treffen mit dem Verein KreativRegion, immer noch viel Korrespondenz, nicht zuletzt mit dem Förder­verein Phantastika Raum & Zeit e.V.

Zusammen mit den Rezensionen und Rezensions-Blogartikeln, die auch noch entstanden sind, kam ich dann auf 24 fertige Werke für Januar 2018, womit ich annähernd das Level des Vorjahres hielt. Ich hoffe zuversichtlich, dass ich im Fe­bruar, jetzt, wo mein Kopf wieder einigermaßen klarer ist als zuvor, doch erheb­lich bessere Karten dabei habe, meine wichtigen Langzeitprojekte abzuschlie­ßen. Heute ist beispielsweise noch eine Bewerbung dran, dann jede Menge sta­tistische Arbeit, abends der SF-Stammtisch, der aller Wahrscheinlichkeit nach die Planungstätigkeit für den Con Raum & Zeit Continuum IV (RZC IV) am 13.-15. April 2018 erheblich voranbringen wird.

Mit einem E-Book-Text hat es leider noch nicht geklappt, dafür war ich zu sehr neben der Spur, aber das soll sich im Februar ändern, damit ihr nicht mehr lan­ge auf das nächste Werk zu warten habt. Ich bin zuversichtlich, dass bis zum Er­scheinen dieses Blogartikels vielleicht schon zwei neue E-Books auf dem Markt sein werden.

In der kommenden Woche machen wir einen Besuch an einem unheimlichen Ort, den ich in den 90er Jahren MONOLITH genannt habe – eine wahre Höllen­welt des KONFLIKTS 16 des OSM. Ihr werdet schon sehen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 161: Die Mars-Chroniken

Posted April 25th, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wer meinem Blog schon länger gefolgt ist und sich Woche für Woche Bücher empfehlen lässt, die ich mal mehr, mal etwas kritischer empfehle, der weiß, dass ich mich mit solchen Termini wie „Helden“ oder „Klassiker“ schwer tue. Es gibt fraglos solche Dinge, das zu bestreiten wäre töricht. Aber ich setze doch solche Bezeichnungen nur sehr sparsam ein, weil das der Realität entspricht: derlei Dinge sind selten, und sie inflationär zu benutzen, wie es etwa leichtsin­nige Journalisten aus Gründen der Popularisierung tun, hieße, sie letzten Endes zu entwerten.

Nein, da sind mir kritische, vorsichtige Worte doch sehr viel lieber. Sie erzeugen keine übertriebenen Erwartungen, schüren keine Hoffnungen, die die Lektüre der besprochenen Bücher dann nicht zu halten vermag.

Nun, das gilt für die Majorität der von mir vorgestellten Werke, zugegeben. Mit dem Buch, das ich euch heute wärmstens ans Herz legen möchte, ist das ein wenig anders. Es wird „Klassiker der Science Fiction“ genannt, und ich bin mehr als geneigt, nachdem ich es selbst endlich gelesen habe, dieser Einschätzung voll und ganz zuzustimmen.

Sehr gute Bücher, die es wert sind, Klassiker genannt zu werden, sind in allen Li­teratursparten rar, aber das folgende, das uns auf einen exotisch-fremdartigen Planeten Mars eines offenkundigen Paralleluniversums mit einer alternativen Zeitlinie entführt, gehört zweifelsohne dazu. Wer das Staunen auch in hohem Alter nicht verlernt hat und bislang an diesem Buch ahnungslos vorbeigegangen sein sollte, der lese unbedingt weiter. Und wer es kennt und schätzt, wird viel­leicht auch bereit sein, meinen faszinierten Ausführungen zuzustimmen.

Vorhang auf für:

Die Mars-Chroniken

(OT: The Martian Chronicles)

Von Ray Bradbury

Heyne 3410, München 1974

(ursprünglich entstanden 1946-58)

240 Seiten, TB

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Jeschke

ISBN 3-453-3280-X

Es ist der Januar des Jahres 1999 – Raketensommer. Die Menschen schauen gen Himmel und sehen den Feuerschweif eines Sternenschiffs, das zum Himmel auf­steigt. Es geht zur nächsten Grenze, hinauf zum roten Planeten Mars! Aufbruch der Menschheit!

So wenigstens beginnt Ray Bradburys legendärer Episodenroman „Die Mars-Chroniken“, der wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und dem nuklearen Inferno von Hiroshima und Nagasaki, inmitten der beginnenden Wirren des Kal­ten Krieges, eine Vision der Zukunft ausmalt und uns den nächsten Sonnensystem-Planeten Mars als Sehnsuchtsziel und Auswanderungsort imaginiert. Und ja, man muss von Imaginieren sprechen, denn mit dem realen Mars hat die Welt, die uns Ray Bradbury in diesem Werk vorstellt, nicht allzu viel gemein – seid darum nicht enttäuscht, liebe Naturwissenschaftler und Astronomen und versierten Laien, die ihr euch an die Bildaufzeichnungen von „Opportunity“ aus den staubigen, eisigen roten Marswüsten gewöhnt habt.

Lasst euch von Ray Bradburys Mars singen, einer Fabelwelt voller Überraschungen, Tragik und Melancholie, wie er sie sich vor über sechzig Jahren erträumte und mit Leben füllte.

Der Mars ist bei Bradbury eine alte Welt. Alt und weise – Heimstatt einer sanft­mütigen Alienspezies, die uns physisch sehr ähnlich ist und doch völlig anders. Eine Welt erschließt sich hier, voller fremdartiger, prächtiger Städte, aufgereiht wie Perlen auf einer Kette entlang der alten Marskanäle, und ihr Alter zählt nach Jahrtausenden. Kunst und Literatur stehen in hoher Blüte, niedergeschrie­ben auf Büchern mit metallenen Seiten, vorgetragen in Theaterstücken unter dem nächtlichen Sternenhimmel, an dem ein funkelnder, naher Stern steht, bläulich schillernd – die Erde.

Natürlich, vom Mars aus sieht die Welt anders aus, aber ich betonte schon, dies ist nicht unser Mars. Hier ist die Erde dem Mars physisch und ideell sehr nahe, was ja auch die Flugzeit zum Mars so sehr verkürzt, dass die erste Marsexpediti­on schon im Februar 1999 dort landet… vorhergesehen von einer Marsianerin namens Ylla, die zugleich auch das Verhängnis für diese Reisenden darstellt. Die erste Expedition scheitert.

Im August 1999 landet die zweite Expedition, personell größer als die erste. Sie kommen tatsächlich in Kontakt mit den Marsianern und wollen eigentlich nur freundlich begrüßt werden… stattdessen hält man sie für Halluzinationen und bereitet ihnen ein grässliches Ende.

Offensichtlich sind beide Seiten nicht bereit für einen Erstkontakt. Doch der hat leider schon längst stattgefunden, wie nach dem Scheitern auch der dritten Ex­pedition im April 2000 schließlich die nächste Gruppe von Reisenden im Juni 2001 entdecken muss – durch Mikroorganismen nämlich, die die schutzlosen Marsianer in Massen dahinrafft. Eine Parallele zu H. G. Wells´ „Krieg der Wel­ten“ ist nicht zu leugnen, selbst wenn diese Marsianer nicht wirklich feindselig sind, sondern allein zu ihrem Selbstschutz die frühen Expeditionsgruppen aus­löschten.

Im Sommer 2001 beginnt dann die erste Kolonisationswelle aus den Tiefen des Weltraums. Die nahezu ausschließlich amerikanischen Siedler – auf den ande­ren Kontinenten der Erde toben bereits erbitterte Kriege, über deren Natur sich Bradbury ausschweigt, wir können uns hier aber durchaus Rohstoffkriege vor­stellen – finden eine stille Welt vor, voll von rätselhaften, leeren Städten, staubi­ger Pracht und voller verwitterter marsianischer Leichen, die sie erst einmal entsorgen müssen, ehe sie hier heimisch werden (hier streift uns der unheimli­che Hauch des Holocaust, und fraglos nicht zufällig!).

Doch werden sie heimisch? Auf einer Welt wie dieser? Wieso nicht, fragt sich Benjamin Driscoll, der von der Vision besessen ist, den kargen Mars ergrünen zu lassen, auf dass er mehr Sauerstoff zum Atmen bekommt. Und tatsächlich ge­lingt ihm dieses Zauberkunststück buchstäblich über Nacht… naturwissen­schaftlich absurd, freilich, und auch die sehr fruchtbaren Böden des Mars, ihre wundertätige Wachstumskraft und die konstanten Regenfälle widersprechen unserem Bild des Mars fundamental.

Doch noch einmal: dies ist nicht unser Mars, es ist der Mars, den sich Bradbury in den späten 40er Jahren und frühen 50er Jahren in seinen Geschichten er­träumte und später durch weitere Verbindungsstücke und eine nachträgliche Datierung der einzelnen Erzählungen zu einem Roman in Erzählungen zu­sammenfügte.

Die menschliche Besiedelung des Mars stellt indes nur eine temporäre Angele­genheit dar – denn als auf der Erde ein Nuklearkrieg ausbricht und „jedermann gebraucht wird“ (bei einem Nuklearkrieg eher eine fragwürdige Reaktion, aber Bradbury braucht einen Grund für seine Handlungsweise), setzt eine Remigrati­onswelle der Kolonisten ein. Am Ende sind die von den Erdenmenschen zu­sammengezimmerten Frontiersiedlungen ähnlich verlassen wie diejenigen der ausgestorbenen, sanftmütigen und paramental begabten Marsianer… abgese­hen von einigen Individuen, die aus unterschiedlichsten Gründen den Mars als Siedlungsgrund vorgezogen haben…

Die Mars-Chroniken“ ist ein phantastisches Leseabenteuer für Menschen, die Ray Bradbury schätzen und die gern naturwissenschaftlich den Boden unter den Füßen verlieren wollen. Für jene Leser, die der reale Mars enttäuscht und die sich lieber an Edgar Rice Burroughs und ähnliche Autoren des Pulp-Zeital­ters halten, ist Bradburys vorliegendes Werk ganz die rechte Kost. Natürlich mag man sagen, es sei albern, sich vorzustellen, dass von der Erde zum Mars ganze Raumschiffsladungen Bauholz zu den Sternen geflogen werden (redet mal mit den Leuten der NASA über die Nutzlastkosten! Da könnte man die Ge­bäude auf dem Mars auch gleich aus Diamant bauen!). Man mag sich über die fruchtbaren Böden des Mars amüsieren oder über die heißen Sommertage, die es dort effektiv nicht gibt. Dass es Marskanäle und reichlich Wasser gibt, das in Brunnen sprudelt, selbst als die Marsianer längst ausgestorben sind… nette Vi­sionen ohne Realitätsgehalt. Aber darum geht es nicht wirklich. Das sind Ober­flächlichkeiten.

Es geht um die tieferen Aussagen in diesem Buch. Darum etwa, dass Bradbury mit dem stillen Genozid an den Marsianern unverhohlen an die Quasi-Ausrot­tung der nordamerikanischen Indianer durch die Siedler erinnert und beides für unrecht erklärt. Darum beispielsweise, dass er die kulturelle Barbarei der Erd­siedler dem hohen Kulturniveau der Alteingesessenen gegenüberstellt und traurig demonstriert, wie rücksichtslos und instinktlos doch die rohen „Barba­ren“ von der Erde sind, wie sie gleich Elefanten im Porzellanladen unsensibel ih­ren eigenen Lifestyle durchsetzen wollen. Würstchenbuden. Hölzerne Frontier-Städte. Lautes Marodieren durch die leeren Marsianerstädte… peinlich, um das Wenigste zu sagen.

So, sagt der Autor, so tretet ihr draußen in Erscheinung, ihr, die feinen amerika­nischen Gutmenschen. Und damit meint er eigentlich nicht den Mars, sondern er spiegelt das durchaus auf die reale Welt der 50er Jahre… mit Recht, wie ich finde. Zugleich verschweigt er nicht, dass im Innern das Denken stehenge­blieben ist, nämlich etwa im Süden der USA im Zeitalter des Rassismus („Juni 2003: Mit dem Kopf in den Wolken“).

Und was bleibt am Ende, wenn die marsianische Kultur, die Jahrtausende über­dauerte, in Rekordzeit ausgelöscht worden ist? Staubige Ruinen auf dem Mars… ja. Aber wie sieht es auf der Erde aus? Da lehrt er uns das Grauen in einer der letzten Geschichten: „August 2026: Es werden kommen leise Regen“… mit ei­nem automatischen Luxushaus inmitten einer radioaktiv verseuchten Schutt­wüste, die einstmals die Stadt Allendale, Kalifornien, war.

Seht, sagt Bradbury, der Mensch ist nicht nur außerstande, das Fremde zu ak­zeptieren und mit dem Fremden und den Fremden zusammen eine Koexistenz einzugehen, sondern er ist so egozentrisch und destruktiv, dass er zugleich in seiner Dummheit alles auslöscht, was das Leben lebenswert macht, sich selbst eingeschlossen. Und so bleibt am Schluss wirklich nur, wie in der Bibel, der Neu­anfang in kleinstem Kreise.

Die Mars-Chroniken“ ist ungeachtet seines Alters ein äußerst nachdenkliches, über weite Strecken hin melancholisches Buch, das tiefe philosophische Gedan­ken und Reflexionen enthält. Wer genau liest, findet hier übrigens auch den Ge­schichtenkeim von Bradburys 1953 veröffentlichtem Roman „Fahrenheit 451“ schon angelegt. Und wer bereit ist, über die naiven naturwissenschaftlichen Prämissen hinwegzugehen, die der Prüfung durch die Fakten der Gegenwart nicht standhalten können, wird in „Die Mars-Chroniken“ zudem einen magi­schen Roman vorfinden, der mit Recht als Klassiker der Science Fiction gilt.

Schade, dass es mehr als 25 Jahre dauerte, bis ich ihn zur Hand nahm… und dann in fünf Tagen buchstäblich verschlang, weil er mich so fesselte. Kann man etwas Schöneres über ein altes Buch sagen?

Wenn ihr es nicht kennt – sucht danach und lest es. Es lohnt sich!

© 2016 by Uwe Lammers

Schwärmerisch, gell? Fürwahr, das ist diese Rezension, die noch nicht mal zwei Jahre alt ist… aber ich versichere euch, dieses Buch ist ungeachtet seines Alters diese Schwärmereien mehr als wert. Eine echte Perle der Science Fiction, die leider viel zu dünn ausfällt (gute Bücher sind wirklich IMMER zu kurz! Sniff!) und deshalb viel zu schnell vorbei ist.

Da hilft es wohl nur, das nächste Buch aus dem Regal zu ziehen. Was haben wir denn da vor uns…? Eine weitere Reise, und sie führt uns am kommenden Mitt­woch auf die Weltausstellung von 1939. Aber Vorsicht, es ist eine Kost mit Pro­blemen.

Neugierig geworden? Dann schaut wieder rein, Freunde.

Bis nächsten Mittwoch.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Wochen-Blog 268: Logbuch des Autors 24 – Bücherrausch

Posted April 22nd, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ach, wenn ihr doch nur sehen könntet, wie gegenwärtig meine Wohnung aus­schaut! Ihr würdet euch vermutlich ganz unweigerlich fragen, ob dies eine Art wüster Bücherflohmarkt sein soll, ein Räumungsunternehmen oder etwas in der Art… aber weit gefehlt. Es ist ein Projekt, das ich seit langer Zeit in Angriff hätte nehmen sollen, das sich aber nun beim allerbesten Willen nicht mehr auf­schieben ließ. Ich weiß, jetzt – aktuell schreiben wir den 17. Dezember 2017 – ist der Zeitpunkt dafür denkbar ungünstig, weil es noch jede Menge anderes zu tun gibt… doch gibt es manchmal Dinge, die man tun MUSS, weil man ihnen wirklich nicht mehr ausweichen kann. Das hier ist so etwas.

Zunächst einen kurzen Blick auf den aktuellen Zustand, dann komme ich zur Er­läuterung dessen, was hier eigentlich vor sich geht.

Wer heutzutage in meine Wohnung träte, würde gleich im Flur mit mehreren fast hüfthohen Stapeln Bücher konfrontiert werden, die von „Jean Ray: Das Storchenhaus“ bis „OMGUS: Ermittlungen gegen die I. G. Farben“ reichen (so die obersten Titel des ersten und des letzten Stapels.

Ein Blick nach links in die Küche offenbarte ein Dutzend weiterer Bücherstapel, die dort meinen Küchentisch so füllen, dass ich mein Frühstück, nähme ich es in der Küche ein, im Zentrum eines Büchergebirges einnehmen würde. Alle Bücher dort wurden von Verfassern oder Herausgebern verfasst, die mit Buchstaben B anfangen. Auf dem Boden befinden sich außerdem noch Bücherstapel für Ray Bradbury, Peter Berling und andere B-Autoren.

Ein weiterer Blick eine Zimmertür weiter den schmalen, von Bücherregalen zu­gestellten Korridor hinunter (diese Bücherregale bestechen auch weiterhin durch akkurate, unberührte Ordnung, ich erkläre gleich, weshalb), würde in mein Arbeitszimmer führen, das auf den ersten Blick aufgeräumt wirkt. Dann fiele aber bei einem Blick links zum Bücherschrank zwischen den CD-Regalen auf, dass die oberste Ebene rappelvoll ist mit Büchern, bei denen Autoren wie Charles Sheffield, Rupert Sheldrake und Brian Stableford auffallen. Die drei Schrankfächer darunter sind fast leer bis auf weitere unorganisierte Büchersta­pel. Dasselbe Bild bieten auch zwei weitere Regalfächer gegenüber der Tür.

So kennt man mich gar nicht? Wahr. Aber das ist ja noch nicht alles.

Wer meine Wohnung kennt, dem ist klar, dass es natürlich noch zwei Räume mit Büchern gibt, das prominenteste ist mein Bibliothekszimmer hinter der Glastür am Korridorende. Inzwischen ist es fast unbetretbar, so viele Büchersta­pel reihen sich hier am Boden links und rechts aneinander. Will ich an die hinte­ren Bücherregale, wo die Majorität meiner ungelesenen historisch-philosophi­schen Bücher steht, so muss ich mich nun mühsam zwischen den Bücherstapeln hindurchschlängeln. Schweißtreibend, wenn man dabei hohe Bücherstapel zu balancieren hat… und in den letzten Tagen habe ich auch schon mit ungeschick­ten Fußbewegungen den einen oder anderen Stapel zum Einsturz und mich zum verhaltenen Fluchen gebracht.

Ach ja, man muss erst durch das Tal des Chaos gehen, ehe sich Ordnung ab­zeichnet, fürwahr… mir war klar, dass das eine echte Knochenarbeit ist. Auf der anderen Seite ist sie absolut unverzichtbar.

Okay, ihr seht also, ich lebe derzeit in einem echten Sturm von Büchern, die je­des Antiquariat vermutlich gern sehen würde – aber das ist kein Versuch der Buchaussonderung (na ja, obwohl… eine Dublette gefunden habe ich schon, und ein Ziel dieser Aktion ist definitiv durchaus eine Verringerung des Buchbe­standes, aber das ist nur so ein Nebeneffekt des Ganzen). Nein, das ist es also definitiv nicht. Was hingegen die Frage nach dem Warum nur umso verstärkter stellt.

Warum also verwandele ich meine Wohnung in einen Büchersumpf? Bin ich Masochist, der gern wissen möchte, wie viele zehntausend Seiten ich noch an ungelesenem Lesestoff vor mir habe? Nein, gewiss nicht. Ich bin mir darüber vollkommen im Klaren, ohne die Regale ausräumen zu müssen. Das hat einen ganz anderen Grund. Um den aber transparent zu machen, ist es erforderlich, dass ihr ein wenig von meiner systematischen Organisation der eigenen Bücher­bestände erfahrt. Bis zum 22. April 2018, wenn dieser Artikel planmäßig er­scheinen soll, wird das Chaos längst behoben sein und eine völlig neue Ordnung eingekehrt sein. Das ist das letztendliche Ziel.

Die bisherige Bücheraufstellordnung ist eine dreigeteilte. Ich unterscheide mei­ne Bücher einmal nach a) historisch-philosophischen Werken (inklusive histori­sche Romane und Zeitreisegeschichten), b) sonstiger Belletristik und Sachbü­chern, und dann gibt es noch c) den Bestand der schon gelesenen Bücher.

Sinnvollerweise sollte man annehmen, dass alle Bestände gleich organisiert sind. Das ist bislang leider nicht restlos der Fall, und deshalb ist dieser Organi­sationstornado, den ich derzeit durchmache, unumgänglich gewesen. Ich habe mich jahrelang dagegen gesträubt, aus reinen Bequemlichkeitsgründen. Die Be­stände a) und c) sind klar von A-Z durchorganisiert, wie man das ja erwarten würde. Der Bestand b) ist das prinzipiell auch, aber er hat eben auch ein Annui­tätsprinzip. Will heißen: die noch nicht gelesenen belletristischen Werke stelle ich der Reihe nach jahrgangsweise auf. Innerhalb der Jahrgänge sind die Bücher alphabetisch geordnet. Es ist also nicht so, dass ich grundsätzlich eine andere Struktur darin hätte… ich sah nur davon ab, alle belletristischen Werke unge­achtet der Jahre in eine Reihung aufzunehmen.

Warum tat ich das? Weil mir natürlich der Nachteil der anderen beiden Bestän­de stets vor Augen stand: wenn ich Neuzugänge habe, muss ich den gesamten Bestand rücken – beispielsweise, wenn ich Bücher von Stephen Baxter oder Iain Banks oder so finde oder geschenkt bekomme.

Dann alles noch mal neu rücken? Bin ich verrückt?, dachte ich. Nee… das ist viel bequemer, die Bücher dann jahrgangsweise zu organisieren und sie anschlie­ßend innerhalb der Jahrgänge zu alphabetisieren…

Das stimmte prinzipiell auch. Theoretisch hätte ich auch eine Signatur vergeben und die alphabetische Struktur ganz außen vor lassen können (wie es in den meisten Bibliotheken geschieht, wo es allerdings in der Regel um völlig andere Buchzahlen in Größenordnungen von Hunderttausenden bis Millionen Werken geht). Aber das war mir dann doch des Aufwandes zuviel. Bei mir handelt es sich ja „nur“ um rund dreitausend Werke.

Tja. „Nur“ ist gut gesagt. Habt ihr mal dreitausend Bücher auf einem Haufen ge­sehen? Nur soviel: es ist ein höchst imposanter, einschüchternder Eindruck.

Mein aktueller Plan, der dem „wohlorganisierten Chaos“ zugrunde liegt, ist also folgender: Ich verschmelze die Bestände a) und b) miteinander. Da Bestand c) ja schon alphabetisch organisiert ist und ich nicht vorhabe, ungelesene und gele­sene Werke miteinander zu vermischen, gibt es Bereiche der Wohnung, die vom Neuordnungswahn (lach) verschont bleiben. Dazu zählt, ich deutete das oben an, der gesamte Korridor mit seinen vier Regalen, das erste rechte Regal im Bibliothekszimmer und einige Bereiche des dritten Raumes, des Wäsche­zimmers. Und nein, in dem Raum gibt es derzeit zwar leere Regalfächer und einen leeren Schrank, aber keine Bücherstapel. Ich baue ja nicht alles zu…

Um jedenfalls erst mal eine Grundordnung zu erhalten, war es notwendig, das Regal im Bibliothekszimmer ganz links an der Fensterfront befindet, auszuräu­men. Das hatte ich schon länger vor. Dort stehen die jahrgangsweise alphabe­tischen Bücher der Jahre 1998 bis 2002, jedenfalls war das so etwa der Hori­zont. Sie waren nahezu unzugänglich.

Weshalb das?

Das hat mit dem Erbe meiner verstorbenen Mutter zu tun: ich erbte auch einen erheblichen Teil meiner elterlichen historischen Buchbestände, und sie stapel­ten sich anderthalb Jahre lang direkt vor dem Regal auf dem Fußboden. Das war, fand ich, auf Dauer wirklich kein Zustand – und damit fing dann die Um­strukturierungsgeschichte eigentlich an. Um sie in das eben genannte Regal einzufügen, musste ich natürlich die dort stehenden Bücher entfernen.

Dann kann ich doch auch gleich die Umsortierung in Angriff nehmen“, dachte ich. „Sonst habe ich hier einen Haufen Bücher am Boden rumstehen, und die Si­tuation hat nur das Gesicht gewechselt, aber nicht die Struktur.“

Gesagt, getan… und der Bücherrausch fing an. Das ist so ein wenig wie ein Do­minospiel, bei dem man die Steine aufstellt und dann aus Versehen gegenein­ander stößt. Fällt einer, fallen sie – richtig aufgestellt – fast unvermeidlich alle. Auch hier zog eine Handlung die nächste nach sich, und das Resultat habe ich eingangs geschildert.

Aktuell habe ich mich durch die Buchbestände des Buchstabens A gearbeitet und die Bücher bis Bea aufgestellt. Ich glaube, Greg Bear war so ziemlich der letzte Autor dieses Blogs. In der Küche stehen jetzt die restlichen Stapel des Buchstabens B, einfach ziemlich unglaublich viele. Bin froh, wenn ich bei C an­komme, das sind dann deutlich weniger. Bei B habe ich halt solche Leute wie Ja­mes Graham Ballard, Iain Banks, Ray Bradbury, Stephen Baxter usw., die viele Werke ungelesener Natur beisteuern. Buchstabengruppen wie C, E oder J sind vergleichsweise überschaubar (jedenfalls noch: ich habe noch nicht alle Jahrgangsbestände der Gruppe b) auseinander sortiert.

Warum, mögt ihr euch jetzt vielleicht fragen, gehört diese Erörterung unter „Logbuch des Autors“, wo das doch mit dem Schreiben nichts zu tun hat? Das will ich euch gern verraten. Dieser Gedanke ist nämlich ein Irrtum, wenn auch ein verständlicher.

Zum einen BIN ich gerade am Schreiben, und zwar aus aktuellem Anlass – was ich in dieser Rubrik halt immer tun wollte und mache. Insofern ist diese Erörte­rung hier sehr wohl am Platz. Zweitens aber wollte ich euch damit zeigen, was mich aktuell vom Schreiben wirkungsvoll abhält – es gibt eben Notwendigkei­ten, die mich dann so vollkommen beanspruchen, dass ich fürs Schreiben an sich keinen Raum und keine Kapazitäten mehr habe. Ich kann zwar schlecht ver­mitteln, was für einen verführerischen Reiz es hat, statt an der Tastatur zu sitzen, an die Regale und Schränke zu gehen und die ungelesenen Bücher her­auszuholen, um sie auf die entsprechenden Buchstabenstapel zu sortieren… aber vertraut mir, Freunde, das ist eine Verlockung, die mich heute Nacht im­mer wieder umgetrieben hat, bis nach 1 Uhr nachts.

Schlimm. Fehlt nur noch, dass ich von Bücherstapeln träume (heute früh hatte ich im Halbschlaf so das dumpfe Gefühl, das täte ich… aber als ich dann richtig erwacht war, hatte sich der Gedanke verflüchtigt, wie das leider meist so ist). Das würde echt passen.

So kann’s also kommen. Man ahnt nix Böses, und auf einmal steht man inmit­ten eines ausgewachsenen Büchertornados, der mich zum Teil mit Werken kon­frontiert, die ich seit Jahren nicht mehr in den Händen hatte. Das ist toll. Und auf der anderen Seite entdecke ich Werke, die ich vor 15 oder mehr Jahren ge­kauft oder anderweitig erworben habe, wäge sie in der Hand und überlege: „Muss ich wirklich irgendwann mal ein Buch über Druiden lesen? Oder über die Deutschordensritter? Was ist mit diesen Romanen über den Zweiten Weltkrieg? Werde ich die jemals durchschmökern?“

Ihr merkt, es gibt da einiges an Potenzial, das meine Denkfähigkeit durchaus be­ansprucht. Es ist nicht nur stumpfsinniges Rausholen der Bücher, alphabe­tisches Zusammensortieren und wieder wegstellen… das erfordert durchaus ei­niges an Grips. Denn die Bücher, die ich so aus dem Bestand entferne, werden natürlich auch in meinen Bücherlisten und in der Buchkartei ausgetragen werden müssen, damit mir nicht solche dämlichen Dinge passieren wie ich sie jetzt schon entdeckt habe.

Wovon ich spreche? Na, ich sagte doch oben, dass ich schon eine Dublette ent­deckte. Was ich ebenfalls gestern fand, war ein Buch, das aktuell immer noch auf meiner Suchliste steht, was ich aber schon seit mehreren Jahren besitze… verdammte blinde Flecken! Das kommt davon, wenn man viele ungelesene Bü­cher hat und manchmal vergisst, Erwerbungen aus den Suchlisten zu tilgen. Da kommt man in schönste Schwierigkeiten.

Gewiss, mich hält die Erwartung des endgültigen Anblicks der geordneten Bü­cherregale bei Laune, das will ich überhaupt nicht abstreiten. Das vorhin er­wähnte ganz linke Regal im Bibliothekszimmer ist jetzt schon schöner als je zu­vor strukturiert, reicht aber gerade mal bis Charles Baudelaire (so der aktuelle Stand. Da ich momentan nur die Bücher bis Ende 2016 zusammenstelle, wird das Jahr 2017 vorläufig noch einen „alten b)-Bestand“ ergeben und erst irgend­wann im Sommer oder Herbst 2018 eingegliedert werden).

Also, ich bin gerade bei den Be-Büchern, da ist noch viel Arbeit voraus… aber ihr seht an dem, was ich eben schilderte, woran ich gerade laboriere. Und glaubt mir: mit einer wohlsortierten Bibliothek arbeitet es sich sehr viel besser und effizienter als bislang. Es gibt also viele gute Gründe, das gegenwärtige Chaos durchzustehen. Drückt mir die Daumen… kann ich gebrauchen.

In der nächsten Woche werden wir wieder bodenständiger, dann erzähle ich euch, was ich so im Januar 2018 alles kreativ geschafft habe.

Macht es gut und bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

Rezensions-Blog 160: Harry Potter und der Halbblutprinz (6)

Posted April 18th, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

nun, im Jahre 2006, als ich die unten stehende Rezension verfasste, befand ich mich in ganz derselben Lage wie alle anderen Harry Potter-Leser weltweit auch, nämlich gewissermaßen in vorderster Front, mit den Hufen scharrend und nach der Fortsetzung hungernd. Allerdings, das wird aus der Rezension ebenfalls deutlich werden, fand ich es vermutlich nicht ganz so drängend wie viele ande­re Leserinnen und Leser.

Der Grund dafür lag auf der Hand: Meine HP-Leidenschaft war schon deutlich abgeflaut seit Lektüre von Band 4, und die diesmalige Lektüre – und weitere Verzögerung der Direktkonfrontation zwischen Harry und Voldemort einerseits und den Todessern und der Menschheit andererseits – zeigte mir einmal mehr, dass nachlassende Leidenschaft genau die richtige Methode war, um mit der Verzögerung klarzukommen, mit der der siebte Band sich nun erst langsam an­kündigte.

Ich weiß, das lässt sich heutzutage, wo alle Bände vorliegen, vielleicht nur schwer nachvollziehen, aber damals war das nun mal so. Überdies gab es ja mehr als reichlich andere Lektüre für mich in meinen Bücherregalen. Gleich­wohl fühlte ich mich verpflichtet, wo ich doch nun schon fünf Bücher der Serie rezensiert hatte, dies auch mit dem sechsten Band zu tun.

Nun, und das hier kam dann dabei herum:

Harry Potter und der Halbblutprinz

(OT: Harry Potter and the Half-Blood Prince)

von Joanne K. Rowling

Carlsen-Verlag, 2005

660 Seiten, TB

Übersetzt von Klaus Fritz

Der Leser, der mit der Harry-Potter-Reihe vertraut ist, hat die leidvolle Erfah­rung gemacht, dass nicht nur die Protagonisten reifen und die Schwierigkeits­grade der Prüfungen kontinuierlich steigen, die die Schüler absolvieren müssen, sondern auch, dass die Zumutungen an die Leserschaft höher werden. Es kann natürlich gar nicht anders sein, wenn man sich die Geschichte genau besieht: im Band 4 kehrt der finstere Lord Voldemort zurück und beginnt damit, seine treu­en Todesser um sich zu scharen, so dass die Leser den ganzen fünften Roman, halb hoffend, halb bangend, darauf lauern, dass nun der Krieg endlich beginnen würde.

Doch er begann nicht. Die Autorin ließ sich Zeit.

Stattdessen mauerte das Zaubereiministerium in einer stumpfsinnigen Vermei­dungshaltung, erklärte Harry Potter als Überbringer der schlechten Nachricht und dann auch den Schulleiter von Hogwarts, Albus Dumbledore, für geltungs­süchtig oder senil… bis schließlich die schrecklichen Ereignisse um die Prophe­zeiung und der Kampf von „Dumbledores Armee“ sogar im Innern des Ministe­riums gegen die flüchtigen Todesser und den Dunklen Lord selbst dazu führten, selbst die hartnäckigsten Zweifler zu überzeugen.

Zu spät.

Das half Harry Potters Paten, Sirius Black, nicht mehr. Er fand im Kampf den Tod, ermordet von der Todesserin Bellatrix Lestrange, und erst postum wurde er re­habilitiert. Was Harrys Erbitterung natürlich nicht lindern konnte. Nun jedoch wussten alle, was die Stunde geschlagen hatte: die Dementoren des Zauberei­gefängnisses von Askaban hatten inzwischen ebenfalls die Seiten gewechselt, Chaos und Hysterie begannen sowohl in der Muggelwelt als auch in der Welt der Zauberer zu grassieren, Hogwarts bereitete sich auf die Verteidigung vor.

Unter diesen düsteren Vorzeichen beginnt der sechste Band um die Abenteuer des Zauberjungen Harry Potter.

Wieder einmal ist der inzwischen sechzehnjährige Waise daheim bei seinen Pflegeeltern, den Dursleys im Ligusterweg, einer typischen Muggelfamilie. Und diesmal – im Gegensatz zum vergangenen Buch – erhält Harry über die magi­sche Zeitung, den Tagespropheten, reichlich Informationen aus der magischen Welt: über verschwundene Zauberer, magische Attacken. Dementoren, die Nachwuchs ausbrüten und damit die Witterung durcheinanderbringen sowie allgemein eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Verstörung erzeugen. Das Zaubereiministerium nimmt Personen fest, die unter dem Verdacht stehen, Todesser zu sein…

Der Krieg hat begonnen, unwiderruflich.

Was Harry indes NICHT weiß, ist, wie weit sich das schon ausdehnt: selbst der „Muggel“-Premierminister in Downing Street 10 bekommt überraschend Be­such von seinem „Kollegen“, dem Zaubereiminister Cornelius Fudge. Es ist nur sein Abschiedsbesuch, er soll seinen Nachfolger Rufus Scrimgeour vorstellen und darüber aufklären, dass die Katastrophen in der Menschenwelt im Wesent­lichen durch einen magischen Krieg in IHRER Welt verursacht werden.

Und Severus Snape, seines Zeichens Zaubertranklehrer an der Hogwarts-Schule für Zauberei und Intimfeind von Harry Potter, erhält Besuch von zwei Todesser-Frauen, darunter die Mutter von Draco Malfoy.

Das ist keineswegs alles, was geschieht – unvermittelt taucht Albus Dumbledore bei Harrys Pflegeeltern auf und holt ihn ab. Dabei registriert der Junge bestürzt, dass Dumbledores rechte Hand schwarz ist und wie verbrannt aussieht, wie tot. Der Schulleiter löst dieses Rätsel erst recht spät. Das sei jetzt noch nicht wichtig.

Harry soll einen neuen Lehrer anwerben helfen, was schließlich auch gelingt – nämlich den etwas schrulligen Horace Slughorn. Danach liefert Dumbledore den jungen Zauberer bei der Familie Weasley ab, wo Harry immer Weihnachten verbringt. Was diesmal äußerst abenteuerlich wird – denn hier stolpert er un­vermittelt über Fleur Delacour, die Kandidatin der Zaubererschule Beauxbaton für das Trimagische Turnier.1 Sie, die von der jungen Ginny Weasley schlicht ab­wertend „Schleim“ genannt wird, und Bill Weasley wollen heiraten. Außerdem trifft Harry auf Angehörige des Ordens des Phönix, insbesondere Nymphadora Tonks, die sich seltsam verändert haben.

Ein Besuch in der Winkelgasse führt sie zu dem neuen Laden von Fred und George Weasley, zu den „Zauberhaften Zauberscherzen“, und Harry entdeckt, dass sein Intimfeind Draco Malfoy vom Haus Slytherin ganz offenkundig einen hasserfüllten Plan ausbrütet. Was natürlich kein Wunder ist – hat doch Harry seinen Vater, einen bekennenden Todesser Lord Voldemorts, im vergangenen Roman nach Askaban verbracht.

Hogwarts wartet, nachdem schon die Ankunft zum schmerzhaften Drama gerät, mit schrecklichen Überraschungen auf. So entpuppt sich Horace Slughorn ent­gegen aller Erwartung NICHT als der neue Lehrer für die „Verteidigung gegen die dunklen Künste“, sondern er übernimmt das Fach der Zaubertränke. Und DESSEN Lehrer wird nun, wie er es schon viele Jahre wollte, Lehrer für die Ver­teidigung gegen die dunklen Künste – niemand Geringeres als Severus Snape! Snape, der einstige Todesser und Parteigänger Lord Voldemorts, der Harrys Va­ter James in seiner Jugend inbrünstig hasste…

Als Harry dann auch noch durch einen Zufall im Zaubertrankunterricht ein ge­brauchtes Buch erhält, das einem ominösen „Halbblutprinzen“ gehört hat und voll ist mit Randanmerkungen, Perfektionierungen von Zaubertränken und furchtbaren Flüchen, da steckt er bald mitten in den schönsten Schwierigkeiten. Zwar steigt er dank dieser unerwarteten magischen Hilfe bei Professor Slughorn zum Klassenprimus auf, verscherzt es sich aber gründlich mit seiner guten Klas­senkameradin Hermine Granger, die die Anwendung von solchen Randanmer­kungen als Schummelei und unlauteren Wettbewerb betrachtet. Auch hält sie den „Halbblutprinzen“ sowieso für eine finstere, gefährliche Gestalt. Leider be­hält sie damit sehr Recht.

Außerdem ist Harry Potter dieses Jahr Kapitän der Quidditch-Mannschaft des Hogwarts-Hauses von Gryffindor und erhält, sehr zu seiner Überraschung, Pri­vatstunden von Dumbledore, in denen er sehr viel über die Vergangenheit Tom Riddles, des späteren Lord Voldemort erfährt. Aber von dem wichtigsten Punkt, den Horkruxen, erfährt er eigentlich erst zu spät. Und die Gefahr droht aus ei­ner völlig anderen Richtung als erwartet…

Der sechste HP-Roman, um gut ein Drittel kürzer als der Vorgänger, macht, bei allem Respekt vor der Schreibleistung der Autorin, den Eindruck, als sei relativ kurzfristig die Storyline geändert worden, als die zweite Hälfte angebrochen worden war. Wieder enthält das Buch die übliche Mischung aus Schulalltag an einer magischen Schule, unterlegt mit zahlreichen kurzweiligen Zaubereien, so­wie den weiterführenden Handlungssträngen um Lord Voldemort und seine Verschwörung, die Hintergründe für den Krieg bleiben aber meist diffus.

Voldemort selbst kommt im Buch nicht vor, was m. E. schon bezeichnend ist (nun gut, als Tom Riddle in den Erinnerungsblenden natürlich reichlich, aber der gegenwärtige Voldemort halt nicht). Es scheint, als sparte ihn sich die Autorin für den kommenden Roman auf. Von den Aktivitäten der Todesser erfährt man meist nur über die Zeitungsmeldungen, was mir etwas wenig war.

Auf durchaus süße Weise werden außerdem die Teenager-typischen Liebes-Konfusionen fortgesetzt, die im letzten Band begonnen haben und den Schüle­rinnen und Schülern Ratlosigkeit, süße Raserei oder Tränenkaskaden bescheren. Man merkt, die Hormone spielen hier komplett verrückt, mit allem, was dazu­gehört. Leider wird Harrys Schwarm Cho Chang aus dem letzten Buch so gar nicht mehr verfolgt, was ich schade fand. Dafür sollte man wirklich mehr Auf­merksamkeit auf die Entwicklung von Ginny Weasley aus der zweiten Reihe le­gen, die ist wirklich gelungen, wobei ich nicht nur ihre Quidditch-Karriere mei­ne. Und natürlich muss man auch auf Ron achten, ihren älteren Bruder.

Manche Handlungsstränge geraten hier leider wieder völlig ins Hintertreffen und bestätigen die Einschätzung, dass das Buch – wie halt alle guten Bücher, gell? – um einige hundert Seiten zu kurz ist: Hagrid etwa hätte durchaus mehr Platz verdient, der Orden des Phönix und seine Angehörigen verschwinden fast vollständig, die anderen Hogwarts-Häuser bleiben ebenso blass wie in Band 5, der Eindruck, dass die Schule allmählich reine Kulisse wird, drängt sich beunru­higend auf.

Gewiss, das Ende ist dramatisch, es ist, würde ich sagen, für die meisten Leser fast traumatisierend, und insbesondere die Entscheidungen, die Harry trifft, las­sen den Betrachter zwischen Verständnis und Kopfschütteln schwanken. Aber bekanntlich sind wir nicht Harry Potter. Jetzt jedenfalls ist das Spiel vollkommen offen, die Jagd auf Lord Voldemort und seine Diener ist eröffnet. Die finale Aus­einandersetzung steht an, und der Band 7 wird höchstwahrscheinlich den Showdown zeigen. Mutmaßlich ist das allerdings frühestens 2008, da Rowling nach eigener Aussage – Homepage – noch nicht mal mit dem Schreiben von Band 7 begonnen hat. Nun, da sie inzwischen Milliardärin ist und die Bücher sich auch weiterhin gut verkaufen, können sich die Leser vermutlich glücklich schätzen, dass sie mit dem Schreiben überhaupt weitermacht, nicht wahr?

Und dennoch: natürlich werden wir uns den siebten Band auch kaufen. Wir wollen doch wissen, wie es weitergeht…

© 2006 by Uwe Lammers

Soweit meine Potter-Wasserstandsmeldung aus dem Sommer 2006. In der kommenden Woche konfrontiere ich euch mit einem faszinierenden Experi­ment, das wirklich höchst kurios ist. Ich nenne kurz die Eckdaten: Das Buch selbst erschien 1958 in Amerika, von 1974 stammt die Ausgabe, die ich besitze, und 2016 habe ich es rezensiert. Gleichwohl ist es Science Fiction und spielt anno 1999…

Wovon rede ich? Schaut es euch in der kommenden Woche an. Nur soviel zur Vorfreude: Es ist ein echter Klassiker der Science Fiction-Literatur!

Bis dann, Freunde.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. Joanne K. Rowling: „Harry Potter und der Feuerkelch“, 2001.

Liebe Freunde des OSM,

vor zehn Wochen verließ ich euch in dieser Rubrik, als wir den Übergang des Jahres 2010 zu 2011 erreicht hatten. Heute fahre ich am besten gleich damit fort.

Zwar sollte ich in dem ersten Monat des neuen Jahres lediglich neun Werke fer­tig schreiben, aber es das Jahr begann wirklich absolut phantastisch – nämlich, indem ich eine frische OSM-Ebene schuf. Und zwar begann ich mit dem KON­FLIKT 9 „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“ (DKdO) bereits am 3. Januar, und die Gedanken in dieser Ebene sprudelten so eifrig, dass ich bis Ende des Monats schon Gedankenskizzen bis inklusive Band 5 gesponnen hatte.

Während ich unter weitgehend freier Zeiteinteilung ein Aktenerschließungspro­jekt für die Fachhochschule Braunschweig-Wolfenbüttel (Ostfalia) realisierte, das mich noch bis Ende März gut beschäftigen sollte, blühten also nun neue Welten in meinem Verstand auf, altbekannte Völker trieben ihr Unwesen, um es mal ironisch zu formulieren. Und sehr viel plastischer als noch vor rund 20 Jah­ren, als ich mich in einer frühen Fassung dieses 9. Lebens Oki Stanwers abge­müht hatte, drang ich in die Seelen der Bewohner dieses Universums vor, dass es wirklich eine Wonne war.

Lebendige Charaktere, witzige Dialoge, aberwitzige Situationen, dramatische Handlung und so vertraute Völker, mit denen ich jählings auf Tuchfühlung ging: da waren die humanoiden Kleinis der Zentralwelt. Da gab es die sehr stolzen, sehr eigenen Echsenkrieger verschiedenster Alli-Nationen. Und eine Spezies sehr schrulliger Wesen, die nur aus grünschuppigen Tentakeln zu bestehen schienen und sich selbst „Schlangenarme“ nannten. Eingefleischte Traditionalis­ten bezeichneten ihr Volk allerdings so wie einstmals: als Tassaier.

Ach ja, und das sagt euch natürlich einiges. Wer immer geglaubt hat, die Tassai­er seien seit den Tagen des 2. Universums, das ihr derzeit im E-Book in der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) kennen lernen könnt, ausgestorben, der muss noch eine Menge über den Oki Stanwer Mythos lernen. Also, kurz ge­sagt: es war eine wahre Wonne, in dieser Welt aktiv zu werden und zu schauen, wie sich Oki Stanwer dort schlägt. Dazu sage ich sicher an gegebener Stelle noch mehr.

Woran arbeitete ich im Rahmen der „Annalen“ sonst noch so?

Nun, ich schrieb weiter an „Eine scharf geschliffene Waffe“ und erschuf einen neuen, bemerkenswerten Hintergrundartikel zum OSM mit dem prägnanten Ti­tel „Die Matrixfehler oder Der Alptraum der Baumeister“. Und leider muss ich eurer sehr verständlichen Neugierde hier sofort einen energischen Riegel vor­schieben – den Text gibt es so bald noch nicht zu lesen.

Weshalb nicht?

Nun, das ist kein böser Wille meinerseits. Es ist nur so… ich rekurriere hier auf unglaublich viele Werke, Personen und Völker, die ihr allesamt noch nicht kennt, ich spanne Argumentationsbögen über einen Abgrund von mehr als hundert Milliarden Handlungsjahren… vertraut meinem Urteil, Freunde, wenn ich versichere, dass dieser Text euer OSM-Textverständnis zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch weit übersteigt und weitaus mehr Fragen auslöste, als verständ­lich zu sein.

Gegen Ende des Monats feilte ich an weiteren OSM-Fragmenten, nämlich die­sen hier: „Ein Alptraum namens Koloron“, „Der Ewigkeitssender“, „Im Parallel­raum“ und „Die schamlose Frau“ (letztere hier noch naiv als „Story“ begriffen… heute sind wir da alle schlauer).

Der Monat Februar erbrachte 12 vollendete Werke. Während ich hier die wirk­lich lange Archipel-Novelle „Begegnung mit dem Schicksal“ abschloss (immer­hin 102 Textseiten), kümmerte ich mich um diverse Glossare, arbeitete intensiv an KONFLIKT 9 weiter (und kam von den Vorskizzen bereits bis Band 8, und das schon im zweiten Monat der Schreibarbeit! Der Magellan-Zyklus, der erste die­ser Serie, riss mich definitiv regelrecht weg, auf tolle Weise) und wandte mich außerdem wieder dem KONFLIKT 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ (DM) zu. Das lag zweifelsohne an meiner intensiven Beschäftigung mit dem Roman „Eine scharf geschliffene Waffe“.

Außerdem gab es die noch in Arbeit befindliche Story „In der Hölle“, auch küm­merte ich mich ein wenig um den zweiten Teil des Roman-Subzyklus „Die Toten­köpfe 2: Durch die Ruinenwelten“. Aktuell wird ja der erste Roman dieses zeit­lich sehr weit gestreckten, in sich aber jeweils abgeschlossenen Subzyklus im Fanzine Baden-Württemberg Aktuell (BWA) sukzessive abgedruckt.

Anfang März 2011 beging ich dann in meiner begeisterten Eifrigkeit einen neu­en Fehler… indem ich eine weitere Baustelle eröffnete.

Oh nein, mögt ihr stöhnen, hatte ich davon denn nicht schon längst genug am Hals? Ja, durchaus, da stimme ich sofort zu. Dummerweise war und ist mir na­türlich auf der anderen Seite ebenfalls klar, dass es manche Baustellen daheim gibt, die dringend meiner Aufmerksamkeit bedürfen und die längst schon in ein digitales Format hätten übertragen werden sollen. Das hier war so etwas:

KONFLIKT 18 „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ (1984-1989), ins­gesamt 114 Episoden umfassend, wartete seit über 20 Jahren darauf, abge­schrieben und digitalisiert zu werden. Da die Anfangsepisoden alle sehr kurz waren, ging mir die Arbeit begreiflicherweise schnell von der Hand. Im Nu wa­ren die ersten fünf Episoden abgeschrieben, und ich dachte mir: geht doch phantastisch fix… nun, dass die Episoden zum Schluss hin mehr als fünfzehn Schreibmaschinenseiten haben würden, war mir zu diesem Zeitpunkt entfallen. In dem Moment, wo ich diese Zeilen hier schreibe, habe ich in der Abschrift zwar schon Band 100 der Serie erreicht, aber wohl verstanden: das alles fing im März 2011 an und hält mich darum schon fast sieben Jahre in Atem.

Manche Projekte im OSM brauchen wirklich viel Zeit.

Und es blieb ja auch nicht bei den kommentierten Abschriften. Während ich bei KONFLIKT 17 „Drohung aus dem All“ (DadA) allmählich aufs Ende zusteuerte und schon im Finalzyklus war – zweifellos ein Grund, warum ich meinte, mit ei­ner neuen Serienabschrift beginnen zu können – , werkelte ich natürlich auch an anderen OSM-Baustellen herum und schrieb daran weiter, mitunter nur ein oder zwei Seiten, aber es ging voran, und zwar in diesen Geschichten: „Ani und das Wolkenmädchen“, „In der Hölle“, „Die schamlose Frau“, „Auf Sklavenjagd“, „DER SIEGEL-KONFLIKT“ (dies ist die Romanfassung des KON­FLIKTS 18, und es ist unschwer zu vermuten, dass meine begonnene Abschrift dieser Serie mein Interesse an diesem Fragment neu befeuert hat), ich küm­merte mich zudem um „Die Intervention“.

Wenigstens letztes Werk ist inzwischen fertig… okay, seien wir nicht ganz so harsch. „Die schamlose Frau“ und „In der Hölle“ gibt es ja auch schon als E-Book.

Es ist wesentlich den kommentierten Abschriften zu verdanken, dass ich auf 17 fertig gestellte Werke in diesem Monat zurückblicken kann.

Als der Monat April anbrach, war ich dann wieder ohne Beschäftigung für die nächsten Monate. Aber die Erschöpfung der Aktenerschließung wirkte natür­lich, wie stets, nach, und so erbrachte ich in diesem Monat lediglich 11 fertige Geschichten. Darunter war allerdings am 3. April die Fertigstellung der kom­mentierten Fassung des KONFLIKTS 17, eine Reihe von Rezensionen und kom­mentierten Episoden.

Im Rahmen der „Annalen“ kam ich hier nicht wirklich vom Fleck, was auch dar­an lag, dass ich mich kurzzeitig verstärkt dem Archipel und dem Erotic Empire zuwandte, in denen ich an längeren Romanfragmenten und Kurzgeschichten weiterschrieb.

Der Mai brachte dann endlich die Fertigstellung des Romans „Die schamlose Frau“ plus dazu gehöriges Glossar, wenige Tage später beendete ich auch „In der Hölle“ plus Glossar. Danach versuchte ich mich – begreiflicherweise befeu­ert – an weiteren fragmentarischen „Annalen“-Werken. Ich kümmerte mich um „Quisiins letzter Fall“ und „Der Orgasmus-Symbiont“ (beide im noch nicht digi­tal erfassten KONFLIKT 16 „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“ (DMadN) spielend, eine der weiteren alten Baustellen, die ich oben andeutend erwähnte).

Auch kehrte ich mit wahrer Begeisterung – und dies war „In der Hölle“ zu ver­danken – ins Reich der INSEL in KONFLIKT 4 „Oki Stanwer – Der Insel-Regent“ (IR) zurück und schrieb hier in ungewöhnlich kurzer Zeit eine ganze Reihe neuer Episoden. Und ich kam mit kommentierten Episoden-Abschriften und Voraus­skizzen in KONFLIKT 18 immerhin schon bis Band 15, während ich sonst eine ganze Reihe von Archipel-Fragmenten wiederbelebte, um die es hier und jetzt aber nicht gehen soll.

Man sieht deutlich: viel zu viele Baustellen, selbst wenn ich auf manchen schon ordentlich vorwärts kam. Aber zwei fertige OSM-Novellen bzw. Romane und ei­nige neue Episoden halfen natürlich nicht, das generelle Problem abzustellen: zu viele verschiedene und parallele Arbeitsstränge nebeneinander. Ich hoffte, das würde ich alsbald abstellen können. Immerhin besaß ich jetzt genau das, was mir bislang grundsätzlich gefehlt hatte: Zeit.

Natürlich, ich befand mich monetär im freien Fall und hatte auch keinen An­spruch auf Arbeitslosengeld I (die Beschäftigung der Ostfalia war lediglich ein Werkvertrag gewesen). Aber ich ahnte ja schon mit Fug und Recht, dass ich im Herbst wieder in Lohn und Brot sein würde, daran arbeitete ich nämlich schon mit konzentrierter Energie… mit Erfolg, wie sich zeigen sollte.

Womit ich allerdings nicht rechnete, war, dass unmittelbar nach Abschluss des Gloria-Romans ein weiterer solcher Brocken auf mich zukommen würde, eben­falls dominiert von einem faszinierenden und kämpferischen Frauenwesen: ei­nem Matrixfehler namens Jaleena.

Davon und von allem, was sich in den folgenden Monaten noch so ereignete, erzähle ich beim nächsten Mal.

Soweit für heute – macht es gut bis nächste Woche.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 159: Killeralgen

Posted April 11th, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wieder einmal greife ich in das Romanregal, in dem sich ungelogen wirklich me­terweise die Romane von Clive Cussler und seinen Coautoren aneinanderrei­hen. Bekanntlich wird diese Reihe nach wie vor stetig länger. Während die heu­te erscheinenden Romane doch oft etwas sehr glatt und auf Geschwindigkeit geschrieben daherkommen, ist das mit diesen frühen Werken, für die wesent­lich Paul Kemprecos verantwortlich zeichnet, noch nicht der Fall. Der vorliegen­de Roman ist dafür ein schönes Beispiel – allein meine ausführlichen histori­schen Recherchen, die das Werk auslöste, zeigen, dass das Buch meine Gedan­ken doch sehr inspirierend ankurbelte. Das schon ist meines Erachtens Grund genug, sich den Roman zu Gemüte zu führen.

Freilich ist eine kleine Warnung vorweg angebracht, die ich aber auch in der Re­zension bereits zum Ausdruck gebracht habe: Wer denkt, es gehe hier um eine versunkene Stadt wie die legendäre „Stadt Z“ des Abenteurers Fawcett, und wir würden uns hier in einem tropischen Urwald wieder finden, wenn wir die „Lost City“ aus dem Titel des Romans besuchen, der sollte diesen Gedanken sogleich wieder begraben. Es geht, wie so häufig in NUMA-Romanen, zum tiefen Grund des Meeres. Und in die Alpen. Und es geht um den Ersten Weltkrieg, die alten Minoer und, im deutschen Titel passend, eine Algenpest.

Wie das alles zusammenpasst? Wer hier so grübelt, sollte weiterlesen:

Killeralgen

(OT: Lost City)

Von Clive Cussler & Paul Kemprecos

Blanvalet 36362, 2005

512 Seiten, TB

ISBN 3-442-360362-4

Aus dem Amerikanischen von Michael Kubiak

Französische Alpen, August 1914: Der reiche französische Industrielle Jules Fauchard kämpft um sein Leben – er befindet sich mit einem kleinen Einperso­nen-Flugzeug auf einem Geheimflug in Richtung Schweiz, um das Leben von „Millionen Menschen“ zu retten. Bei sich hat er Geheimdokumente sowie einen äußerst eigenartigen, beinahe antiken Helm. Als er von feindlichen Verfolger­flugzeugen angegriffen wird, setzt er ihn auf, um so sein Leben besser zu sichern, doch vergebens – Fauchards Flugzeug stürzt über den Alpen ab und verschwindet spurlos.

Blende: Neunzig Jahre später wird auf einer kleinen, namenlosen Orkney-Insel eine abstruse Reality-TV-Show gedreht. Jody Michaelson, eine der Teilnehme­rinnen, hat Glück im Unglück, als sie, weil sie der Rolle des „blonden Dumm­chens“ nicht entsprechen möchte, in Big-Brother-Manier aus dem Set gewählt wird. Kurz darauf ereignet sich nämlich ein unbegreiflicher, grässlicher Angriff auf die gesamte Crew, und nur ein Zufall will es, dass Jody den rotäugigen, monsterhaften Angreifern entgeht. Als sie später gefunden wird, glaubt ihr kein Mensch – dummerweise sind alle Teilnehmer der Show spurlos verschwunden.

Blende: Der Biochemiker Angus MacLean macht wohl verdienten Urlaub auf der Peloponnes, wenigstens sieht es auf den ersten Blick so aus. In Wahrheit ist der Schotte jedoch auf der Flucht. Er hat den Rückzugsort nach einem archäolo­gischen Urlaub vor ein paar Jahren gewählt und glaubt sich hier sicher… sicher vor seinem einstigen Arbeitgeber, einem multinationalen Konzern, der ihn als Teil eines größeren, geheimen biochemischen Projektteams beschäftigt hat. Die Arbeiten sind erledigt, das Team ist aufgelöst, doch nun erfährt MacLean von ei­nem Kollegen, dass seine anderen Kollegen nacheinander auf mysteriöse Weise ums Leben kommen, und ihm wird klar: das ist keine Unfallserie, das ist eine Mordserie. Dummerweise kann auch MacLean dem Schicksal nicht entgehen – doch die Killer entführen ihn nur, sie bringen ihn nicht um. Etwas Übleres steht ihm bevor…

Blende: Der Lac du Dormeur ist ein Hochgebirgssee in den französischen Alpen. Hier befindet sich ein Gletscher, der gewissermaßen für wissenschaftliche Zwe­cke unterkellert wurde, und hier treffen durch einen Zufall mehrere wissen­schaftliche und voneinander eigentlich unabhängige Unternehmungen zu­sammen. Während es den Glaziologen um Bernard LeBlanc darum geht, Glet­scherforschung in Zeiten der globalen Klimaerwärmung zu betreiben und von einem „Observatorium“ unterhalb des Gletschers dessen Strömungsverhalten zu beobachten, unterstützt das kleine türkisfarben gestrichene Boot der NUMA auf dem Lac die Archäologin Skye Labelle dabei, ihr eigenes Forschungsvorhaben zu verifizieren, das auf den ersten Blick abenteuerlich klingt.

Skye ist nämlich der Auffassung, dass die Handelsrouten durch Europa sich schon auf die Zeit der minoischen Hochkultur im Mittelmeerraum zurückführen lassen, also auf die Zeit um 2000 vor Christus. Dafür sucht sie entsprechende Belege, und sie meint, in dem Lac könnten sich die Reste einer entsprechenden Handelsstation erhalten haben, gut konserviert im eisigen Wasser des Gebirgs­sees. Der Gedanke ist immerhin interessant genug für Kurt Austin von der NUMA, ein kleines Tauchboot in das Gebirge zu transportieren und ihr als U-Boot-Fahrer zu sekundieren. Dass es dabei auch ein wenig funkt, braucht den Leser, der die Kurt Austin-Abenteuer kennt, nicht zu überraschen.

In der Tat machen sie eine beeindruckende Entdeckung im eisigen Wasser des Lac, aber Skye Labelle wird kurz darauf an Land zu Hilfe gerufen – im Gletscher ist die Leiche eines Mannes entdeckt worden. Der Leser ahnt schon, dass es sich um Jules Fauchard handelt und wird nicht enttäuscht… aber was sich dar­aus dann für ein Drama entwickelt, kommt doch eher ein wenig unerwartet. Kurze Zeit darauf befinden sich nämlich die Glaziologen, zu Besuch gekommene Journalisten und Skye Labelle in aussichtsloser Lage und in Lebensgefahr. Ihr Glück ist, dass Kurt Austin unbedingt darauf besteht, mit Skye die Einladung zum Abendessen in Paris einhalten zu wollen…

Zeitgleich werden Kurt Austins Freunde Paul Trout und Gamay Morgan-Trout von Sam Osbourne, einem Experten für Algenkunde am Marine Biological Laboratory (MBL) in Woods Hole dazu animiert, eine Tauchexpedition zu einem faszinierenden geologischen Phänomen am Grunde des Atlantiks zu begleiten. Dort ist eine neuartige, sich extrem schnell ausbreitende Alge aufgetaucht, der Dr. Osbourne den Namen Caulerpa Gorgonosa gegeben hat, die Gorgonenalge. Sie scheint ihren Ursprung in dem erwähnten Tiefseegebiet zu haben, das man „Lost City“ nennt und das im Jahre 2000 erstmals entdeckt wurde.

Lost City“ ist ein geheimnisvoller Ort, ebenso wie sein Name, der indes über­aus prägnant ist: wie am Mittelatlantischen Rücken, wo es in großer Tiefe hy­drothermale Kamine, die so genannten „schwarzen Raucher“ gibt, existieren in „Lost City“ analoge Kamine, die allerdings teilweise wegen einer Verlagerung der geologischen Aktivität erloschen sind. Manche von ihnen haben die Höhe veritabler Wolkenkratzer, so dass sich den Tauchbooten, die das Areal erstmals erforschten, der Anblick einer versunkenen Metropole bot. Daher lag der Name „Lost City“ irgendwie sehr nahe.

Paul Trout und seine Frau Gamay erhalten tatsächlich die Gelegenheit, mit der „Atlantis“ auf den Atlantik hinausfahrend, hier auf dem Meeresgrund in rund siebentausend Metern Tiefe mit dem berühmten Tauchboot „Alvin“, das schon die TITANIC entdeckte, die „verlorene Stadt“ zu besuchen. Zu ihrer Verblüffung finden sie aber auch gigantische Fahrspuren auf dem Meeresgrund, und wenig später verschwinden sie mitsamt ihrem Tauchboot auf rätselhafte Weise.

In Europa ist es Kurt Austin inzwischen gelungen, Skye Labelle zu retten, aber in ihrem Besitz befindet sich nun der geheimnisvolle Helm Jules Fauchards, und die Fauchard-Familie macht einige – durchweg mörderische – Anstalten, diesen Helm zurückzubekommen. Und kaum ist Kurt Austin mal kurz von Skyes Seite verschwunden, um der „Atlantis“-Expedition zu Hilfe zu kommen, verschwindet die Archäologin auch prompt, zusammen mit dem Helm.

Derweil breitet sich die Killeralge in einem geradezu monströsen Tempo auf dem Atlantik aus, und alle am Projekt beteiligten Wissenschaftler sehen sich ratlos, was schnelle Gegenreaktion angeht. Wenn ihnen nicht sehr schnell et­was sehr Intelligentes einfällt, drohen die Weltmeere sich durch die explosions­artige Vermehrung der Killeralge in einen einzigen gigantischen Algensumpf zu verwandeln, der alles sonstige Leben darin erstickt.

Niemand ahnt, dass das alles nicht nur ein biologischer Zufall ist, sondern ein überaus perfider Plan, der ausgerechnet mit einer abgelegenen Orkney-Insel, monströsen biologischen Experimenten und dem Traum der Unsterblichkeit zu­sammenhängt – und das würde auch beinahe alles zu einer grässlichen neuen Weltordnung führen, wenn da nicht ein paar wagemutige Männer und Frauen um Kurt Austin wären…

Wieder einmal legt das Autorengespann Clive Cussler und Paul Kemprecos einen interessanten, rasanten Action-Abenteuerroman vor, in dem sich moder­ne Thrillerelemente mit charmanten Allüre a la James Bond und historischen Rätseln vermischen. Cussler fährt mit derlei Mischung bekanntermaßen seit Jahrzehnten bestens und schafft es immer wieder in die Top Ten der Bestsellercharts. Auch die Tatsache, dass der mir vorliegende Roman bereits in vierter Auflage vorliegt, zeigt deutlich, dass das Rezept nach wie vor gültig ist und wirkungsvoll dazu. Von dem Entschluss, den Roman zu lesen, bis zum Ende der Lektüre vergingen bei mir gerade mal drei Tage, und deutlicher kann man nun wirklich nicht zeigen, wie lesenswert das Werk ist. Wer solche Romane schätzt, wird hiervon gewiss nicht enttäuscht werden.1

Gleichwohl gibt es gerade in meiner Person natürlich den „krittelnden“ Histori­ker, der stets geneigt ist, einige klar eruierbare Fakten nachzuprüfen. An einigen Stellen kann man dann auch deutlich erkennen, dass Kemprecos & Cussler sehr… nun… großzügig mit der Vergangenheit umgegangen sind, um sie in ihr Konzept zu pressen, das diesmal der gesellschaftsrelevanten Themen durchaus ermangelt und sich insofern von bisherigen Kemprecos-Romanen deutlich (aber nicht unbedingt negativ) abhebt.

Fangen wir mit Jules Fauchard an. Er bricht mit seinem Flug „im August 1914“ auf, und ein wesentliches Ziel seiner Mission, das kommt bald zu Tage, besteht darin, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu verhindern.2 Zu dumm nur, dass der Erste Weltkrieg am 1. August 1914 ausbrach, und damit eben nicht, wie im Roman erwähnt, „ein paar Tage nach Fauchards Flug“. Der 1. August lässt kei­nen Spielraum. Der Übersetzer (oder das Verlagslektorat) hätte darum gut ge­tan, den Flug Jules Fauchards einfach in den Juli zu verlegen.

Bleiben wir bei Jules Fauchard. Sein Flugzeug, eine nur etwas mehr als sieben Meter lange Morane-Saulnier – mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich ein histo­rischer Flugzeugtyp, ich bin kein Flugzeug-Historiker, um das nachprüfen zu kön­nen, aber Cussler kennt sich fraglos mit historischen Gefährten hinreichend auf, so dass wir ihm hier Glauben schenken können, vielleicht auch hinsichtlich des unrealistisch hoch scheinenden Flugtempos – ist mit einem Maschinengewehr ausgerüstet, das überdies die Fähigkeit besitzt, durch den Propellerkranz zu feuern.

Wer das heute für völlig normal hält, hat von der Entwicklung der Flugzeugwaf­fen im 20. Jahrhundert keine Ahnung. Ich wusste, weil ich mich schon seit lan­gem für den Ersten Weltkrieg interessiere, seit geraumer Zeit von dem Problem der Propeller-Synchronisation, und ich dachte mir sofort, als ich die Szene las: das ist doch erst viel später geglückt! Nach Beendigung des Romans schlug ich also in meinen Fachbüchern nach und las dort, dass meine Erinnerung mich nicht getrogen hatte: „Nachdem durch den in deutschen Diensten stehenden holländischen Ingenieur Anthony Fokker das technische Problem des Schießens in Flugrichtung mit entlang der Flugachse montierten Maschinengewehren durch den Propellerkreis gelöst worden war, konnten die deutschen Luftstreit­kräfte ab August 1915 (!) mit speziell für den Luftkampf entwickelten Jagdein­sitzern für acht Monate die Luftüberlegenheit an der Westfront erzielen.“3

Damit wird klar, dass es sich hier im Roman um eine der Handlungsdramaturgie geschuldete Variation der realen Geschichte handelt, die etwa folgendermaßen interpretiert werden könnte: Der Waffenhändler-Konzern der Familie Fauchard ist waffentechnisch den Mächten, die er in den Krieg schickt (!), schon weit überlegen und besitzt die Technologie, die für die Deutschen Monate später so wichtig werden wird, schon vor Kriegsausbruch. Wenn man sich allerdings die obige Information aus der Realität anschaut, hält die Romanbehauptung der Realität nicht stand. Man überlege sich: wenn die Fauchards (lies: die Franzo­sen) dergestalt überlegene Technik schon besessen hätten, wie hätten die Deut­schen dann acht Monate lang die Luftüberlegenheit erkämpfen können? Die Franzosen hätten mühelos nachziehen können. Aber Cussler und Kemprecos könnten natürlich argumentieren: ohne diese Technik wäre doch der schöne Luftkampf am Anfang des Romans nicht möglich gewesen. Stimmt. Und genau deshalb wird dieses Faktum auch notwendig entlarvend sein.

Dann möchte ich noch kurz auf die „lange“ Handlungslinie des Romans hinwei­sen, die ein bisschen gezwungen wirkt: Dass es antike Handelsrouten zwischen den Mittelmeerländern und etwa der Nordsee, England und Schottland gab, ist historisch nachgewiesen, dazu bedurfte es nicht des namenlosen Toten auf dem Ötztaler Joch. Es gibt zahlreiche Metall- und sonstige Funde, die durch Isotopenanalyse eindeutig zeigen, dass sie aus dem nordeuropäischen Raum stammen, es hat auch unbestreitbar kulturellen Transfer gegeben, etwa zur Zeit der Megalithbauer mehrere tausend Jahre vor Christus. Infolgedessen ist es absolut nahe liegend, anzunehmen, dass solche Handelsrouten Stützpunkte besessen haben, die bis heute vielleicht nur noch nicht aufgefunden wurden.

Wenn man sich zudem die Pfahlbausiedlungen am Bodensee oder in Schweizer Gewässern ansieht, ist elementar, dass diese Region zur fraglichen Zeit wohl als gut besiedelt betrachtet werden kann. Es gab gut etablierte Dorfgemeinschaf­ten und weit gespannte, überregionale Handelsnetze. Ob diese aber, wie im Ro­man suggeriert, von der minoischen Kultur ausgingen, kann durchaus bezwei­felt werden. Kontakte in den minoischen Raum, d. h. nach Kreta, bestanden al­lerdings ziemlich sicher, das kann man aus Quellen des Mittelmeerraumes, na­mentlich aus Ägypten und Kleinasien, deutlich erkennen.

Ein wenig gezwungen wirkt dann, dass sowohl die Expedition in den Lac du Dor­meur eine solche Verbindung nachweist als auch die Familiengeschichte der Fauchards in diese Richtung weist. Racine Fauchard, die Regentin des Fauchard-Clans (der übrigens verblüffend klein für einen Clan ist, das ist m. E. ein definiti­ver Nachteil des Romans, der Clan wirkt unglaubwürdig, und die Verbindung mit Edgar Allan Poe (!) ist dann sowohl bizarr wie amüsant, und dies bis zum Schluss… nein, das Geheimnis soll nicht vorweggenommen werden, das wäre nicht klug), führt ihre Familienlinie nämlich dann ausgerechnet auf die alten Mi­noer zurück, die – dem Roman zufolge – durch die Explosion des Vulkans der In­sel Santorin untergegangen sein sollen.

Letzteres ist leider dann wieder das Referieren veralteten Wissens. Die These, dass der Ausbruch des Vulkans auf der Insel Santorin/Thera im Bereich der Ky­kladen die minoische Kultur insbesondere auf Kreta zum Zusammenbruch brachte, ist indes nicht mehr aktuell. Heute gehen Forscher davon aus, dass etwa Tsunami-Wellen, die der Ausbruch zweifellos auslöste, von der Insel Dia vor der Nordostküste Kretas abgelenkt wurden, Aschenregen habe Kreta weit­gehend verschont.4 So reizvoll und offenkundig nahe liegend also die Vermu­tung auch sein dürfte, die Paläste von Knossos usw. auf Kreta seien durch den Ausbruch des Vulkans von Santorin um 1500 vor Christus zerstört worden, so unzutreffend ist das doch mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Was zweifelsohne näher an die Wirklichkeit herankommt, ist eine langfristige klimatische Störung, die die Eruption auslöste, was wirtschaftliche Probleme der Region verschärfte und den mykenischen Invasoren, die schon das griechi­sche Festland eroberten, eine Möglichkeit bot, nach Kreta überzusetzen und ih­ren Eroberungszug hier fortzusetzen. Dies ist die wesentlich plausiblere Begrün­dung für den Niedergang des minoischen Reiches. Aber solche Langzeit-Begrün­dungen sind natürlich für Abenteuer-Autoren, die namentlich für den amerika­nischen Markt schreiben, zu komplex und zu „unspannend“, als dass sie als plakative Erklärung herangezogen werden könnten. Cussler & Co. erweisen sich hier manchmal als Anhänger ausgesprochener Kurzschluss-Gedanken.

Gleichwohl, dies alles sind natürlich kritische Anmerkungen, die jemand macht, der die Geschichte an sich zu seinem Arbeitsfeld gemacht hat, und die meisten Leser des Romans werden von derlei Gedanken eher nicht tangiert werden. Für sie gilt: das Buch ist spannendes Lesefutter, sehr unterhaltsam und an vielen Stellen zudem ausgesprochen witzig. Ich sage dazu nur: auf ins Vergnügen!

© 2012 by Uwe Lammers

In der kommenden Woche wird es dann wieder magisch, wenn ich mich an die­ser Stelle um den sechsten Teil der Harry Potter-Serie kümmere. Aber langwei­lig wird’s dabei gewiss nicht, wie ihr euch vorstellen könnt.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Man sollte sich natürlich sowohl vom deutschen wie vom amerikanischen Titel nicht irreführen lassen. So­wohl „Lost City“ irritierte mich als Leser ein wenig, weil das nur einen recht kleinen Teil der Handlung aus­macht, die „Killeralgen“, die dann der Verlag als Titel wählte, entsprechen noch weniger dem hauptsächli­chen Romaninhalt, und das Titelfoto ist ohnehin ganz irreführend, wie so oft.

2 Dass er dabei an „Millionen Tote“ denkt, ist übrigens absurd. Kriege waren damals nicht so dimensioniert, dass man in solchen Größenordnungen dachte. Die „Vorlagen“ für künftige europäische Kriege waren der deutsch-französische Krieg von 1870/71 oder die Balkan-Kriege aus den ersten 14 Jahren des 20. Jahr­hunderts, eventuell auch noch der Amerikanische Bürgerkrieg und der Krim-Krieg aus den 1850er-Jahren. In keinem dieser Konflikte wurde die Millionengrenze an Verlusten auch nur näherungsweise erreicht. Und so­wohl die deutsche wie die französische Seite rechneten anfangs nicht mit einem Krieg, der wesentlich länger als 4 Wochen dauern würde, womit sie klar 1870/71 als „Blaupause“ benutzten. Wenn die Autoren (oder der Übersetzer) an den „Millionen Toten“ festhielten, argumentierten sie damit klar aus der Gegenwart her­aus vor der Hintergrundfolie des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Das geht so natürlich seriös nicht.

3 Vgl. dazu Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003, Artikel „Luftkrieg“ von Wolfgang Schmidt, S. 689.

4 Vgl. dazu Walter L. Friedrich: „Feuer im Meer. Der Santorin-Vulkan, seine Naturgeschichte und die Atlantis-Legende“, München 2004.

Liebe Freunde des OSM,

manchmal fallen die Ideen geradewegs aus heiterem Himmel… wie eben gera­de. Dies ist also ein Blogartikel, der so ad hoc entsteht, dass ich ihn noch nicht mal in meinen handschriftlichen Listen verzeichnet habe – ihr müsst dazu wissen, dass ich grundsätzlich für meine Blogartikelplanung eine handschriftli­che Liste führe, die 11 Positionen je Seite erlaubt. Darin halte ich die Nummer, den Titel des Beitrags, das Schreib- und Publikationsdatum fest. Aktuell (wir schreiben den 26. Oktober 2017, auch wenn dieser Beitrag erst am 8. April 2018 erscheinen wird) reicht der Planungshorizont exakt bis Beitrag 265, damit endet meine letzte Planungsseite.

Und nun flammte in mir diese Überschrift in mir auf, und da alle vorherigen Blogartikelfelder schon fertig verplant sind, muss das halt Nr. 266 sein. Wow, dachte ich mir da eben, als ich lachend den Titel handschriftlich notierte – ich schrieb zu der Zeit noch an Blogartikel 254 – , soweit vorausgeplant habe ich mit den Blogartikeln wirklich noch nie, jedenfalls meiner Erinnerung zufolge. Wieder mal eine Premiere, Ausfluss meiner aktuell schön lodernden kreativen Aktivität, die nach zwei Monaten Krankheit einiges nachzuholen hat.

Ihr wisst, um gleich zum Thema zu kommen, dass das mit dem Tod im OSM so eine Sache ist. Ihr erinnert euch an „In der Hölle“, wo der Techno-Feinme­chaniker Hanamanjin auf TOTAM umkommt, aber dafür ewiges Leben in eigen­artiger Form gewinnt. Ihr erinnert euch, wenn ihr BWA-Leser seid, an die un­glücklichen Existenzen von Totenköpfen, und ihr wisst auch von dem „Wander­arbeiter“ Shush im Roman „Mein Freund, der Totenkopf“.

Außerdem aber, und das nähert sich dem, worum es heute gehen wird, deutlich stärker an, an die Yantihni-Soldatin Jaleena, die unvermittelt aus einer tödlichen Situation in eine vollkommen traumatisierende neue Umgebung geschleudert wird und beim besten Willen nicht begreift, warum sie noch am Leben ist (vgl. dazu den Annalen-Band „Jaleenas zweites Leben“).

Ja, wir sind bei Matrixfehlern angelangt, ganz richtig.

Wesen oder Dingen, „die es nicht mehr geben dürfte“, um einen gründlich trau­matisierten Matrixfehler namens Graaleed zu zitieren, den ihr beizeiten noch sehr viel besser kennen lernen werdet… und glaubt mir, das ist gar nicht mehr so fern, das Cover für dieses E-Book liegt sogar schon vor. Aber um ihn geht es heute (noch) nicht.

Bis dieser Blogartikel erscheint, sind eine Reihe von Protagonisten der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) im Xoor’con-System umgekommen. Das ist leider unvermeidlich und zeugt deutlich davon, wie gefährlich und töd­lich das Terrorimperium der Troohns ist und wie rücksichtslos es über Leichen geht, um seine Ziele zu erreichen.

Als ich den Band 29 der TI-Serie schrieb und diese Protagonisten umbringen musste, tat es mir in der Seele weh, und ich dachte wehmütig: Verdammt, gera­de habe ich mich an die Leute gewöhnt und genauer beschrieben, als ich es weiland im Jahre 2004 in der Episodenserie getan habe… und schon sind sie wieder weg. Verweilt doch noch eine Weile, hätte ich am liebsten gerufen. Aber es ging nicht…

Moment.

Es ging nicht?

Verdammt, wir sind im OSM! Natürlich geht das!“, begriff ich wirklich gerade­wegs einen Moment später. Und dann machte ich einen gedanklichen Sprung über 10 Milliarden Handlungsjahre… und erweckte zwei der Toten zu neuem Leben. Wie ich das machte? Nun, das lest ihr am besten mal kurzerhand selbst nach (Vorsicht, das ist die Rohtextversion, sie enthält außerdem informelle Ma­trixfehler, die in Widerspruch zu TI 29 „Die Nomaden von Twennar“ stehen. Das ist Absicht):

Planet Gwai’insh, 3. Neerek 440 yantihnischer Zeitrechnung

Es war die Hölle.

Es war die Hölle, und sie beide waren darin verloren, dem Tode geweiht.

Die Umgebung, in der sich die beiden Forscher des yantihnischen Expeditionsschiffes RHONSHAAR aufhielten, hatte von Anfang an aus begreiflichen Gründen keinen anheimelnden Eindruck hinterlas­sen können. Sie waren mit dem Beiboot RHON-1 auf der heute sturmumtosten einstigen Hauptwelt des tassaiischen Imperiums gelandet, Gwai’insh, die von den so genannten „Planetenplünderern“ in eine einzige, lebensfeindliche Schuttwüste verwandelt worden war, in der fast buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen stand. Der Anblick allumfassender, vollständiger Verwüstung brachte jeden klaren Gedanken zum Absterben, wenn man nur einen Moment zur Reflexion innehielt.

Man konnte irre werden an dieser Welt.

In den Ruinen einer großen tassaiischen Metropole hatten der kleinwüchsige, kompakte Technik­wissenschaftler Rhangoor und seine Teampartnerin, die quirlige, geschmeidige Biologin Ilaarin, die ihm gelegentlich durch ihren Eifer und ihr Temperament ziemlich auf die Nerven ging, nach In­formationen gesucht. Und hier waren sie beide wie auch die beiden Pilotinnen Chivaani und Anidaa an Bord der RHON-1 sowie die Angehörigen der beiden anderen Wissenschaftlerduos, von einem energetischen Schockimpuls überrumpelt worden, der ihre Anzüge kurzzeitig völlig ausfallen ließ.

Als die Anzüge wieder ihre Notfunktionen reaktivierten und die Beleuchtung und die Belüftungs­systeme hochfuhren, da starrte Ilaarin Rhangoor aus weit aufgerissenen Augen an.

„Rhan… was um alles in der Welt WAR das?“ Ihre Stimme klang auf einmal dünn und kläglich und weckte tatsächlich in dem sonst hartschaligen Technikwissenschaftler Mitgefühl und den Wunsch, sie beschützend zu umfangen. Mit den Ganzkörperanzügen, die eben während der Deaktivierungsphase völlig starr gewesen waren, ließ sich das natürlich nicht realisieren.

„Gütiger Quin, Mädel… ich fürchte, das ist der Ernstfall.“

„Ernstfall… Ernstfall…?“ Ihre schönen Augen wurden noch größer, als sich jähes Begreifen und Ent­setzen hineinschlich. „Nein! Rhan… nein!“

Der Wissenschaftler Xolwaarid an Bord des Mutterschiffes hatte kürzlich gesagt, es müsse damit gerechnet werden, dass jene grässlichen Wesen, die man nur „Planetenplünderer“ nannte, weil man nicht wusste, dass ihr Volksname „Troohns“ lautete, jene Kreaturen also, die das gesamte tassaiische Reich ausgelöscht hatten, an den Schauplatz ihres Verbrechens zurückkehren würden.

Deshalb hätten sie 2208 turmhohe Maschinenkomplexe in die Planetenkruste von Gwai’insh ge­schossen.

Deshalb hätten sie die anderen Planeten auf unvorstellbare Weise zur Hälfte mit gigantischen Schachtsystemen durchlöchert.

Vorbereitung für die endgültige Ausbeutung des Systems.

Kommandant Khaalnech von der RHONSHAAR gab daraufhin Befehl, mit höchster Geschwindigkeit und so vorsichtig wie nur irgend möglich (eigentlich ein Widerspruch in sich) das System zu explorie­ren, Daten zu sammeln, sich aber immerzu bereit zu halten, um flüchten zu können.

Denn sie wussten genau – wenn diese mörderischen Wesen zurückkehrten, würden sie keine Chan­ce darauf haben, hier zu entkommen. Die Materialisierung der fremden Einheiten löste in der Regel einen hyperenergetischen Schockimpuls aus, der die meisten höheren Systemfunktionen yantihnischer Bordsysteme ausschaltete. Inzwischen waren sich die yantihnischen Forscher sehr sicher, dass das, was man auf ihrer gut 2000 Lichtjahre entfernten Forschungswelt Shoylon als kosmische, seltsame Beben angemessen hatte – weswegen diese Region auch „Bebenzone“ genannt wurde – , in Wahrheit Gefügeerschütterungen dieser mondgroßen Feindeinheiten gewesen waren. Die Korrelationen, die in­zwischen gesammelt worden waren, ließen hier keinen signifikanten Interpretationsspielraum.

Und jetzt, da war sich Rhangoor vollkommen sicher, war der „Ernstfall“ eingetreten.

Die Feinde waren zurückgekehrt.

Der Funktionsausfall der Anzüge war ein klares Zeichen.

„Schau nach der Drohne“, ordnete er kurz an. „Ich fürchte, sie ist hinüber.“

Die sie begleitende runde Schwebedrohne übertrug die telemetrischen Standortdaten an die RHON-1 und ermöglichte außerdem den Funkkontakt zum Landeboot.

Ilaarin tat wie angeordnet und gab schnell Rückmeldung: Die Schwebedrohne war während des Schockimpulses abgestürzt und war völlig hinüber. Schlimmer noch, sie war in einen Spalt zwischen den Trümmern gerutscht und lag so weit unten in der engen Kluft, dass sie beim besten Willen nicht herankam.

„Meine ganzen gesammelten Daten, Rhan… bitte, wir müssen die Drohne bergen! Denk doch an die darin gespeicherten Daten… an die Proben!!“, jammerte Ilaarin.

„Wir tun gar nichts dergleichen. Und wir bewegen uns jetzt auch nicht vom Fleck!“, widersprach er automatisch. „Chivaani oder Anidaa werden uns suchen, und in dieser Trümmerwildnis finden sie uns nur an dem Ort unseres letzten Peilsignals. Das verstehst du doch, oder?“

Ilaarin starrte ihn ängstlich an, dann die zerborstenen Ruinen ringsherum, deren monströse Trüm­merreste kreuz und quer verstreut lagen wie die Spielsteine eines Riesen. Man konnte ihnen in dem trübe gelblichen Licht, das durch die dichten Staubwolken drang, nicht mehr wirklich ansehen, wie sie einst in alter Pracht ausgesehen hatten. Sie kam sich völlig verlassen vor.

„Hier warten?“, wimmerte sie.

„Ja.“ Rhangoor merkte, wie ihre Fassung zusehends bröckelte. Das ging ihm nahe. Ilaarin war doch sonst so eine energische Person, die genauestens wusste, was sie wollte und wie sie ihren Willen durchzusetzen vermochte. Jetzt löste sich diese zur Schau gestellte Maske überraschend schnell auf. Er breitete die Arme aus, weil er das echt nicht aushielt. „Ach, komm schon. Wir werden das hier über­stehen. Ich verspreche es dir!“

Seltsamerweise war es trostreich, sich in Rhangoors Arme zu begeben, auch wenn die klobigen An­züge jedwede romantische Anwandlung von vornherein unterbanden.

Sie waren immer noch eng umschlungen, als bald darauf heftige Erdstöße einsetzten und ein infer­nalisches Tosen und Brausen ringsum anhob.

„Rhan! Was ist das?“, schrie sie entsetzt auf.

„Ich habe keine Ahnung!“, rief er zurück.

Das entsprach nicht restlos der Wahrheit, aber er wollte Ilaarin nicht zusätzlich ängstigen.

Er sah, wie gleißende, rötliche Energieblitze über die höheren Trümmerbastionen ringsum zu tan­zen begannen, und sein bisher zur Schau gestellter Optimismus verdampfte erschreckend schnell.

Er dachte an die stabförmigen, turmhohen Maschinenkomplexe in der Planetenkruste.

Er dachte daran, dass die „Planetenplünderer“ wieder da waren, um ihr Vernichtungswerk zu vollenden.

Was, wenn die RHON-1 immobil war durch den Energieschock?

Was, wenn niemand kommen würde, kommen KONNTE, um sie zu retten?

‚Nein. Nein, das will ich nicht glauben! Ich kann das nicht glauben!’, dachte er schockstarr, wäh­rend er sich an Ilaarin ebenso festklammerte wie sie an ihm. ‚Es darf nicht so enden, es darf einfach nicht…’

Das rote Glühen wurde immer stärker, ein Dröhnen breitete sich durch die Trümmerkulisse aus, das immer stärker wurde, je mehr Erschütterungswellen durch die verheerte Landschaft gingen. Ruinen begannen lautstark in sich zusammenzubrechen. Der Boden zuckte, und von überall her rieselten klei­nere Schuttlawinen in die trümmerbedeckten Straßen und Gassen der zerstörten Stadt. Rhangoor konnte zusehen, wie ihre Anzugbeine von immer mehr leichtem Trümmergrus verschüttet wurden, ge­radezu atemberaubend schnell. So, als löste sich die ganze Ruinenkulisse vor ihren Augen in krümeli­ges Sediment auf, das sie gleich Treibsand zu verschlingen anschickte. Und, verdammt, sie konnten hier nicht weg – wegen ihres letzten Telemetriesignals. Wenn sie von hier verschwanden, würden die Pilotinnen sie nie finden. Dann waren sie so gut wie tot.

Aber wenn sie hier blieben, kamen sie womöglich auch um.

Doch vielleicht war das so oder so ihr Schicksal?

Ilaarins Augen waren feucht und geweitet, und Tränen der schieren Verzweiflung liefen ihr über das schöne, zuckende Gesicht. Sie konnte ihn nur wortlos anstarren, wissend, was das bedeutete.

Er wusste es selbst auch.

Es war vorbei.

Dies würde das Ende ihres Lebens sein.

Verdammt noch mal!

‚Ilaarin, ich wünschte, ich hätte mich nicht so ungeduldig dir gegenüber verhalten, das war absolut unverzeihlich… ich wünschte…’

Das war sein letzter Gedanke – dann sah er, nach oben blickend, den riesigen Schatten eines um­stürzenden Ruinenpfeilers, der sicherlich einige hundert Tonnen wiegen musste. Ausweichen war un­möglich.

Er schloss die Augen…

*

Irgendwo, irgendwann, sicherlich nicht Gwai’insh

…und irgendwie war es doch nicht das Ende.

Rhangoor spürte einen heftigen Schlag, der ihn von der Seite her traf und merkte, wie sich der Griff seiner Gefährtin wider Willen ruckartig und unvermittelt löste. Er hörte ihren schluchzenden Aufschrei, schrie selbst zutiefst erschrocken auf, griff verzweifelt ins Leere… dann rutschte er irgend­wie haltlos einen Hang herunter, schrie einmal mehr erstickt auf… und seine Anzugsysteme fielen mal wieder komplett aus.

Starr wie eine in Stahl gehüllte Puppe, sicher versiegelt in seiner Miniaturkapsel des Anzugs krachte der yantihnische Technikwissenschaftler hart gegen irgendein Hindernis, was ihm jeden Ori­entierungssinn und alle klaren Gedanken raubte. Er wurde hilflos herumgeschleudert und blieb nach einer Weile des Weiterschlitterns irgendwo anders benommen liegen.

Er hatte gar keine Vorstellung, wie lange er so bewegungslos dalag, die Gedanken völlig konfus und verstört. Sein hämmernder Herzschlag beruhigte sich nur sehr langsam, sein keuchender Atem brauchte eine schiere Ewigkeit, bis er allmählich wieder so etwas wie einen normalen Rhythmus er­langte.

Rhangoor begriff allerdings gar nichts.

Was um alles in der Welt war passiert?

Was war hier eigentlich los?

Er vermochte es nicht zu sagen.

An einen solchen Hang konnte er sich jedenfalls in der Ruinenstadt der Tassaier nicht erinnern, da war alles mehr oder minder ebenerdig gewesen – mit Ausnahme der durch die gewaltsame, künstli­che Tektonik ausgelösten Risse und Spalten in den Fundamenten. Aber so ein Hang…? Nein. Das hätte er wirklich gewusst.

Das machte die Angelegenheit nur noch schleierhafter.

Als sich die Notsysteme des Anzugs dann mit misstönenden Lauten reaktivierten, als sträubten sie sich gegen ihren Einsatz, da empfand Rhangoor zunächst Erleichterung. Dann las er die übermittelten Daten der Außenweltsensoren… und verstand die Welt ringsum noch viel weniger als zuvor. Es klang einfach nur verrückt, was er von den stummen Anzeigen ablas, aber es stimmte tatsächlich: je mehr er erfuhr, desto bizarrer wurde alles, bis es gar keinen Sinn mehr ergab.

Die beschränkten Notanalysegeräte des Anzugs signalisierten ihm nämlich, dass sich die Umwelt­bedingungen ringsum vollständig verändert hatten. Statt eine sauerstoffarme, mit stark kontaminier­tem Staub gesättigte Umgebungsluft wie auf Gwai’insh vorzufinden, schien die Umgebung vielmehr yantihniverträgliche Sauerstoff- und Stickstoffwerte zu besitzen, auch temperaturmäßig ließ es sich durchweg aushalten. 27 Grad positiv, 72 % Luftfeuchtigkeit.

„Das ist unmöglich“, murmelte er ungläubig.

Ein Schluchzen in seinem Funkempfänger ließ ihn aufhorchen.

Oh Gott, es war so ein vertrautes Schluchzen!

„Ilaarin! Ilaarin, Liebes… wo steckst du?“, rief er alarmiert.

„Ich… oh, gütiger Quin, Rhan… Rhan… ich dachte, ich sterbe… ich dachte, DU bist tot… ich… ich…“ Ihre erstickte Stimme versiegte in einem neuen Tränenanfall.

Rhangoor bemühte sich, seiner Stimme etwas Festigkeit zu geben, um Zuversicht zu verbreiten. Er fühlte sich zwar derzeit überhaupt nicht danach, aber das konnte er Ilaarin nun gewiss nicht sagen. Was sie jetzt brauchte, war Konzentration, Stärke, Sicherheit. Die konnte nur er ihr bieten, wenigstens kraft seiner Stimme. „Wo bist du?“

Weit weg sein konnte sie jedenfalls nicht. Die Anzugkommunikation trug keine 150 Neen weit. Die Verbindung war zwar ein wenig gestört, aber das lag sicherlich an der zwischen ihnen liegenden Di­stanz und irgendwelchen Hindernissen dazwischen.

„Ich… ich habe keine Ahnung“, wimmerte die Biologin nach einer Weile des beharrlich wiederhol­ten Nachfragens. Sie rang immer noch hörbar um Fassung und klang wirklich ganz und gar aufgelöst. Das weckte sofort seinen Beschützerinstinkt.

„Bist du verletzt?“

„Verletzt…? Nein… nein, ich glaube… nein, ich denke nicht… ich weiß nicht…“ Sie wimmerte schon wieder.

Du lieber Himmel! Das Mädel war ja völlig durch den Wind!

So, jetzt seid ihr in der Gegenwart angekommen, Freunde – und ich glaube, es kann euch nicht wirklich überraschen, dass ich, als ich an meinem Geburtstag, dem 17. Oktober 2017, jählings in diesem Setting „aufwachte“, wie ich es mal nennen möchte, hieran sogartig weiterschreiben musste.

OSM-Eingeweihte, die den Jaleena-Roman gelesen haben, wissen, was passiert ist: Rhangoor und Ilaarin SIND natürlich auf Gwai’insh in KONFLIKT 2 gestorben. Und sie leben nun ihr rätselhaftes zweites Leben als Matrixfehler und befinden sich in einer Umgebung, die im so genannten KONFLIKT 4 des OSM liegt. Ja, richtig, es ist das INSEL-Universum.

Der Ort, an dem sie materialisiert sind, befindet sich im Innern der so genann­ten „Wirbelzone“ jenseits der INSEL-Grenzen. Fehlersucher des Baumeisters Naam untersuchen dieses Phänomen zurzeit und haben jüngst eine Flotte von Havaristen entdeckt. Diese Havaristen sind Nadelschiffe der Allis aus KONFLIKT 2 – Reste des energischen letzten Vorstoßes der Alli-Streitkräfte unter Oki Stan­wer höchstpersönlich, um TOTAM auszuschalten, das Herz des Terrorimperiums der Troohns (beizeiten werde ich dazu in KONFLIKT 2 Näheres schreiben, dann lernt ihr solche Dinge wie die Seelenarche des Baumeisters Quin, die Sturmfes­tungen und die STERN VON ALLKOOM, Oki Stanwers Flaggschiff, näher kennen).

Von all diesen Dingen haben Rhangoor und seine Gefährtin, die Biologin Ilaarin, die sich leidenschaftlich lieben lernen werden, noch keine Ahnung. Sie wissen auch nicht, dass sie eine wichtige Rolle in der Endauseinandersetzung von YAL­VASHINGAR, des Reiches der Zwergengöttin, spielen werden.

Die „Zwergengöttin“ bringt in euch etwas zum Klingeln? Oh, sehr mit Recht, meine Freunde. Und ihr kennt sowohl sie als auch die Zwerge. Schwarze Huma­noide mit großen Schädeln? Und eine bezaubernde, kleinwüchsige Humanoide mit katzenhaft grünen Augen?

Wahr – wir sprechen über Vaniyaa, die yantihnische Linguistin aus KONFLIKT 2.

Oder fast.

Denn auch diese Vaniyaa ist ein Matrixfehler, wie ihr beizeiten entdecken wer­det – ein Matrixfehler der blutrünstigen Art, leider, und ermordete Allis und Terror kennzeichnen ihren Herrschaftsweg in YALVASHINGAR.

Müssen wir die beiden Yantihni in ihrem neuen, zweiten Leben bedauern? Ich fürchte es fast, ja… aber sie haben ja eine schlagkräftige Verbündete an ihrer Seite: die Kriegerin. So lautet auch der Titel des 37. Bandes der Serie „Oki Stan­wer – Der Insel-Regent“ (IR), den ich in echter Rekordzeit fertig gestellt habe.

Well, selbstverständlich ist das ein Wagnis, und zwar deshalb, weil IR 37, genau genommen, der Mittelteil einer zweiten Trilogie ist, die mit Band 30 „Der letzte Flug der STERN VON ALLKOOM“ begonnen worden ist. Die restlichen Bände sind bislang nur skizziert. So ein bizarres Abenteuer habe ich bislang noch nicht gewagt. Aber es ist spannend und beeindruckend, wie toll ausformuliert der Gedanken-Bilderstrom schon ist. Ich stecke nicht umsonst relativ dicht vor dem Ende des KONFLIKTS 4.

Natürlich wird es noch geraume Zeit dauern, bis ihr das zu lesen bekommen könnt… in der nachgeschliffenen, bereinigten Version. Aber es ist ganz gewiss, dass ich euch in Bälde weitere Einzelheiten aus KONFLIKT 4 mitteilen kann. Wie weit ich darin gediehen sein werde, bis dieser Beitrag vor euer lesendes Auge tritt, ist mir noch nicht klar, aber es scheint mir ohne weiteres möglich, dass KONFLIKT 4 dann bereits weitgehend abgeschlossen ist. Ich bin da ja schon er­staunlich weit gekommen.

Ja, mir ist bewusst, dass das hier prinzipiell ein Eintrag der Art „Logbuch des Au­tors“ gewesen wäre. Aber dafür war es definitiv noch nicht an der Zeit, außer­dem ist die entsprechende Episode ja nun auch bereits Vergangenheit, somit also kein aktuelles „Work in Progress“ wie in den sonstigen Fällen, wenn ich im „Logbuch“ darüber referiere.

Insofern also mal wieder, soweit ich das sehen kann, eine Premiere. Ich halte es nicht für unmöglich, beizeiten wieder derartige Zitatblenden aus aktuellen Epi­soden zu bringen… mal schauen, welches OSM-Universum es als nächstes er­wischt. Ich habe noch keine Vorstellung davon.

Und da wir uns eben am äußersten Rand der Blogartikelplanung befinden, ver­mag ich wirklich noch nicht zu sagen, was ihr nächste Woche an dieser Stelle er­leben werdet – da müsst ihr euch einfach überraschen lassen.

Bis nächste Woche, Freunde!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 158: Sherlock Holmes und die Zeitmaschine

Posted April 4th, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wie alle Leser meines Blogs seit langem wissen, zähle ich mich – wie sicherlich auch viele von ihnen – zu den Fans des großen „beratenden Detektivs“ Sherlock Holmes, der sicherlich die einflussreichste Schöpfung Sir Arthur Conan Doyles im Bereich der Literatur ist. Im Vergleich zu ihm ist doch etwa ein Professor Challenger eher zu vernachlässigen. Die Konsequenz, ihr wisst es, ist begreiflich: Epigonentum.

Wie, es gibt keine Holmes-Geschichten mehr?“ „Wie, der Autor ist tot, es gibt keinen Nachschub?“ – eine Zumutung im Zeitalter der steten Nachfrage. So ent­stehen stetig neue Werke „toter“ Autoren, wir kennen das etwa im Fall von Ro­bert Ludlum, der schon lange unter der Erde liegt und dessen Epigonen un­ablässig neue Werke produzieren. So verhält es sich traditionell seit Jahrzehn­ten auch mit Sherlock Holmes und seinen Fällen.

Besonders reizvoll ist es hier, den strikt rationalen Holmes in Abenteuer zu stür­zen, die eben des Rationalen entbehren. Ich habe solche Geschichtensammlun­gen schon gelesen und rezensiert.1 Hier haben wir erneut ein derartiges Werk vorliegen. Der Autor Ralph E. Vaughan bringt Holmes in Verbindung mit Herbert George Wells und seinem Zeitmaschinen-Thema. Was dann geschieht, ist be­merkenswert.

Inwiefern? Nun, lest einfach mal weiter:

Sherlock Holmes und die Zeitmaschine

(OT: Sherlock Holmes and the Coils of Time)

von Ralph E. Vaughan

Blitz-Verlag 3001

Windeck 2012

208 Seiten, TB

ISBN 978-3-89840-323-8

Preis: 12,95 Euro

Aus dem Amerikanischen von Hans Gerwien und Andreas Schiffmann

Sherlock Holmes wird von den Epigonenautoren gern in unmögliche Situatio­nen gebracht, in die sein Erschaffer, der nachmalige Sir Arthur Conan Doyle, ihn zweifelsohne nie guten Gewissens geführt hätte. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass solche Settings von vornherein zu verwerfen und die Intentionen nachge­borener Autoren, die im Sherlock Holmes-Kosmos tätig werden wollen, zu ver­urteilen wären. Ich wäre der Allerletzte, der dies täte, liegt doch in meinen Fragmentordnern auch eine begonnene Holmes-Geschichte, in der ich ihn in di­rekten Kontakt mit meiner eigenen kreativen Welt, dem Oki Stanwer Mythos (OSM) bringe.

Dennoch… es ist stets eine Gratwanderung, ein Sich-aus-dem-Fenster-Lehnen, und es kann schrecklich schiefgehen, wenn man als Verfasser die auktoriale Per­spektive aus dem Blick verliert, wenn man vom „Standardpersonal“ abweicht bzw. ahistorische Protagonisten einführt oder eben leichtsinnig seiner eigenen Phantasie die Zügel schießen lässt. Das ist ein waghalsiges Unterfangen, und nicht jeder ist sich darüber vollends im Klaren (was auch für die Verleger derar­tiger Geschichten gilt, weswegen es ja leider eine Vielzahl außerordentlich miss­ratener oder sehr mittelmäßiger Holmes-Epigonen-Werke gibt). Eine solche Gratwanderung hat also der amerikanische Autor Ralph E. Vaughan vollführt, indem er die vorliegende Geschichte erzählte. Er bringt hier – durchaus nicht ohne Raffinesse – den Holmes-Kosmos in Kontakt mit den phantastischen Er­zählungen eines Herbert George Wells. Und hierum geht es im Detail:

Man schreibt Anfang April 1894, als ein Totgeglaubter wieder in Erscheinung tritt: Dr. John Watson fällt buchstäblich in Ohnmacht, als sich ein Mann in sei­nem Beinsein unvermittelt in den Detektiv Sherlock Holmes verwandelt, der drei Jahre zuvor in die Schweizer Reichenbachfälle gestürzt ist, augenscheinlich zusammen mit seinem Rivalen und Erzfeind Professor James Moriarty, dem „Napoleon des Verbrechens“.2

Holmes ist zurück, aber er verhält sich höchst eigenartig, und dafür hat er auch allen Grund, denn es trachtet ihm jemand nach dem Leben – in einer raffinier­ten Finte bringt er jedoch den Attentäter zur Strecke: Oberst Sebastian Moran, den Vertrauten Moriartys, dem er erfolgreich die Urheberschaft an dem Mord an dem ehrenwerten Ronald Adair nachweisen kann.3

Doch kaum verabschiedet sich Holmes am Ende jenes Abenteuers wieder von seinem glücklichen Adlatus Watson – und damit sind wir am Beginn des vorlie­genden Romans – , da fängt das eigentliche Abenteuer erst an. Denn in London verschwinden Menschen, und zwar ziemlich viele Menschen. Diskret, nächtens, meist in den Armenvierteln der Stadt, aber schließlich löst sich auch William Dunning in Nichts auf, ein Verwandter von Sir Reginald Dunning, der Holmes in­ständig darum bittet, tätig zu werden. Der Detektiv beginnt folgerichtig zu er­mitteln und stößt dabei nicht nur auf einen rätselhaften, gejagt wirkenden Fremden, der vor seinen Nachstellungen flüchtet, sondern auch auf Inspektor Charles Kent von Scotland Yard, der seinerseits – inoffiziell – mit dem Dunning-Fall befasst ist.

Zusammen, und damit nimmt Kent die Watson-Rolle ein, ermitteln sie fortan in einem zunehmend unglaubwürdiger werdenden Setting. Soll man tatsächlich annehmen, dass „blasse Geister“ die Menschen von den Straßen wegfangen? Und was ist mit den abstrusen Theorien über Reisen durch die Zeit? Ist irgend­etwas daran, dass die Gefahr aus der Zukunft stammen soll, die es ja bekannt­lich noch gar nicht gibt? Erst, als Holmes dann ein leibhaftiger Zeitreisender schwer verletzt vor die Füße fällt, beginnt der Detektiv selbst an die ungeheuer­liche Geschichte zu glauben: Ja, es gibt Zeitreisen. Und ja: in der fernen Zukunft existiert eine finstere Bedrohung der Menschheit, die sich anschickt, gerade im viktorianischen London sesshaft zu werden. Niemand Geringeres als zeitreisen­de Morlocks sind dabei, die Erde der Vergangenheit zu kolonisieren und die Zukunft des Menschengeschlechts auszulöschen…

Wie schon gesagt, der amerikanische Verfasser begibt sich hier auf eine abenteuerliche Gratwanderung und Reise in den Abgrund der Spekulation, in dem sich Sherlock Holmes eigentlich notorisch unbehaglich fühlen müsste, wo er doch das solide Fundament des festen Wissens verlassen muss, um sich in die windigen Abgründe des Was-wäre-wenn? und der spekulativen Abgründe des Möglichen und Unmöglichen zu verirren. Dabei kann man als Leser attestie­ren, dass Vaughan seine Basisliteratur gut kennt, eben die Ausgangsgeschichte um das „leere Haus“ ebenso wie H. G. Wells´ Klassiker „Die Zeitmaschine“. Ebenfalls gut eingefangen ist die Atmosphäre des düsteren spätviktorianischen London und die etwas blasierte, voreingenommene und elitäre Weltsicht zahl­reicher Protagonisten.

Die Sprache bereitete beim Lesen anfangs ein wenig Schwierigkeiten, was mög­licherweise der Übersetzung geschuldet war – sie wird im Laufe des Buches deutlich besser und weniger zäh. Vielleicht ist das auf die Verteilung der Über­setzer zurückzuführen. Bedauerlich ist es, dass der nur 190 Seiten lange Roman erst auf Seite 29 tatsächlich zu Sherlock Holmes überleitet. Der Klappentext ver­rät notorisch zu viel und zerstört, zumal für Leser, die die genannten Werke schon kennen, jede Menge Spannung. Dass die Morlocks durchaus imstande sind, die Zeitmaschine des Zeitreisenden nachzubauen, nimmt dann allerdings nicht wunder – war doch schon bei Wells klar, dass die Morlocks die eigentli­chen technischen Genies darstellten, Kannibalen hin oder her.

Schade war ab dem Moment, wo die Zeitmaschine dann tatsächlich auftaucht, dass die Geschichte selbst völlig abhob… und mit der Einführung der Morlock-Königin, der zeitreisenden, entschwand dann die Glaubwürdigkeit der Story, der Holmes-Story (!) ziemlich brüsk. Bedauerlich war auch, dass die Idee an sich nicht wirklich neu war. Unweigerlich kam hier nämlich die Erinnerung an einen Kinofilm auf, der Vaughan zweifelsohne ebenfalls bekannt war: „Star Trek 8: Der erste Kontakt“. Hier wie dort wird bei einer vorher quasi asexuellen Gesell­schaft – hie Borg, dort Morlocks – unvermittelt eine „Königin“ in Stellung ge­bracht (jüngst übrigens dann auch bei „Independence Day 2“, und hie wie dort ist die Vernichtung der „Königin“ gleichbedeutend mit dem Ausschalten der Be­drohung.

Ehrlich, ich hätte mir deutlich mehr Skepsis seitens von Sherlock Holmes gewünscht. Und mir wäre es lieber gewesen, wenn er seinen treuen „Ecker­mann“ Watson mit seinem Revolver an seiner Seite gehabt hätte. Inspektor Kent war, mit Verlaub, doch kein annähernd adäquater Ersatz. Infolgedessen ließ sich das Buch zwar binnen von drei Tagen geschwind und durchaus unter­haltsam auslesen…

Ich betrachte es gleichwohl nur als mittelmäßiges Epigonenwerk und kann die Lektüre nur für ausgesprochene Holmsianer wirklich empfehlen… oder natür­lich für all jene, die das Was-wäre-wenn schätzen und gern wissen möchten, nachdem sie Wells´ Klassiker mit Genuss goutiert haben, was wohl geschehen würde, wenn die Morlocks sich auf den Weg in die Vergangenheit machten. Aber da wäre ihnen sicherlich mit Stephen Baxters Roman „Zeitschiffe“ mehr gedient.4 Auch hier wandelt der Autor in den Fußstapfen von H. G. Wells, doch weitaus visionärer, als es Vaughan jemals intendierte. Dafür hinwiederum ent­behrt man bei Baxters Buch natürlich des legendären Detektivs und lebendiger Charaktere. Man kann eben nicht alles haben, sondern ist zur Kompromissbil­dung gezwungen.

Welches der Bücher ihr euch als Gutenacht-Lektüre auf den Nachttisch legen mögt, solltet ihr also nach gründlicher Abwägung der Fakten entscheiden. Viel­leicht waren meine obigen Worte dabei ein wenig hilfreich. Und wer weiß, viel­leicht erscheinen ja auch noch mehr Vaughan-Holmes-Romane bei Blitz. Denk­bar zumindest ist es sicherlich. Lassen wir uns da mal überraschen.

© 2017 by Uwe Lammers

Ihr seht, auch wenn ich Sherlock Holmes-Fan bin, macht das nicht restlos be­triebsblind. Es gibt eben solche und solche Werke, und dieses hier ist, bei allem Respekt vor der Leistung des Autors und der Übersetzer, doch durchwachsen. Zum Schluss hin hebt es dann leider arg ab, dafür hätte sich womöglich eine ge­scheitere, bodenständigere Lösung finden lassen… aber sei’s drum. Es gibt ja noch mehr Epigonengeschichten. Zweifellos werdet ihr an dieser Stelle noch weitere solche Werke besprochen vorfinden, das ist allein eine Frage der Zeit. Wir sind hier ja nicht auf einem reinen Holmes-Blog, nicht wahr?

Ja, der hätte zweifelsohne auch seinen Reiz, aber diese Baustelle bewirtschafte ich nun wirklich nicht, das soll jetzt niemand von mir erwarten.

In der kommenden Woche kehre ich wieder einmal zu einem meiner Lieblings­autoren und seinen Kooperationspartnern zurück… richtig, zu Clive Cussler. Worum es diesmal genau geht und wie sich die Helden der NUMA aus der Gefahrenschlinge ziehen, erfahrt ihr in sieben Tagen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Man vgl. hierzu beispielhaft den Rezensions-Blog 146: „Schatten über Baker Street“ vom 10. Januar 2018.

2 Vgl. Arthur Conan Doyle: „Sein letzter Fall“, veröffentlicht in The Strand, Dezember 1893.

3 Vgl. Arthur Conan Doyle: „Das leere Haus“, veröffentlicht in The Strand, Oktober 1903. Hier ist der Fall eben­falls auf April datiert, was mit dem Beginn des vorliegenden Romans gut korreliert. In der Zeitlinie von Mike Ashley wird die Geschichte auf Februar 1894 rückdatiert. Vgl. dazu Mike Ashley (Hg.): „Sherlock Holmes und der Fluch von Addleton“, Bastei-Lübbe 14916, Bergisch-Gladbach 2003, S. 731. Vgl. zu dieser schönen Antho­logie auch den Rezensions-Blog 5 vom 29. April 2015.

4 Vgl. Stephen Baxter: „Zeitschiffe“, Heyne 13533, München 2002.

Liebe Freunde des OSM,

beim letzten Mal kam ich mit der Durchleuchtung meiner kreativen Tätigkeiten bis tief in das Jahr 2013, und damit biss sich die Blog-Tätigkeit gewissermaßen wie eine Schlange in den eigenen Schwanz, denn nun konnte ich erstmals auch über die frühen E-Book- und Blogartikelzeiten reflektieren. Eine faszinierende Erfahrung. Jetzt bekommt ihr also etwas über Zeiten zu lesen, die ihr selbst schon als Blogleser und E-Book-Leser kennt. Nur die hier referierten Hintergrün­de sind euch bislang so nicht bekannt gewesen.

Starten wir gleich mal durch. Nächster Zwischenstopp: August 2013.

Ein Monat, in dem ich wieder 32 fertig gestellte Werke in meine Storystatistik eintragen konnte. Vier davon waren neue Blogartikel. Dann muss ich gestehen, dass es eigentlich an ein Wunder grenzt, dass ich in dem Monat so viel schaffen konnte, weil mich etwas sehr vom Arbeiten ablenkte – und das war die Reno­vierung meines so genannten Wäschezimmers. Das bedarf einer kurzen Erläute­rung für die Unwissenden und gewissermaßen auch für die Nachwelt:

Mein Wäschezimmer trägt seinen Namen davon, dass dort der Wäscheschrank bzw. die Wäscheschränke stehen. Aber mehr als die Hälfte des Raumes wird zu­dem von einem geerbten massiv hölzernen Sekretär, Bücherregalen, Bücher­schränken und vollen Kartons ausgefüllt, so dass man das Zimmer mit Fug und Recht auch als mein zweites Bibliothekszimmer bezeichnen könnte. Dieses Zimmer zu renovieren, was nach einem schon länger zurückliegenden Wasser­schaden unabdingbar war, erwies sich als insofern kompliziert, als die Sachen, die sich darin befanden, ja irgendwo bleiben mussten – sie wurden zu einem guten Freund des Fördervereins Phantastika Raum & Zeit e.V. ausgelagert, zum Teil jedenfalls, zu einem anderen Teil auf den offenen Laubengang vor meiner Wohnung gestellt.

Die Renovierung selbst nahm die Zeit vom 4.-7. August in Anspruch. Das Wetter war uns dabei glücklicherweise gewogen… bis ich alles dann wieder an Ort und Stelle hatte, brauchte es weitere Wochen, aber das ging so nach und nach von­statten.

Zwischendrin füllte ich die sonstige Zeit mit Jobrecherche, Jobsuche und – na­türlich – der kommentierten Abschrift von OSM-Episoden, namentlich aus KON­FLIKT 18 „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“, aus KONFLIKT 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“, ich schrieb ab oder formatierte neu oder verfasste neu zahlreiche Gedichte und Rezensionen… und am 21. August vollen­dete ich ein neues Biografiekapitel für meine Magisterarbeit, an deren vollstän­diger Umarbeitung ich mit starker, dankenswerter Unterstützung von Frau Pro­fessor Dr. Nicole Karafyllis von der TU Braunschweig arbeitete. Um der Wahrheit die Ehre zu geben – ohne ihre Beharrlichkeit wäre ich wahrscheinlich, genügsam, wie ich nun mal wissenschaftlich bin, gar nicht auf diese Idee ge­kommen.

Am 29. August wurde diese Arbeit dann endlich unter dem neuen Titel „Sieben Leben – Karriereverläufe in der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Tech­nischen Hochschule Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig. Von Ewald Banse bis Ernst-August Roloff senior“ abgeschlossen und bald darauf in der Digitalen Bi­bliothek der TU Braunschweig eingestellt. Hier kann jeder Interessierte inzwi­schen mühelos auf sie zugreifen und sie downloaden für weitergehende For­schungen (wovon, wie ich weiß, auch schon rege Gebrauch gemacht wird).

Da ich nun eine Baustelle weniger zu bewirtschaften hatte, die mich doch or­dentlich Zeit gekostet hatte, ging ich im September verstärkt dazu über, wie auch schon im August Episoden des KONFLIKTS 15 „Oki Stanwer“ neu zu forma­tieren. Ich sollte in diesem Monat, der 33 fertig gestellte Werke am Ende zählte, mit der Neuformatierung dieser Serie an ein Ende gelangen.

Noch eine Baustelle weniger. Puh!

Fünf weitere Blogartikel entstanden, ein Nachruf auf Frederik Pohl, das E-Book 10 „Rätselhafte Retter“ wurde fertig, weitere kommentierte Abschriften des KONFLIKTS 18 konnten abgeschlossen werden. Und ich schlitterte zurück in den stiefmütterlich behandelten KONFLIKT 21 „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“, wo ich endlich die abenteuerliche Geschichte um den Aufstand der Totenköpfe auf dem Planeten Höolyt weiter verfolgen konnte. Ihr kennt einen Teil dieser Geschichte sicherlich schon aus der Annalen-Story „Heimweh“. Die BWA-Leser lernen derzeit einen weiteren Abschnitt aus diesem KONFLIKT kennen, wenn sie sich mit dem Fortsetzungsroman „Die Totenköpfe 1: Die Alte Armee“ lesend beschäftigen.

Ansonsten bemühte ich mich, an zahlreichen OSM-Fragmenten der Annalen voran zu kommen. Aber ihr könnt es euch vorstellen: zu viele Erwartungen, zu viele Baustellen auf einmal. Die kurze Auflistung der Fragmente, an denen ich voran kam, mag das hinreichend belegen: „Die Optimierungsfabrik“, „Geister“, „Neu-Babylon“ und „Kontrollverlust“… keine reale Chance, hier wirklich weit in Richtung Vollendung zu gelangen. Da bin ich noch bei keinem dieser Fragmente bis heute angelangt.

Der Monat Oktober – die Geburtstagshäufungen begannen meinen Terminplan wie jedes Jahr zu stören – kam dann nur noch auf 25 fertig gestellte Werke. Kein Wunder, war doch die Neuformatierung von KONFLIKT 15 beendet, deren Epi­soden bislang für eine rasche Häufung der fertigen Werke gesorgt hatten.

Ich arbeite an KONFLIKT 18 (kommentierte Abschrift), KONFLIKT 14 (dito), KON­FLIKT 22 „Oki Stanwer – Der Schattenfürst“, wo es immer noch rein maschinen­geschriebene Episoden gab. 5 Blogartikel entstanden auch in diesem Monat, dazu kümmerte ich mich intensiv um die Abschrift alter Annalen-Geschichten, zu denen auch gleich die passenden Glossare mit abweichenden Seitenzahlen entstanden. So schloss ich „Die leblosen Doppelgänger“ und „Revolte der Okis“ ab, außerdem das E-Book 11 „Die Katze, die die Sonne stahl“.

Kurzzeitig wagte ich mit dem Fragment „Falsche Voraussetzungen“ eine Stipp­visite im Archipel, kam aber erwartungsgemäß nicht sonderlich weit. Ebenso er­ging es mir mit „Julianna“.

Dann doch lieber an E-Books weiterschreiben, überlegte ich und stürzte mich konzentriert auf mehrere weitere Texte, die alsbald veröffentlicht werden soll­ten. Ein wenig feilte ich, wenn ich dort nicht vorankam, an „Sherlock Holmes und der Tunguska-Fall“, an „Spurensuche in Babylon“ und „Die automatische Stadt“… und dann war überraschend der Monat schon wieder um. Viele Bau­stellen erzeugen halt eine ganz eigene Form von verstreichender Zeit – da könnt ihr jedermann fragen, der viel um die Ohren hat. Die Tage, Wochen und Monate fliegen nur so dahin. Das ist die reine Wahrheit, und wenn man die Arbeit auch noch gerne tut, geht es noch geschwinder.

Dann dämmerte also bereits der November des Jahres 2013 herauf… abenteuerlich schnell. Hier gab es nur noch 19 fertige Werke zu zählen, als der letzte Tag des Monats anbrach. Davon vier Blogartikel. Was schaffte ich da noch so?

Nun, ich erreichte beispielsweise eine schöne Neuformatierung einer meiner äl­testen Archipel-Geschichten, nämlich „Shareena und das Mädchen mit dem Zauberhaar“. Ihr kennt diese Fassung inzwischen aus meiner dritten E-Book-Storysammlung „Reinkarnation und andere phantastische Geschichten“, die im August 2015 herauskam… manche Geschichten sind also schon frühzeitig fertig gestellt, aber bis sie dann zu euch gelangen, das kann dauern.

Ich fuhr fort mit der Neuformatierung von Gedichten, mit der kommentierten Abschrift von OSM-Episoden verschiedener vorhin bereits erwähnter Serien und besuchte KONFLIKT 24 „Oki Stanwer – Der Neutralkrieger“, um mich um ein Volk schwarzer Zwergenwesen zu kümmern… der Shonta? Ah, knapp daneben, Freunde. Nein, Mörder heißen sie in diesem KONFLIKT, und mit demselben Volk hatte ich es im gleichen Monat noch mal zu tun, jedoch 25 Milliarden Handlungsjahre früher, weil ich mich wieder auf der Welt Dawson in KONFLIKT 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ tummelte.

Ich sage doch, im OSM wird es wirklich überhaupt nicht langweilig, man kommt da echt weit herum. Und manchmal kann man tatsächlich mal was abschließen (lach). Nebenbei, möchte ich beinahe sagen, wurde das E-Book 12 fertig, „Am Rand der Bebenzone“.

Und schwupp… schon war es Dezember. Dieser Monat erbrachte nur noch 15 fertige Werke, darunter 10 (!) Blogartikel und ein E-Book, nämlich „Ins Innere der Maschine“. Ansonsten hatte ich es mit einer erstaunlichen Häufung von Fragmenten zu tun, die sowohl aus dem Archipel kamen als auch aus dem OSM. Eine kleine Übersicht gefällig? Im Archipel-Sektor beschäftigte ich mich mit „Das Los der Lady Renata“, „Brigitta“, „Falsche Voraussetzungen“ und der Neu­formatierung des Romans „Rhondas Weg“, der ja – wie vielleicht erinnerlich – fast 2.000 Textseiten umfasste.

Der OSM-Sektor war, wie stets, deutlich vielfältiger, was nicht zwingend bedeu­tete, dass ich in diesem Monat damit glücklicher wurde (glücklich bin ich dann, wenn die Geschichten auch fertig werden, und das geschah eben nicht): „Der Sphäroid“, „Mariann, die Skelettfrau“, „Auf Space“, „Der Veteran“, „Enklave Xissorah-44“ und „Das Akademie-Problem“ wurden etwas weiter ausformuliert.

Außerdem gelang es mir, buchstäblich kurz vor Jahresende (28. Dezember), mit der Neuformatierung des Hintergrundtextes „Der GRALSJÄGER-Krieg“ ein weiteres Werk in eine gescheite Form zu bringen. Summa summarum kam ich im Jahr 2013 damit auf nicht weniger als 350 fertig gestellte Werke. Natürlich, sehr viele Blogartikel und unglaublich viele abgeschriebene, kommentierte und neu formatierte OSM-Episoden, aber es WAREN abgeschlossene Werke, nicht irgendwelches Flickwerk, nicht so ein Wust an Fragmenten (den gab es natür­lich auch noch).

Alles in allem schaute ich sehr zufrieden auf das Jahr 2013 zurück und war schon sehr gespannt darauf, wie es 2014 weitergehen würde. Davon erzähle ich euch beim kommenden Mal.

Nächste Woche befassen wir uns aus aktuellem Anlass mit einem wichtigen Themenkomplex des OSM, wenn auch nicht erschöpfend – mit Matrixfehlern und einer Variante des Lebens nach dem Tode im Oki Stanwer Mythos.

Wenn ihr neugierig geworden seid, schaut einfach wieder rein!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 157: Lustnächte

Posted März 28th, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

gute Bücher sind immer zu kurz… ihr kennt dieses Fazit von mir, es trifft nahezu in allen Fällen zu. So ist das auch mit dem unten stehenden Roman, den ich buchstäblich verschlungen habe und aus dem ich mich nicht lösen konnte. Er befriedigt auf faszinierende Weise sowohl historisch-biografische Sehnsüchte als auch erotische Wunschvorstellungen und passte deshalb gleich auf zweierlei Weise in mein aktuelles Leseschema.

Dass sich hinter dem unspektakulär und rein erotisch wirkenden Titel und Cover eine raffinierte und sehr detailreiche Schatzsuche nach einem realen Schatz versteckt, konnte ich anfangs nicht ahnen, als ich mir das Buch antiquarisch kaufte. Aber ich wurde in mehrerlei Hinsicht überrascht: durch eine Autorin, die mit Witz und vergnüglichem Charme eine erotische Burleske erschuf, durch höchst sympathische Charaktere mit eigenem Kopf (der ihnen bisweilen ordent­lich selbst im Weg steht), und zum dritten durch die Reaktivierung einer alten Schatzsuchergeschichten-Sehnsucht, die mich gedanklich geradewegs in die 90er Jahre zurück katapultierte.

Ja, was mag wohl im Hochmittelalter geschehen sein, als der Orden der Tempel­ritter der Verdammnis anheimfiel und seine Schätze verschwanden? Wohin mö­gen sie verschwunden sein, und was war wohl an den Gründen dran, die zur Auslöschung des Ordens führten? Dieser Roman bietet für die Vorkommnisse eine mögliche Lösung an und führt zu einem abenteuerlichen und gefährlichen Geheimnis. Und natürlich gibt es der fleischlichen Liebe mehr als genug mit lei­denschaftlichen Protagonisten.

Schaut einfach mal weiter, ob ihr davon ebenso neugierig werdet wie ich vor ein paar Monaten:

Lustnächte

Von Barbara DuMont

Heyne 54555

288 Seiten, TB (2013)

zuvor 2011 bei Plaisir d’Amour erschienen

ISBN 978-3-453-54555-7

Frauen sind für den sinnlichen und stürmischen Liebhaber Pierre LeBreton ei­gentlich nur angenehme Gesellschaft für eine oder maximal mehrere Nächte. Er neigt dazu, seine Gespielinnen in munterem Wechsel in sein Bett zu ziehen, und bislang fährt der Architekt damit gut. Er führt in seiner Heimat Frankreich ein eigenes Architekturbüro, zusammen mit seinem Juniorpartner Marc Meunier und seinem Lebenspartner Jean-Luc. Das ändert sich, als die deutsche Touristin und Historikerin Beatrix Greifenberg, auf dem Weg in den Frankreich-Urlaub, übernächtigt mit ihrem Kleinwagen seinen Gartenzaun zu Brennholz verarbeitet und dabei verletzt wird.

Denn ohne es zu wollen, fühlt Pierre sich unweigerlich zu dieser schönen, jun­gen Frau hingezogen, und sein Ansinnen ist es – natürlich – , sie kurzerhand erst mal in sein Bett abschleppen zu wollen. Womit er sich dann aber, ganz unty­pisch, Zeit lässt. Es dauert, bis er zu begreifen beginnt, dass er diese Frau nicht nur für ein kurzweiliges erotisches Abenteuer besitzen, sondern er mit ihr et­was durchaus Ernsteres anfangen will.

Und auch die sinnliche Beatrix, oft sanft französisch „Beatrice“ angesprochen, fühlt sich zu dem charmanten Franzosen hingezogen. Sie hat allerdings auch ih­ren Stolz und macht es ihrem „Retter“ nicht eben leicht, von ihm erstürmt zu werden. Also ersinnt Pierre einen Plan, um sie in seiner Nähe zu halten. Der Zu­fall macht es ihm leicht.

Er hat kurz zuvor bei der Renovierung eines alten Klosters ein verborgenes, in Latein abgefasstes Dokument gefunden. Pierres Freunde recherchieren nun, dass dieses Dokument offensichtlich auf einen legendären historischen Schatz hinweist – auf die verschollenen Reichtümer des untergegangenen Templer-Rit­terordens. Da Beatrix Historikerin ist, zeigt sie sich natürlich anfangs – ebenso wie Pierre – skeptisch, doch sie fängt bald Feuer, als sich die Indizien immer mehr verdichten. Und um sie in seiner Nähe zu halten, begibt er sich mit ihr auf abenteuerliche Schatzsucher in Südfrankreich.

Offensichtlich hat der gute Abbé Saunière, gestorben während des Ersten Welt­kriegs, in der südfranzösischen Ortschaft Rennes-les-Château über viele Jahre hinweg unglaublich viel Geld besessen, das er unter anderem dazu nutzte, die Pfarrkirche gründlich zu renovieren… wobei er einige seltsame Änderungen vornahm. Pierre und Beatrix machen sich also auf den Weg nach Rennes-les-Château und stecken bald bis über beide Ohren tief in den verwirrenden Pfaden der Vergangenheit fest. Dabei entdecken sie, in Zusammenarbeit mit Marc, wie hochkomplex doch der so bieder scheinende Pfarrer mit der örtlichen Hierarchie und seinen Standeskollegen in Nachbargemeinden verflochten war. Und ehe sie sich versehen, spüren sie auch dem unsoliden Liebesleben des Abbé nach, klettern in Burgruinen umher, besuchen Museen und studieren Bücher, die die Kurie kurzerhand wieder weitgehend hat einstampfen lassen. Rätselhafte Kontenbewegungen und ein Geheimorden, der „Orden von Sion“, scheinen in die Angelegenheit mit involviert zu sein.

Während Pierre auf zunehmend stürmischere Weise an sein Liebesziel gelangt und wieder und immer wieder seine „Beatrice“ zu abenteuerlichen Liebesspielen verführt – zunehmend mit ihrem hitzigen Einverständnis – , wird für ihn die Suche nach dem Templerschatz zunehmend unwichtig. Er fand sie bedeut­sam genug, um Beatrix in seiner Nähe zu halten… doch dummerweise hat SIE nun Feuer gefangen und will davon nicht ablassen.

Pierre amüsiert das, da er es weiterhin für eine aussichtslose Angelegenheit hält. Er ist immer noch nicht von der Realität des Schatzes überzeugt, selbst als er einen abendlichen „Spanner“ in Rennes-les-Château auf derbe Weise davon abgebracht hat, sie beide weiter zu beobachten. Er denkt sich nichts dabei, dass dieser „Spanner“ den Priesterkragen getragen hat – schlicht, weil er einfach liebeskrank oder, wie Beatrix das manchmal sagt, „schwanzgesteuert“ ist (was sie durchaus genießt). Als problematisch sieht sie indes, dass Pierre ein zwar charmanter, aber offensichtlich notorischer Lügner ist. Wie soll sie seinen Liebesbeteuerungen also Glauben schenken?

Dass sie die ganze Zeit unter Beobachtung stehen, ist ihnen allen bis zuletzt nicht klar. Und auf diese Weise geraten sie dann auch in Lebensgefahr… denn bislang ist noch jeder, der dem Templerschatz nachspürte, ums Leben gekom­men…

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden“, steht fast mahnend über dem Impressum dieses erotischen Romans – allein das ist schon verblüf­fend, denn aus anderen Romanen dieser Struktur kenne ich derlei „Sicherheits­hinweise“ nicht… doch bei fortschreitender Lektüre wurde mir klar, warum das notwendig war zu betonen. Die ganzen Ereignisse rings um Rennes-les-Château sind so erstaunlich dicht dargestellt, dass man als Leser tatsächlich den Eindruck gewinnt, es handelte sich bei den erwähnten Personen um Gestalten der Zeit­geschichte. Die Autorin nimmt sich sehr viel Zeit und Raum, um nicht nur die historische Tiefendimension bis hin zur Zeit Jesu Christi auszuleuchten und die weithin bekannte Vergangenheit des Templerordens darzustellen, sondern sie verwendet dieselbe Sorgfalt auch auf die französischen Kirchenprotagonisten, die südfranzösischen Adeligen und die Locations. Da dabei die Kirche nur be­dingt gut wegkommt, war es zweifellos eine gute Vorsichtsmaßnahme, den zi­tierten Satz ins Impressum aufzunehmen.

Ich vermute, einen Gutteil der intensiven Schilderung ist auf solche Werke zum Thema zurückzuführen, wie sie Lincoln/Baigent/Leigh historisch und Dan Brown belletristisch verfasst haben. Zahlreiche Details des Romans dürften aus solchen Vorlagen 1:1 übernommen und lediglich mit neuen Namen ausstaffiert worden sein. Da ich in diesen Werken aber nicht sehr belesen bin, ist das jetzt aktuell nur eine Mutmaßung.

Der Roman fährt jedenfalls auf interessante Weise zweigleisig. Auf der einen Seite haben wir die klassische – und in diesem Fall außerordentlich stürmische – Liebesgeschichte zwischen Pierre und seiner ungläubigen Beatrix, die sich sehr vergnüglich liest. Das hat nicht zuletzt mit den Eifersuchtsanfällen der Prot­agonisten zu tun, die zwar mehrheitlich unsinnig sind, dem Roman aber einiges Feuer verleihen. Über den Ausgang der Liebelei mit all ihren Höhen und Tiefen sei nichts verraten, das muss der Leser selbst lesend und genießend erfahren. Bedauerlich ist natürlich, dass hierbei die Person der Beatrix biografiehistorisch vollkommenes Brachland bleibt. Da hätte man sich schon gelegentlich etwas mehr gewünscht, vielleicht auch mehr über die Zeitspanne, die ihr zur Verfü­gung steht und über familiäre oder berufliche Bindungen an die Heimat… da herrscht eigentlich gähnende Leere, wie ich rückblickend konstatieren muss.

Der zweite Handlungsstrang, der sonst in erotischen Romanen schnell zur Ne­bensache wird, wenn es zwischen den Hauptpersonen „zur Sache“ geht (habe ich oft genug in anderen Romanen dieses Couleurs erlebt), ist derjenige, in dem den Spuren des Templerschatzes nachgegangen wird. Und tatsächlich wird die­ser Strang, ungeachtet aller erotischen Wirren, bis zum Schluss stringent durch­gehalten. Das fand ich sehr beachtlich, zumal er so komplex strukturiert war, dass lange Zeit unklar blieb, worin eigentlich der Schatz bestand, nach dem ge­sucht wurde, oder ob die Suche in irgendeiner Weise zum Ziel führen würde. Dieser Handlungsstrang ist mit viel Liebe zum Detail ausgebaut, was mir sehr gut gefallen hat. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass ich a) Historiker bin und b) Schatzsuchergeschichten nun mal für mein Leben gern lese. Es ist einfach ein schönes, plausibles Setting, das ich in vielen anderen Büchern dieser Art sonst schmerzlich vermisse.

Das ist also das Positive an diesem äußerst lesbaren Roman, der sich mühelos in drei Lesetagen verschlingen lässt – wie es mir widerfuhr. Bedauerlich ist in mei­nen Augen allerdings, dass die Autorin sich am Schluss dazu hinreißen ließ, un­bedingt noch ihr historisches Detailwissen an den Mann bringen zu wollen und meinte, die verbliebenen Unklarheiten aufhellen zu müssen. Meiner Ansicht nach ist sie damit, ohne jetzt Details verraten zu wollen, deutlich übers Ziel hin­ausgeschossen. Die letzten knapp 20 Seiten des Romans hätte sie m. E. besser anders gestalten sollen… ah, aber sei’s drum. Alles in allem hat mir der Roman gut gefallen – und für einen Debütroman ist er ausgezeichnet gelungen.

Sollte man sich für einen Urlaub warmhalten, das Buch macht wirklich gute Lau­ne und inspiriert vielleicht auch zu dem einen oder anderen erotischen Abenteuer mit der Partnerin oder dem Partner.

© 2017 by Uwe Lammers

Na, das war eine turbulente kleine Achterbahnfahrt durchs moderne Frank­reich, nicht wahr? Auch in der kommenden Woche machen wir eine Reise… al­lerdings kehren wir damit ins viktorianische England zurück, zum weltberühm­testen „ermittelnden Detektiv“, der eine ungeheuerliche Entdeckung macht.

Näheres dazu gibt es in der kommenden Woche an dieser Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.